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"Dumme" Menschen braucht das Land

Familie in Moischt - Mission in Kabul "Dumme" Menschen braucht das Land

Fünf Jahre ist es her, dass Noor Mohammad Ghafury sein bequemes Leben in Moischt gegen eines voller Entbehrung, Unsicherheit und Angst in Kabul getauscht hat. Schwer fällt es ihm jeden Tag. Bereut hat er nie. Im Gegenteil: Er will Vorbild sein.

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Shaima und Noor Mohammad Ghafury an einem ihrer seltenen gemeinsamen Tage in Marburg.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Moischt/Kabul. Wie kann so ein kluger Mann so etwas Dummes tun? Noor Mohammad Ghafury weiß nicht, wie oft er diese Frage schon gehört hat. Manchmal, wenn das Wasser, mit dem er duscht, kalt und die Angst, das Haus zu verlassen, groß ist, stellt er sich selbst diese Frage. Er kennt die Antwort. „Große Ziele brauchen große Bereitschaft.“

Zierlich wirkt der Mann, auf dessen Schultern große Ziele lasten. Im sauberen Deutschland trägt er ein sauberes, hellblaues Hemd auf der Haut und das Gefühl von Sicherheit im Herzen. Für ihn Luxus. Genau wie warmes Wasser.

Hier schaut er sich nicht um, wenn er das Haus verlässt. Hier kann er durchatmen. In Kabul kann er das nicht. Sorglos das Haus verlassen wäre lebensgefährlich. Durchatmen leichtsinnig. Das macht er ohnehin schon lange nicht mehr. Die Straßen sind zu staubig in Afghanistans Hauptstadt.

Für einen Monat war er wieder in Deutschland. Genauer gesagt in Moischt. Hat seine Frau Shaima und seine drei Kinder in der gemeinsamen Wohnung besucht. Kostbare Tage für die Familie, die seit zwanzig Jahren hier lebt. Seit fünf Jahren ist Noor Mohammad Ghafury nicht mehr Teil ihres Alltags. Er steht nicht gemeinsam mit ihnen auf. Schmiert keine Schulbrote, hört sich nicht die Geschichten über Schulstress und ersten Liebeskummer an. Stattdessen unterrichtet er Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Kabul.

„Demokratie ist nicht nur ein Wort. Es steckt auch Inhalt darin. Und den Inhalt muss man leben.“

Shaima Ghafury

Er liebt den Dialog mit den jungen Studenten. Hat Hoffnung für sein Land, wenn er in die Augen „des jungen Kabuls“ schaut. Diese Augen, die sich, genau wie er, nach besseren politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnissen in Afghanistan sehnen. Die voller Tatendrang sind. Für seine Arbeit an der Universität wird er bezahlt. Für seine selbst auferlegte Aufgabe nicht. „Ich will nicht mit großem Maßstab Änderungen anstreben. Eher mit kleinen Schritten.“ Er will Vorbild sein. Mit dem, wie er spricht. Sich verhält. Mit dem, was er fordert und für was er steht. Für eine freie, demokratische Gesellschaft. Ohne Krieg. „Das sind noch große Träume. Praktisch gehen wir kleine Schritte.“ Einer dieser kleinen Schritte ist die Eröffnung von fünf sogenannten „Homeschools“ in den dörflichen Regionen des Landes. Schulen, an denen Mädchen unterrichtet werden. „Wir haben eine Veränderung in den Köpfen der Menschen ausgelöst“, ist sich der 58-Jährige sicher. Die Dorfbewohner selbst müssen Bereitschaft bei der „Initiative afghanisches Hilfswerk“ zeigen; einen Antrag einreichen. Erst dann kann über den Aufbau einer Mädchenschule nachgedacht werden. Wobei das „Wörtchen“ Schule stark übertrieben ist. Tische sind meist nicht vorhanden. Ein echtes Gebäude auch nicht. „Wir wollen die Schulen nach und nach ausbauen. Hätten wir von vornerein ein Gebäude hingestellt, wäre das als fremd angesehen worden.“

Der Wiederaufbau seines Heimatlandes - er ist ein langsamer Prozess. Ein kräftezehrender. Einer, bei dem sich Noor Mohammad Ghafury Unterstützung vieler seiner Landsleute wünscht, die heute im Ausland leben. „Ich wünschte mir, dass viele mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen zurückkehren“ sagt er - und weiß zugleich, dass es oftmals Wunschdenken bleiben wird. Zu unbequem die Wahrheit, die in Afghanistan wartet. Zu bequem, zu verwurzelt schon das Leben, das viele nach der Flucht aus dem Kriegsgebiet mittlerweile führen. Lebenswege, die dem der Familie Ghafury gleichen. Gut integriert. Weit weg von zu Hause. „Man kann die erste Heimat nicht vergessen, nur weil man in der zweiten gute Lebensbedingungen hat“, zeigt sich Noor Mohammad Ghafury fast trotzig. Er will seinem Land, das ihm damals so viel nahm, trotzdem etwas zurückgeben. Seine Frau und seine Kinder stehen hinter ihm. „Wir sind sehr stolz, auch wenn wir es nicht leicht haben. Aber wir können es ertragen, weil wir die Ergebnisse der Arbeit sehen. Trotzdem lebe ich mit der Angst. Wenn ich anrufe und er nicht an das Telefon geht, sind tausend Gedanken in meinem Kopf“, sagt Shaima Ghafury. Ihre Augen funkeln. Ein bisschen trotzig, ein bisschen wehmütig. Ganz viel Wagemut. „Wir sind zufrieden - im Herzen“, sagt sie.

Für ihren Mann heißt es heute wieder Koffer packen. Er reist zurück in seine kleine Wohnung mitten in Kabul, in der warmes Wasser eine Ausnahme und Krieg Alltag ist. In eine Welt, in der Durchatmen Leichtsinn bedeutet.

Nur ein dummer Mensch würde das gegen das nahezu sorgenfreie Leben in Deutschland tauschen. Könnte man meinen. Oder ein mutiger, getriebener, visionärer Kopf. „Große Ziele brauchen eben große Bereitschaft.“

Hintergrund:

Die Initiative afghanisches Hilfswerk wurde 1994 mit dem Ziel gegründet, die notleidenden Bevölkerungsgruppen in Afghanistan zu unterstützen.

Ziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Besonders im Fokus des Vereins stehen Frauen und Mädchen. Das Land hat viel aufzuholen: Frauen wurden unter dem Taliban Regime die Grundbildung und das Recht auf Erwerbsarbeit verweigert.

Auch unterstützt der Verein afghanische Frauen und Mädchen in Marburg mit verschiedenen Integrationsmaßnahmen.

von Marie Lisa Schulz

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