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„Echt, das kann man selbst machen?“

Alltagskompetenzen „Echt, das kann man selbst machen?“

Sie wollen lernen, selbstverantwortlich, selbstbestimmt und eigenständig ihr Leben zu führen: Vier junge Frauen besuchen einen Kurs des St. Elisabeth-Vereins Marburg zu Alltagskompetenzen.

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Im Kurs „Von der Tiefkühlpizza zum Drei-Gänge-Menü“ des St. Elisabeth Vereins Marburg lernen Josephine Schmidt (großes Bild, von links) und Victoria Nürenberger von Kursleiter Stefan Raulf Alltagskompetenzen wie Kochen und Haushalten.

Quelle: Katharina Kaufmann

Marburg. Die Erkenntnis, dass man auch ohne Fertigmischungen aus der Tüte lecker kochen kann, schlägt ein wie eine Bombe. Den erstaunten Ausruf „Echt, das kann man selbst machen?“ hört Stefan Raulf, Auszubildender zum Erzieher, nicht nur einmal. Vier junge Frauen besuchen seinen Kurs „Von der Tiefkühlpizza zum Drei-Gänge-Menü“ und kommen dabei aus dem Staunen manchmal nicht mehr hinaus.

Spielerisch und mit viel Spaß sollen die Kursteilnehmerinnen das eigene Ernährungsverhalten und die damit zusammenhängende Verbraucherrolle näher untersuchen. So sieht es das Konzept von Raulf, der bei der Hephata Akademie für soziale Berufe Fachschule für Sozialpädagogik lernt, vor. „Mein Ziel ist es, den jungen Frauen Alltagskompetenzen in den Bereichen Ernährung, Geldverwaltung und Haushaltsführung zu vermitteln“, erklärt der 49-Jährige, der in seinem „ersten Leben“ in der Versicherungsbranche tätig war. Er will nicht nur über die Gefahr von vorschnell abgeschlossenen Handyverträgen aufklären, sondern auch für preisbewusstes Einkaufen sensibilisieren. „Gutes Haushalten macht ein kleines Einkommen groß oder zumindest größer“, betont er. Und das sei für Jugendliche doch besonders wichtig.

Kurs „Von der Tiefkühlpizza zum Drei-Gänge-Menü - ein Kurs zur Förderung von Alltagskompetenzen" des St. Elisabeth Vereins Marburg. Josephine Schmidt und Victoria Nürenberger mit Kursleiter Stefan Raulft. Foto: Katharina Kaufmann

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Acht Termine à vier Stunden haben die Kursteilnehmerinnen absolviert, Theorie und Praxis miteinander verknüpft. Ein dicker Ordner dokumentiert alles noch einmal schriftlich, von den verschiedenen Rezepten bis hin zu den lebensnahen Tipps im Umgang mit Geld. Sein Konzept, das Raulf als offizielle Hausarbeit im Rahmen seiner berufsbegleitenden Ausbildung entwickelt hat, richtet sich vor allem an Jugendliche in den Außenwohngruppen des St.-Elisabeth-Vereins, an junge Erwachsene in der Verselbstständigung sowie Alleinlebende im Betreuten Wohnen.

Zum Abschluss des Kurses wagen sich die Teilnehmerinnen an ein Drei-Gänge-Menü: Spargelcremesuppe soll es als Vorspeise geben, als Hauptgang Entenschenkel mit Knödeln und Rotkraut, und zum Nachtisch wird Pannacotta mit Erdbeermousse serviert. Alles selbst zubereitet. Auch die Einladungskarten und die Tischdekoration haben die jungen Frauen selbst gestaltet: Nun ziert ein Piratenschiff gebaut aus Karton und Papier und bunt bemalt den Tisch im Jugendbistro des St.-Elisabeth-Vereins in der Neuen Kasseler Straße. Daneben stehen Glasvasen mit Flieder. Auf der Tischdecke liegen zudem Efeuranken. „Das sieht doch schon mal gut aus“, lobt Raulf und ein schüchternes Strahlen überzieht die Gesichter. Anfangs, so berichtet der Kursleiter, seien die vier noch sehr unsicher gewesen und hätten sich nichts zugetraut. Das habe sich von Stunde zu Stunde, von Woche zu Woche geändert.

Selber kochen kann günstiger und gesünder sein

Victoria Nürenberg und Josephine Schmidt, die beide in einer Wohngruppe des Elisabeth-Vereins leben, haben Spaß an der neuen Erfahrung. Fleißig schälen sie den Spargel, putzen die Erdbeeren, schneiden alles in Stücke und werfen es in Kochtöpfe. „Und jetzt?“, fragen sie fast im Chor und lassen sich von Stefan Raulf erklären, wie es im Rezept weiter geht.

Es geht locker und lustig zu in der kleinen Runde. Keiner nimmt ein Blatt vor den Mund.  „Und da kochen wir jetzt auch den Müll mit oder was?“, fragt Victoria Nürenberg und schaut etwas ungläubig drein. „Warum hab ich den Spargel dann überhaupt geschält?“, will sie wissen. Raulf klärt auf: „Die Schale gibt der Suppe den richtigen Geschmack, mitessen wollen wir sie trotzdem nicht“, sagt er: „Wir nutzen nur den Sud, der durch das Kochen der Schale entsteht.“ Denn auch auf Nachhaltigkeit legt der Erzieher-Azubi wert. Von den Lebensmitteln wird so viel wie möglich weiterverwertet. Denn auch das sollen die jungen Frauen lernen: Nicht alles muss gleich weggeworfen werden.

Am Ende des Abends steht noch eine letzte Erkenntnis: „Was meint ihr denn, was das Menü heute pro Person gekostet hat?“, fragt Raulf. Die Antworten der jungen Frauen liegen zwischen vier und zehn Euro. „Es sind knapp fünf Euro pro Person“, erklärt Raulf und ergänzt: „Das liegt daran, dass wir alles selbst zubereitet haben. Wenn man eine Tütensuppe kocht, ist das im Verhältnis viel teurer – und alles andere als gesund.“

von Katharina Kaufmann

St. Elisabeth-Verein
Der St. Elisabeth-Verein in Marburg ist eine gemeinnützige Jugend- und Altenhilfeeinrichtung der Diakonie. Er wurde 1879 mithilfe einer privaten Stiftung der Industriellentochter Julie Spannagel gegründet.
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