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Drogenhändler sticht mit Nagelschere zu

Aus dem Gericht Drogenhändler sticht mit Nagelschere zu

Weil der Bekannte seine Drogenschuld nicht bezahlen konnte, griff ein junger Marburger den Kunden an und stach mehrmals mit einer Nagelschere auf ihn ein. Der Täter muss ein halbes Jahr ins Gefängnis.

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Marburg. Neben einer Bestrafung wegen gefährlicher Körperverletzung wurde der Angeklagte ebenfalls wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verurteilt. Zusätzlich zu sechs Monaten Haft muss er noch 100 Arbeitsstunden ableisten. So lautet das Urteil des Amtsgerichts.

Es war nicht das erste Mal, dass der Angeklagte vor Gericht stand. Das bereits laufende Verfahren wegen Widerstands wurde um ein weiteres Gewaltdelikt erweitert: Im Oktober vergangenen Jahres griff der Angeklagte einen Freund an, mit dem er regelmäßig Betäubungsmittel konsumierte und diese auch an das Opfer verkaufte. Um die noch offene Bezahlung einzutreiben, traf sich der Angeklagte mit dem Bekannten am Hauptbahnhof. Da der nicht zahlen konnte kam es zu einem ersten Streit samt Handgemenge. Nachdem der Bekannte in seine nahe Wohnung fliehen konnte, folgte ihm der Angeklagte. Etwa zehn Minuten später entbrannte die Auseinandersetzung erneut vor dem Wohnhaus. Mit einer Nagelschere, die er sich zwischen die Finger klemmte, schlug und stach der Beschuldigte mehrmals auf den Geschädigten ein - laut Anklage „zur Verstärkung der Schlagkraft“.

Letzterem widersprach der Beschuldigte. Er gab die Attacken zwar zu, diese seien jedoch eher aus Notwehr erfolgt. „Er hat mir auf die Fresse gehauen, ich habe ziellos zugestochen und wollte ihn abwehren“, erklärte der 26-Jährige. Die kleine Schere nutze er, um sich gegen den ihm körperlich überlegenen Mann erwehren zu können. Die hatte er zufällig in der Tasche, mit dieser schneide er üblicherweise sein Marihuana zurecht, gab der Mann zu.

Von einer Notlage und Abwehrreaktion sprach ebenfalls das Opfer. Er habe zwar die erste Auseinandersetzung begonnen, den Angriff per Schere habe aber der Angeklagte angefangen. „Ich wollte ihn auf Distanz halten, er stach auf mich ein.“ Während der folgenden Rangelei floh er angeblich auf die andere Straßenseite und stürzte. Der Angreifer habe das genutzt und weiter auf den am Boden Liegenden eingestochen. Das Opfer erlitt mehrere leichte Stichverletzungen im Gesicht, dem Brustbereich und am Rücken.

Mehrfach Vorbestrafter greift auch Polizisten an

Neben dem Gewaltdelikt hatte der Angeklagte sich bereits Anfang des Monats wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte zu verantworten. Vor einem Jahr widersetzte er sich an zwei Tagen mehreren Polizisten und versuchte, sie am Betreten seiner Wohnung zu hindern (die OP berichtete).

Im ersten Fall sah der Richter den wahrnehmbaren Cannabisgeruch aus dem Zimmer nicht als ausreichenden Grund für das Vorgehen der Beamten. Hier bestehe die Möglichkeit, dass die polizeiliche Maßnahme „vielleicht ein bisschen forsch“ war. Der Anklagepunkt wurde eingestellt. Anders bei dem zweiten Fall. Nur zwei Tage später verschafften sich die Polizisten Zutritt zu der Wohnung, nachdem ein Nachbar einen lautstarken Streit und Schreie gemeldet hatte. Um sicher zu gehen, dass die Lebensgefährtin in der Wohnung wohl auf war, hatten die Einsatzkräfte das Recht, sich Zutritt zu verschaffen. Die Gegenwehr des Freundes hielt sich dabei in Grenzen, wes­wegen das Gericht an der untersten Strafgrenze blieb.

Nichtsdestotrotz stand eine mögliche Bewährung der Gesamtfreiheitsstrafe zeitweise auf der Kippe. Der Grund: der Beschuldigte hat bereits sieben Eintragungen im Strafregister, ist mehrfach einschlägig vorbestraft, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Zum Tatzeitpunkt stand er bereits unter Bewährung.

Dass die beiden Männer bei der Prügelei gegenseitig einiges austeilten, es wahrscheinlich „wechselseitige Treffer“ gab - das hielt selbst Amtsanwalt Reinhard Hormel dem Angreifer zugute. Nicht jedoch, dass er weiter auf das gestürzte Opfer einschlug und einstach. Eine Notwehrhandlung sei hier bei weitem nicht gegeben, stellte der Anklagevertreter fest, der sich angesichts des deutlichen Vorstrafenregisters gegen eine Bewährung des Beschuldigten aussprach und achteinhalb Monate Haft beantragte. Das sah Richter Cai Adrian Boesken ähnlich: „Stiche in den Rücken widersprechen jeder Notwehrsituation.“ Dass es bei dem milden Strafmaß blieb, sei seinem „Wohlwollen“ geschuldet und der Tatsache, dass die letzte Gewalttat des Täters fünf Jahre zurückliege.

von Ina Tannert

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