Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Drogen in der großen Pause

Rauschgift-Statistik Drogen in der großen Pause

Es ist ein erschreckender Trend: Drogendelikte an Schulen nehmen in vielen Bundesländern deutlich zu. Tausende Projekte warnen vor den Folgen. Doch die Präventionserfolge bleiben anscheinend aus.

Voriger Artikel
Frust statt Reiselust
Nächster Artikel
Narren feiern wieder in der Marbach

Ein Joint (Haschischzigarette) wird angezündet.

Quelle: Oliver Berg

Marburg. Auf dem Schulklo einen Joint drehen, unter dem Tisch ein Tütchen mit Marihuana gegen Bares tauschen - oder ein paar Pillen gleich gemeinsam in einer Ecke des Schulhofs einwerfen. Eigentlich verbindet man mit dem Alltag an Schulen Lehrbücher, Tafelkreide und Aufsätze. Aber Zahlen der Landeskriminalämter und der Innenministerien zeigen: Auch Drogen gehören inzwischen in diese Aufzählung.

Ob Cannabis oder chemische Keulen wie das seit rund zehn Jahren verstärkt kursierende Crystal Meth: Auf Deutschlands Schulhöfen hat die Rauschgiftkriminalität in den vergangenen Jahren teils drastisch zugenommen. In Baden-Württemberg etwa hat sich die Zahl der Drogendelikte am Tatort Schule fast verdreifacht. 2011 waren es noch 348, 2015 dagegen 939 Fälle - und das trotz eines flächendeckenden Suchtpräventionsprogramms.

Auch in Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der Delikte - wenn auch auf niedrigerem Niveau - verdreifacht und ist von 42 im Jahr 2011 auf 109 im Jahr 2015 gestiegen. Die Landeskriminalämter Nordrhein-Westfalen und Sachsen melden jeweils eine Verdoppelung der Fälle (in NRW von 443 auf 897 Delikte, in Sachsen von 69 auf 128), ähnlich stark sind auch die Zuwächse in Thüringen. In anderen Ländern ist ein leichter Anstieg festzustellen, etwa in Hessen von 222 (2011) auf 295 (2015).

Nur geringer Anteil an Gesamtzahl von Drogendelikten

Die Auswertung der Statistik der Rauschgiftdelikte mit dem Tatort „Schule“ für den Landkreis Marburg-Biedenkopf auf OP-Anfrage bei der Polizei ergab ebenfalls steigende Fallzahlen. 2013 waren es 16 Straftaten, 2014 etwas weniger (11). Für 2015 verzeichnet die Statistik aber schon 25 Taten. „Der Tatort „Schule“ ist dabei weit gefasst und schließt auch etwa den Schulweg mit ein oder auch die Tat am Wochenende auf dem Schulhof“, erklärt der Marburger Polizeisprecher Martin Ahlich. Im Vergleich mit allen registrierten Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz nimmt der Tatort Schule dennoch im Landkreis einen geringen Teil ein: Die Gesamtzahl lag zwischen 541 Taten (2013) und 805 im Jahr 2015. In den meisten Fällen geht es bundes- wie landkreisweit dabei um den Besitz oder Kauf von Betäubungsmitteln, im Fokus steht die Droge Cannabis.

In den meisten Fällen erwischt die Polizei dabei Jugendliche - deutlich seltener gehören Kinder unter 14 Jahren zu den Tätern. Unter dem Tatort Schule werden außerdem Drogendelikte von erwachsenen Schulangehörigen - also etwa Lehrern und Hausmeistern - gezählt, die aber keine allzu große Rolle im Verhältnis zur Gesamtzahl spielen.

Es ist also vor allem die Jugend, die hinter der Drogenkriminalität an Schulen und damit auch dem Anstieg der Fallzahlen steht. Doch was sind die Gründe für diesen Trend? Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), sieht vor allem in der „gesellschaftlichen Verharmlosung von Cannabis“ einen wichtigen Aspekt dieser Entwicklung.

