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Druckschrift statt Kritzelkratzel

Schreibschriftreform Druckschrift statt Kritzelkratzel

Kinder müssen die Buchstaben nicht mehr verbinden, sagen Experten. Hauptsache, sie schreiben im Smartphone-Zeitalter weiterhin Buchstaben mit dem Stift.

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Eine Mischung aus Schreib- und Druckschrift verwenden die meisten Erwachsenen. Auch Schulkinder dürfen dies. Immer mehr lernen nun die Grundschrift.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Das geschnörkelte A oder H. Nicht jeder mag es. Um Geschmack geht es auch bei der Frage, wie Kinder schreiben lernen. Es gibt nicht „den“ Weg zur Schrift, sondern verschiedene Methoden, sagen Lehrer. Wissenschaftler und Kultuspolitiker haben unterschiedliche Auffassungen darüber, ob Schreibschrift oder Grundschrift das A und O sind. Welche Buchstaben die Kinder als Erstes lernen, liegt ebenfalls in der Hand der Lehrer (siehe Kasten). Wichtig ist, so sind sich die Experten einig, dass Kinder mit dem Stift auf Papier schreiben. Nur so könne die Feinmotorik und das Gehirn trainiert werden. Ein Smartphone werde also niemals den Füller ersetzen können. Seit den späten 70ern wurde in den meisten ersten Klassen Westdeutschlands eine mit der Hand geschriebene Druckschrift unterrichtet. Vorher wurde bereits im 1. Schuljahr eine Verbundschrift, landläufig als „Schreibschrift“ bezeichnete Schrift unterrichtet, zum Beispiel die sogenannte „Lateinische Ausgangsschrift“.

Schriften eigens für die Schule konzipiert

Diese „Lateinische Ausgangsschrift“, aber auch andere wie die „Vereinfachte Ausgangsschrift“ oder die „Schulausgangsschrift“ sind jedoch reine Schulschriften, die man in der geschriebenen Umwelt nicht findet. „Sie wurden, aus historischen Gründen, eigens für die Schule konzipiert“, erklärt Katja Wessel. Die Grundschullehrerin aus Anzefahr-Niederwald ist beim Schulamt Marburg-Biedenkopf Fachberaterin für die Grundschrift und bildet Kollegen zu diesem Thema fort. Auch heute noch wird in den meisten Grundschulen zunächst eine „Druckschrift“ unterrichtet, im Anschluss daran eine „Schreibschrift“.

Wessel favorisiert ebenso wie der Grundschulverband die Grundschrift – also eine Druckschrift, bei der die Buchstaben auch verbunden werden können oder Schnörkel bekommen dürfen. Die Grundschrift ist einfach zu erlernen und mit Übung auch schnell zu schreiben. Die Formklarheit der Buchstaben und die gute Leserlichkeit der Schrift sprechen dafür. Und: „die Kinder erlernen nur eine Schrift und entwickeln daraus ihre individuelle Handschrift“, so Wessel.

Kinder erlernten im ersten Schuljahr Druckschrift

In den meisten Schulen war bisher folgender Weg üblich: Die Kinder erlernten im ersten Schuljahr eine Druckschrift. Dann lernten sie, häufig nur mit kurzer Pause, eine „Schreibschrift“, die zwar so genannt wird, aber eigentlich eine „Verbundschrift“ ist, da die Buchstaben auf dem Papier miteinander verbunden aussehen. Viele Buchstaben dieser Verbundschriften sind zwar an die Druckschrift angelehnt, müssen jedoch trotzdem sehr intensiv trainiert werden.

Wenn man einen solchen Lehrgang gründlich unterrichtet, gehen drei bis vier Monate ins Land. Viele Kinder sind mit der Zeit verwirrt, da sie nicht wissen, ob sie nun in Druck- oder Schreibschrift schreiben sollen, sagt Sabine Bartels, Leiterin der Grundschule Schweinsberg. Das hemme bei manchen Kindern auch die Freude am Schreiben. „Und es fehlt die Zeit für das Lernen von anderen wichtigen Dingen“, so Bartels, die an ihrer Schule die Grundschrift einführt.

Verbundene Schrift funktioniert nich schneller

Das Konzept der Grundschrift sieht vor, dass die Kinder Ende der zweiten/Anfang der dritten Klasse angeboten bekommen zu lernen, wie man die Buchstaben der Grundschrift verbindet. Manche Deutschdidaktiker meinen, mit einer verbundenen Schrift, also einer Schreibschrift, könne man schneller schreiben. „Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass dies nicht der Fall ist“, so Wessel. Bartels meint: „Lieber eine vernünftige Druckschrift als Kritzelkratzel.“ Gerade im Zuge der Inklusion bietet diese Schrift den Vorteil, dass sie von mehr Kindern erlernt werden kann, als eine schwieriger zu schreibende „Schreibschrift“, sagt Wessel.

Alle erlernen gemeinsam eine Ausgangsschrift und entwickeln aus dieser ihre individuelle Handschrift. „Kein Kind wird beschämt, weil es nicht in der Lage ist, eine komplizierter zu schreibende ,Schreibschrift‘ zu erlernen“, so Wessel. Lehrer und Mediziner betonen, dass eine mit der Hand geschriebene Schrift wichtig für die Hirnreife ist. Die Motorik wird geschult, die Elastizität des Handgelenks und der Finger wird trainiert.

Wenn Sie sich Ihre Handschrift anschauen, merken Sie, dass Sie in einer Mischung aus Druck- und Schreibschrift schreiben – manche Buchstaben verbinden Sie, andere wiederum nicht. So machen es nun bald die meisten Kinder.

von Anna Ntemiris

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