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"Du hast mir mein Leben zurückgegeben"

Erfolgreicher Kampf gegen Leukämie "Du hast mir mein Leben zurückgegeben"

Ein Kitschroman hätte es nicht schöner erzählen können: Elke Gimbel hat mit einer Knochenmarkspende den Blutkrebs besiegt. Nun traf sie erstmals ihre Lebensretterin. Und die wohnt keine 10 Kilometer von ihr entfernt.

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Ein aufregender und glücklicher Moment: Knochenmarkspenderin Simone Heuser (links) und Elke Gimbel, die dank ihr den Blutkrebs besiegt hat, treffen sich zum ersten Mal.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Als sich die 48-Jährige Wenkbacherin und ihre 44-jährige Knochenmarkspenderin Simone Heuser am Montagnachmittag erstmals in den Armen liegen, ahnen sie noch nicht, dass sie sich in ihrem Leben vielleicht schon viele Male über den Weg gelaufen sind. Am verregneten Montagnachmittag stehen sie sich im Marburger Café Rosenpark kurz sprachlos gegenüber, fallen sich in die Arme und halten sich für einige Sekunden ganz fest. Ein paar Tränen fließen, Elke Gimbel flüstert nur ein Wort in das Ohr ihrer Retterin: „Danke!“ Die Chance, als Leukämiekranker einen 100-prozentig passenden Stammzellspender zu finden, steht 1:20 000. Dass unter den inzwischen 3,9 Millionen bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) registrierten möglichen Spendern der oder die Richtige auch noch fast in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt, ist aber schon eine kleine Sensation.

 

In den zehn Jahren, in denen sie bei der DKMS arbeitet, sei ihr erst einmal ein solcher Fall bekannt geworden, erzählt Silvia Marcello von der DKMS-Spenderneugewinnung. Sie hat das Treffen zwischen Stammzellspenderin und der Empfängerin organisiert. Und das beweist wohl besser als jede noch so schillernde Werbebroschüre, wie wichtig dieser kleine Schritt – die Registrierung in der Knochenmarkspenderdatei – für einen anderen Menschen irgendwo auf der Welt sein kann. Die Aktion für Pierre Ehlich brachte Elke Gimbel Rettung.

Auch Simone Heuser hatte erst wenige Monate zuvor ihr Blut untersuchen lassen. Wie viele Menschen im Landkreis ging die Köchin der Marburger Kita in der Geschwister-Scholl-Straße zur Typisierungsaktion für den Footballer Pierre Ehlich von den Marburg Mercenaries, zu dem damals auch die OP aufgerufen hatte. Der 24-jährige Sportler hatte zunächst Glück, man fand gleich mehrere passende Knochenmarkspender. Doch Ende 2011, wenige Wochen, bevor Elke Gimbel ihre Transplantation erhielt, erlitt er einen Rückfall und starb an der heimtückischen Krankheit. Ist es Zufall oder Fügung? Egal, denn eins steht fest: Hätte Simone Heuser damals in der Elisabethschule nicht ihr Blut untersuchen lassen, hätte man auch Elke Gimbels Leben vielleicht nicht retten können. Und so setzt sich das fort: Auch bei der Typisierungsaktion zugunsten von Elke Gimbel in Wenkbach ist ein passender Spender für einen leukämiekranken Menschen gefunden worden.

Bis zuletzt nicht gewusst, wo die andere herkommt

Bis zu ihrem ersten Treffen am Montag wusste keine der beiden Frauen, wo die andere wohnt. Ihre Stammzellspende hatte Simone Heuser in Hameln abgegeben. Dass ihre Rettung aus dem dortigen Klinikum kam, hatte Elke Gimbel vom Etikett des Blutbeutels ablesen können, der ihr im Klinikum auf den Lahnbergen verabreicht worden war. „Wir hatten uns schon ausgemalt, dass wir auf dem Weg in den nächsten Urlaub in Hameln anhalten“, erzählt die 48-Jährige. Sie hatte schon gegoogelt, wie lange die Fahrt von hier bis Hameln wohl dauert. „Aber bis nach Cappel kann ich ja jetzt sogar walken“, freut sie sich.

Simone Heuser glaubte ebenfalls, dass sie für einen Patienten in Hameln gespendet hatte. Warum sonst hätte sie sonst für die Stammzellabgabe dorthin fahren sollen? Der Grund war aber ein anderer: Die Stammzellentnahme für die DKMS findet an verschiedenen Standorten in Deutschland statt, auf die die Spender verteilt werden. Später habe ihr die DKMS zwar gesagt, dass die Patientin aus Weimar komme. „Da dachte ich aber an das Weimar im Osten, nie an unser Weimar“, lacht Heuser. Sie sei schon neugierig gewesen, wem ihre Stammzellen geholfen hätten. „Aber ich hätte mich immer nach dem Wunsch des anderen gerichtet. Wenn der Empfänger keinen Kontakt gewollt hätte, wäre das für mich auch in Ordnung gewesen“, sagt die 44-Jährige. Zwei Jahre mussten die beiden Frauen darauf warten, bis sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen konnten. Vorher erlauben die Regeln der DKMS nur einen anonymisierten Briefverkehr. Damit will man vor allem ausschließen, dass in irgendeiner Weise Druck auf Spender oder Empfänger ausgeübt werden kann. 

Entgegen der Vorurteile: Spenden tut nicht weh

Dass es bei manchen Menschen immer noch Vorbehalte gibt, weil die Knochenmarkspende angeblich schmerzhaft und gefährlich sei, das erleben die DKMS-Mitarbeiterinnen Silvia Marcello und Bettina Steinbauer immer wieder. Letztere organisiert die Typisierungsaktion am kommenden Sonntag in Michelbach für Birgit Götz (die OP berichtete).

Simone Heuser schüttelt den Kopf über manche „wilde Vorstellung“, die über die Knochenmarkspende kursiert: „Es tut nicht weh und ist nicht gefährlich. Das ist wie eine Blutspende, es dauert nur länger.“ Sie selbst habe etwa dreieinhalb Stunden gebraucht, bis genug Stammzellen aus ihrem Blut gefiltert worden waren, bei anderen dauert es schon mal länger. 80 Prozent der Spender bekommen Stammzellen auf diese Weise, ähnlich wie bei einer Thrombozytenspende, aus dem Blut gesammelt.

Die Vermehrung der Stammzellen wird vorher mit einem hormonähnlichen Präparat angeregt, deshalb „spendet man zwar, aber man verliert nichts“, erklärt Marcello. In etwa 20 Prozent der Fälle würden die Stammzellen unter Narkose aus dem Beckenkamm entnommen. Steinbauer betont: „Das hat nichts mit dem Rückenmark zu tun, wie manche denken.“ Simone Heuser würde immer wieder Ja zur Knochenmarkspende sagen: „Wenn so etwas dabei herauskommt „und man ein Leben retten kann“, – sie blickt zu Elke Gimbel herüber – „dann ist das doch keine Frage.“

Krankheit kam über Nacht mit Zahnfleischentzündung

Und dann beginnen Elke Gimbel, ihr Mann Bernd und Tochter Charleen zu erzählen, von den drei härtesten Jahren in ihrem Leben. Von der heimtückischen Krankheit, die sich aus heiterem Himmel mit einer Zahnfleischentzündung und Fieber ankündigte und eine Woche später das Immunsystem der sportlichen Frau so geschwächt hatte, dass sie ins Koma fiel.

Elke Gimbel erzählt von ihrer Leidenszeit mit Chemotherapie, einem bitteren Rückfall und der neuen Hoffnung, diesmal mit einer Knochenmarksspende wieder ganz gesund werden zu können. Von den insgesamt 17 Wochen im Klinikum auf den Lahnbergen, wo sie von den Ärzten und Pflegekräften der Station 227 so vorbildlich begleitet worden war, betont sie. Von vielen wertvollen Bekanntschaften und Freundschaften mit Menschen, die man in dieser Zeit trifft – auch wenn „manche schon gegangen sind“.

Sonntag kommen beide zur Aktion für Birgit Götz.

Diese Zeit hat sie geprägt, hat sie darin bestärkt, dass man nie aufhören darf zu hoffen und positiv zu denken. Mit dem für sie nicht ganz einfachen Schritt, mit ihrer Geschichte in die Öffentlichkeit zu gehen, will sie auch etwas zurückgeben, für die, die auf Heilung hoffen und für alle, die sich für sie eingesetzt haben. Auch deshalb wollen die Frauen am Sonntag zur Typisierungsaktion für die Michelbacherin Birgit Götz (von 11 bis 17 Uhr im Bürgerhaus Michelbach) kommen und dazu beitragen, dass die zweifache Mutter ebenfalls die Chance bekommt, ihre Kinder aufwachsen zu sehen.

Dies war der vielleicht wichtigsten Gedanke, der Elke Gimbel damals hat durchhalten lassen. Durchaus mit kleinen Etappenzielen, die sie sich gesetzt hatte: die Silberhochzeit, dann die Konfirmation ihrer Tochter. Inzwischen sieht es für Elke Gimbel wieder richtig gut aus. Als geheilt gilt man zwar erst nach fünf Jahren, doch das Blutbild ist gut, sie fühlt sich wohl und geht wieder arbeiten, wie früher bei der Firma Seidel, die sich, ebenso wie der Arbeitgeber ihres Mannes, die SB Union in Cölbe, während der Krankheit vorbildlich verhalten hatte.

Sie treibt wieder Sport mit ihren Freundinnen, auf deren Hilfe sie in der schweren Zeit stets zählen konnte. Und sie kann auch wieder wie früher für ihre Eltern, den Mann und Tochter Charleen da sein. In den Herbstferien war die kleine Familie im Wohnmobil eine Woche unterwegs am Bodensee. Das Leben der Gimbels geht langsam wieder einen gewohnten Gang.

Ein Grund dafür sitzt an diesem Nachmittag neben ihr im Café und ist ebenso ergriffen von der Situation, von dem aufregenden ersten Treffen und den Schilderungen von Elke Gimbels Leidensweg. „Sie hat mir mein Leben zurückgegeben“, sagt Elke Gimbel und kämpft mit den Tränen. „Ich kann heute wieder lachen, das hatte ich verlernt.“ Und so wie sich die erste Begegnung anlässt, scheint es, als könne sie dies künftig öfter gemeinsam mit Simone Heuser tun. „Blutsschwestern“ sind sie schon: Die blutbildenden Stammzellen von Simone Heuser haben in Elke Gimbels Körper die ursprüngliche Blutgruppe komplett „gewandelt“.

von Michael Agricola

Über die DKMS

Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) umfasst derzeit 3,9 Millionen potenzielle Stammzellspender. Für eine Typisierung ist nur ein Röhrchen Blut nötig, es ist auch möglich, es per Wangenabstrich zu Hause zu tun. Die Analyse kostet die DKMS etwa 50 Euro. Deshalb wird bei den Typisierungen zugleich auch um Geldspenden geworben.
Weitere Infos bei der DKMS im Internet.

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DKMS Typisierungsaktion

Sie ist erst 40 Jahre alt, hat zwei kleine Kinder und kämpft gegen eine tödliche Krankheit - mit ihrer Familie, Freunden und Nachbarn.

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