Ähnlich formuliert es das bayerische Innenministerium: „Die illegalen Angebote richten sich in ihrer verharmlosenden Aufmachung als Spaß- und Lifestyle-Produkte geradewegs an die internetaffine Jugend.“ Vor allem die Verfügbarkeit über das Internet sorge für einen überproportionalen Anstieg in diesen Altersklassen. „Insbesondere bei jungen Menschen stehen Prävention und Aufklärung im Vordergrund“, sagt die Drogenbeauftragte Mortler mit Blick auf diese Entwicklung.

Thematisierung im Elternhaus spielt eine große Rolle

Über ihre Präventionsmaßnahmen geben die einzelnen Bundesländer gerne Auskunft - und beweisen Kreativität bei der Namensgebung: Von FreD in Rheinland-Pfalz (Frühintervention bei erstauffälligem Drogenkonsum) über „sauba bleim“ im Großraum München bis hin zum Beratungsportal „Quit the Shit“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Aber haben die Erfolg?

„Es wird viel in Sachen Prävention gemacht. Aber ob das alles nachhaltig und wirksam ist, dahinter steht ein großes Fragezeichen“, sagt Eva Hoch. Die Wissenschaftlerin wertet an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität in einem kleinen Forschungsprojekt Maßnahmen der Cannabisprävention in Deutschland aus. „Wir wissen zum Beispiel nicht, ob die Risikobereitschaft nach der Thematisierung in der Schule steigt“, sagt Hoch.

Dass die Gesundheitsförderung und Prävention ein integraler Bestandteil der Schulentwicklung sei, hat die Kultusministerkonferenz in einem Beschluss aus dem Jahr 2012 festgeschrieben. „Sie stellen keine Zusatzaufgaben der Schulen dar, sondern gehören zum Kern eines jeden Schulentwicklungsprozesses“, heißt es dort.

Der Vorsitzende des Lehrerverbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, weist darauf hin, dass nicht allein die Schulen die Prävention regeln könnten - und bezieht die Eltern in die Aufgabe mit ein. „Entscheidend sind auch andere Umstände, wie die Thematisierung und der Umgang damit im Elternhaus und die Vorbildfunktion von Eltern“, sagt Beckmann. Es brauche auch eine gesellschaftliche Verschärfung des Zugangs zu Drogen.

Jugendliche werden "immer mehr" mit Drogen konfrontiert

Für Polizeisprecher Martin Ahlich steht fest, „dass die Jugendlichen in Schule, Freizeit, Elternhaus, Sport und Medien immer wieder und immer mehr und auf unterschiedlichste Art und Weise mit Drogen und Drogenmissbrauch konfrontiert werden“.

In den meisten Fällen stehe dabei die Prävention und Aufklärung im Vordergrund. Trotzdem verbreiteten sich dabei leider auch manchmal vermeintliche „Wahrheiten“, zum Beispiel, dass der Erwerb und Besitz geringer Mengen von Betäubungsmitteln legal sei oder Cannabis „doch ein Heilmittel und nicht gesundheitsschädlich“ sei. Die oft geführte Debatte zur Legalisierung von Cannabis ist da nicht mehr weit.

Befürworter argumentieren unter anderem, dass das Verbot von Cannabis keinerlei positive Signalwirkung oder sonstige positive Auswirkung habe. Stattdessen führe das Verbot zu einer unnötigen Belastung der Polizei.

Die Drogenbeauftragte Mortler hält von den Legalisierungsideen nichts: „Ich lehne die Freigabe des Konsums zu Freizeitzwecken ab.“ Eine Legalisierung würde von Jugendlichen als „staatliche Unbedenklichkeitsbescheinigung“ aufgefasst werden - und genau das sei nicht der Fall, sagt die CSU-Politikerin: „Den Jugendlichen muss vermittelt werden, dass Cannabiskonsum keineswegs harmlos ist und sie mit Cannabiskonsum ihr Gehirn in einer besonders sensiblen Lebensphase schädigen.“

von Fabian Nitschmann und Michael Agricola

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr