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Drogen-Vorwurf entpuppt sich als Rache-Aktion

Prozess Drogen-Vorwurf entpuppt sich als Rache-Aktion

Wende im Gerichtsprozess gegen einen 22-Jährigen, dem umfangreicher und monatelanger Drogenhandel zur Last gelegt wurde.

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Marihuana und Amphetamine soll ein 22-Jähriger verkauft haben – eine falsche Beschuldigung, wie sich nun vor Gericht herausstellte.

Quelle: Archiv

Marburg. „Ich muss was klarstellen“, sagte der ehemalige Mitbewohner des Beschuldigten bei seiner Vernehmung vor dem Jugendschöffengericht. Es waren einleitende Worte um zuzugeben, dass er am ersten Verhandlungstag eine Falschaussage abgelegt hatte.

Damit bestätigte er die Version des 22-jährigen Angeklagten, der die Vorwürfe vehement bestritt und eine Rache-Aktion gegen ihn vermutete. Laut Anklage soll er im Jahr 2013 monatelang in großem Umfang mit allerlei Drogen gehandelt haben. Demnach hätte er in mehreren Fällen gewerbsmäßig insgesamt über 2000 Gramm Marihuana und Amphetamine an den damaligen Mitbewohner veräußert, welche dieser wiederum auf der Straße weiter verkaufte. (die OP berichtete). Die Anklage stützt sich vor allem auf die Vorwürfe des ehemaligen WG-Kumpels, der im September über verschiedene Drogendeals mit dem Angeklagten berichtet hatte - nun nahm er sämtliche Anschuldigungen zurück.

Zeuge: „Ich war enttäuscht und sauer“

Bereits wenige Tage nach der Verhandlung schrieb der inhaftierte Zeuge aus der Justizvollzugsanstalt einen Brief an das Gericht. „Er hat mit der Sache gar nichts zu tun, ich habe eine Falschaussage gemacht“, stellte der Zeuge richtig. Weder habe der Beschuldigte ihn regelmäßig mit Nachschub versorgt, noch Drogengeld von ihm erhalten. Die falschen Anschuldigungen habe er erfunden, um sich an dem Bekannten zu rächen, da ihm wohl mehrfach Bargeld gestohlen wurde und er den Mitbewohner verdächtigte. „Ich war enttäuscht und sauer“, sagte der Zeuge. Als Grund für den Sinneswandel nannte er sein schlechtes Gewissen. „Ich konnte nicht mehr in den Spiegel schauen“, sagte er.

Bereits in der Vergangenheit hatte er die Vorwürfe einmal widerrufen, später erneut bekräftigt, woraufhin der Beschuldigte in Untersuchungshaft musste. Seit gut zwei Jahren läuft das Verfahren bereits. Den neuerlichen Umschwung konnte der Vorsitzende Richter Cai-Adrian Boesken nicht ganz nachvollziehen. Insbesondere da er kurz vor der Haftentlassung steht - der verurteilte Drogendealer sitzt eine mehrjährige Freiheitsstrafe ab - sei sein Falschaussage-Geständnis, mit dem er sich selbst einer Straftat bezichtige, „eher untypisch“. Er wolle, aber reinen Tisch machen, entgegnete der Mann. „Ich habe schon viel Mist gebaut, diese Sache war jetzt die Krönung. Das will ich wiedergutmachen.“

Die Angaben überzeugten Staatsanwältin Ortmüller: „Der Verdacht gegen den Angeklagten konnte nicht bestätigt werden“, sagte sie und sprach sich für einen Freispruch aus. Dem schloss sich die Verteidigung an. Die früheren Aussagen des einzigen vermeintlichen „Zeugen“ seien „an den Haaren herbeigezogen“, sagte Rechtsanwalt Carsten Dalkowski und verwies auf die Inhaftierung seines Mandanten als Folge der Lügen. Dieser Fall sei wie ein Beispiel aus dem Lehrbuch: „So schnell kann man in die Fänge der Justiz geraten.“ Das Jugendschöffengericht sprach den sichtbar erleichterten Angeklagten von allen Vorwürfen frei.

Die Staatsanwaltschaft kündigte indes eine Untersuchung des Hergangs an. Es bestehe die Möglichkeit, dass sich der Mann der uneidlichen Falschaussage, falschen Verdächtigung und zudem einer Freiheitsberaubung in einem besonders schweren Fall schuldig gemacht hat, da der Angeklagte aufgrund der Vorwürfe über eine Woche in Haft sitzen musste.

von Ina Tannert

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