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Ebola-Impfstoff steht für Studien bereit

Marburger Virologe präsentiert neues Konzept Ebola-Impfstoff steht für Studien bereit

Der Marburger Virologe, Professor Stephan Becker, präsentierte ein Konzept, um Impfstofftests im Krisenfall zu beschleunigen.

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Impfstoff steht für Studien bereit

Eine Forscherin arbeitet im Labor des Instituts für Virologie der Universität Marburg unter der höchsten Biologischen Schutzstufe 4 (BSL4) an der Erforschung des Ebola-Virus.

Quelle: Archiv

Marburg. Impfen schützt Leben. Normalerweise dauert das Entwickeln eines Impfstoffs 
gegen eine Infektionskrankheit aber über zehn Jahre. Und kostet viel Geld. Wie das im Fall von hereinbrechenden Epidemien wie Ebola in Westafrika 
oder Zika in Südamerika beschleunigt werden kann und woher dann das Geld kommt, darüber tauschten sich Wissenschaft und Wirtschaft auf einem Informationsabend in der Alten 
Aula der Philipps-Universität Marburg aus. Eingeladen hatte das sogenannte „House of Pharma“, eine Organisation, die Pharmaforschung und -wirtschaft in Hessen verbinden und vorantreiben will.

Das Ebolavirus schlug in den Jahren 2014 und 2015 in Westafrika besonders hart zu. Rund 28 000 Infizierte registrierten die Behörden, 11 000 starben. 
Dabei unterschied sich das 
Virus nicht viel anders von 
früheren Ausbrüchen, die weit weniger Opfer verzeichneten.

Was machte Ebola so tödlich? Es lag weniger am Virus als an den sozialen Umständen, berichtet Professor Dr. Stephan Becker, der auf den Lahnbergen das Institut für Virologie der Philipps-Universität leitet. Die Seuche brach am Dreiländereck von Guinea, Sierra Leone und Liberia aus, wo eine hoch mobile Bevölkerung die ansteckende Krankheit schnell verbreitete. Außerdem sorgten die sozialen Verhaltensweisen dazu, dass sich die Infektionserkrankung über Spucke, Schweiß, Ausscheidungen leicht übertrug.

Marburger sind „Väter“ 
des Ebola-Impfstoffs

Die Weltgesundheitsorganisation rief den Notstand aus. Auch in den Industrieländern stieg die Angst vor einer sich rasch ausbreitenden Epidemie. Forschung und Wirtschaft forcierten ihre Anstrengungen, einen Impfstoff gegen das Virus anzubieten. Dabei griffen sie beispielsweise auf die Forschungsresultate des früheren Marburger Virologen Heinz Feldmann aus den 1990er-Jahren zurück, der im Jahr 2003 – dann in Diensten der kanadischen Gesundheitsbehörde – auf einen Ebola-Impfstoff ein Patent anmeldete.

In einem Forschungskonsortium entwickelte Becker den Impfstoff weiter. „Wir in Marburg waren für die Labordiagnostik verantwortlich“, sagt Becker, dessen 
Arbeitsgruppe im Hochsicherheitslabor auf den Lahnbergen mit gefährlichen Keimen experimentieren kann.

Der Schlüssel für die Immunisierung gegen Ebola ist die Proteinhülle des Virus, 
erklärt Francois Roman, der die Impfstoffforschung von 
 GlaxoSmithKline (GSK) in Belgien leitet. GSK arbeitet an 
einem weiteren Impfstoffkandidaten gegen Ebola. Die Forscher verankern ein Oberflächenprotein an einem Transportvehikel und konfrontieren das Immunsystem von Probanden damit. Das Immunsystem erkennt das Oberflächenprotein als fremd und stellt zur Abwehr Antikörper dagegen her. Antikörper im Blut bedeuten, der Mensch ist immun.

Üblicherweise wird das in drei langwierigen sogenannten 
klinischen Phasen ausgetestet. Phase I stellte die Verträglichkeit und eine generelle Reaktion im Immunsystem sicher. Phase II ermittelt die beste Dosis für die Produktion körpereigener Abwehrstoffe. In Phase III sollte die Wirksamkeit und der Schutz im Menschen verifiziert werden. Doch da war die Ebolakrise – glücklicherweise – schon vorbei. Übrigens auch aus sozialen und ökonomischen Gründen, wie Becker betont: Die Menschen hatten gelernt, mit der Krankheit umzugehen, Infizierte zu isolieren und Ansteckungen zu vermeiden.

Nun steht die Forschung vor dem Dilemma, einen Impfstoff gegen einen Erreger austesten zu müssen, der gerade nicht im Umlauf ist. Becker stellte daher ein Konzept vor, dieses Problem anzugehen. Die WHO hat aus der Ebolakrise gelernt und mit Priorität die Impfstoffsuche für das Marburgvirus, das Ebolavirus, das Lassavirus, das Nipahvirus sowie Viren mit den Kürzeln SARS und MERS gefordert.

Merck produziert 300.000 Dosen des Impfstoffs

Becker meint, Forschung und Wirtschaft sollten für diese Erkrankungen Impfstoffe durch die klinischen Phasen I und II bringen und den Impfstoff für den Fall des Seuchenausbruchs bevorraten. Bei der nächsten Erkrankungswelle müsste der Impfstoff dann sofort gegeben und die Menschen als Probanden einer Phase-III-Studie beobachtet werden.

Genau das hat der amerikanische Pharmakonzern Merck (in Deutschland unter der Marke MSD) vergangene Woche verkündet: Das Unternehmen baut seinen Produktionsstandort in Burgwedel bei Hannover aus und will in den nächsten Jahren 300.000 Dosen des Marburger Ebola-Impfstoffs für weitere Studien und Notfälle bereitstellen. Hauptfinanzier ist die internationale Impfallianz Gavi, die unter einem Dach internationale Organisationen wie WHO und Unicef, Unternehmen und Stiftungen vereint.

von Martin Schäfer

 
Professor Stephan Becker (links) und der Leiter der Impfstoffforschung von GSK, Francois Roman, stellten ein Konzept zur 
 Versorgung mit Ebola-Impfstoff vor. Foto: Martin Schäfer
 
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