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Durch Flüchtlinge war Stadt überfüllt

Marburg im Zweiten Weltkrieg Durch Flüchtlinge war Stadt überfüllt

Marga Stafunsky kam zusammen mit zwei Freundinnen während der letzten Kriegsjahre nach Marburg, um dort Medizin zu studieren.

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Simeon Stafunsky während des Zweiten Weltkriegs als Assistenzarzt in der Klinik für Innere Medizin Marburg.

Quelle: Privat

Marburg. Lange Zeit war Marburg von Bombenangriffen verschont geblieben, doch trotzdem war auch dort der Krieg in anderer Weise zu spüren.
Wir, drei Freundinnen, kamen in den letzten Kriegsjahren nach Marburg, um Medizin zu studieren. Der Direktor unseres Lyzeums hatte es uns em­pfohlen, da er selbst Jahre zuvor ebenfalls in Marburg studiert hatte und der Stadt bis in sein hohes Lebensalter eng verbunden blieb.

Doch zunächst galt es einige Erntedienste, Arbeitsdienst und einen sogenannten Kriegshilfsdienst abzuleisten. Wir wurden auf verschiedene „Lager“ verteilt, wohnten in einfachen Holzbaracken, schliefen auf Strohsäcken, standen Schlange bei der Essensausgabe, die sehr knapp bemessen war und mussten schwere Arbeit leisten, dort wo man hin abkommandiert wurde.

Sei es in Fabriken, als Straßenbahnschaffnerin, in ländliche Haushalte, wir mussten überall da helfen, wo die Männer im Krieg waren und die Frauen, vor allem auf dem Lande, teils schwere Männerarbeit verrichten mussten.
So vergingen nochmal anderhalb Jahre, bis es endlich zum Studium nach Marburg ging. Doch neue Probleme traten dort auf, die große Freude wurde zunächst getrübt.
Als wir mit den unverzichtbaren Papieren über abgeleistete Kriegshilfsdienste zur Immatrikulation an die Uni kamen, wurde zuerst der Nachweis einer Unterkunft in Marburg verlangt. Ohne Zimmer-Nachweis keine Immatrikulation. Nach einigem Suchen hatten wir Erfolg, das Problem schien gelöst.

Aber dann kam es schlimmer. Als man hörte, dass wir uns für Medizin einschreiben lassen wollten, hieß es, das sei leider nicht möglich: Frauen als Erstsemester waren in der Medizin nicht erlaubt.
Unsere Reaktion: Schock. Man sagte uns zum Trost, der Krieg sei sowieso in Kürze zu Ende und dann sei alles wieder möglich und bis dahin könnten wir etwas anderes studieren, da wir ja nun schon ein Zimmer hätten.
Das taten wir dann auch, doch vorwiegend halfen wir in den verschiedenen Kliniken mit, die alle überfüllt waren. Nicht nur die vielen Verwundeten mussten versorgt werden. Es gab auch Soldaten die aus Kriegsgefangenschaft zurückkamen mit erfrorenen Gliedmaßen oder total unterernährt.

Die Betten standen in langer Reihe auf den Fluren, aus Zweibettzimmern wurden Fünf- oder Sechsbettzimmer. Alte Ärzte, schon seit langem in Rente, kamen zurück in die Kliniken, ebenso alte und ältere Krankenschwestern, alles, was irgend zu entbehren war an Personal, wurde dennoch in die Lazarette an der Front gerufen.

Ärzte operierten
im Schichtdienst

Es herrschte größter Pflegenotstand, sodass wir mit unserem Hilfsangebot sehr willkommen waren und schon mit der Zeit neben vielen kleinen Handreichungen zu größeren Hilfeleistungen eingesetzt wurden. Besonders schlimm wurde es nach einem Brandbomben-Anschlag auf die damalige Munitionsfabrik in Stadtallendorf (heute Ferrero).
Die ganze Nacht wurden halb verbrannte Menschen mit verkohlten Gliedmaßen zu uns in die Klinik gebracht. Die Ärzte operierten und amputierten tage- und nächtelang im Schichtdienst. Medizin-Studenten wurden zur Unterstützung gerufen. Vor allem die höheren Semester. Davon gab es schon ziemlich viel, da inzwischen die sogenannten Trimester eingerichtet wurden, also drei Semester in einem Jahr statt zwei. Dadurch sollte erreicht werden, dass mehr Ärzte an die Front-Lazarette zur Hilfe kommen konnten.

Damals wie heute waren ebenfalls viele Menschen auf der Flucht, es waren Deutsche, die innerhalb von Deutschland flüchteten und zwar vor den Bombenangriffen feindlicher Flugzeuge. Viele Städte waren schon zerstört, die Menschen hatten teilweise nur ihr Leben retten können, sie standen vor dem Nichts.

Bei Weigerung gab es Zwangseinweisungen

So wurden durch besondere Kommissionen in der Stadt vor allem Häuser und große Wohnungen kontrolliert, um die Anzahl der Bewohner festzustellen, denn jedem stand nur eine bestimmte Anzahl von Quadratmetern zu.
Wer mehr hatte, bekam „Flüchtlinge“, sogenannte Einquartierungen. Es gab bei Weigerung auch Zwangseinweisungen. Zu den „Ausgebombten“ kamen dann noch die Vertriebenen wie zum Beispiel aus Ostpreußen und anderen Grenzgebieten. Das damals noch nicht so große Marburg war mehr als überfüllt.

An Studium war immer noch nicht zu denken. Das Deutsche Rote Kreuz war total überlastet, denn viele Menschen waren inzwischen nicht nur an der Front, sondern auch in der Heimat vermisst.
Kinder waren auf der Flucht verloren gegangen, Alte und Kranke unterwegs vor Schwäche zusammengebrochen, am Wegesrand gestorben, nach Fliegerangriffen in den Trümmern nicht mehr zu finden.

Essen in der Mensa Reitgasse war knapp

So halfen wir, Listen zu erstellen mit Namen von Vermissten, Fotos auszuhängen, die Angehörige uns brachten, in der Hoffnung dadurch etwas über den Verbleib ihrer vermissten Angehörigen zu erfahren.
Bei unseren Tätigkeiten lernten wir viel für unseren späteren Beruf und für unser Leben, waren aber auch stolz und glücklich, wenn wir gelobt wurden und manches Mal als Anerkennung für unsere Hilfe eine warme Mahlzeit bekamen. Das Essen in der Mensa, die sich damals noch oben in der Reitgasse befand, war auch knapp und reichte oft nicht für alle.

Es gab weiterhin noch vielerlei Probleme zu bewältigen und Opfer mussten gebracht werden, bis man sein Ziel erreicht hatte.

Marga Stafunsky stammt aus Bünde in Westfalen. 1943 kam sie zum Studium nach Marburg. Sie war verheiratet mit dem Facharzt für Innere Medizin Dr. Simeon Stafunsky, der vor 21 Jahren gestorben ist.

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