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Dr. House trifft auf Dr. Watson

Hilfe für die Diagnose Dr. House trifft auf Dr. Watson

Ein Computerprogramm soll die Akten und Daten eines Falls auswerten und den Ärzten eine Diagnose anbieten. Der Testballon steigt am „Zentrum für unerkannte und seltene Krankheiten“ in Marburg.

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Professor Jürgen Schäfer will künftig neueste Computertechnologie nutzen, um seltene Krankheiten zu erkennen und zu heilen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Rhön Klinikum AG wertet den Standort Marburg des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) durch einen spektakulären Coup mit dem Computerriesen IBM auf und führt dort ein System der künstlichen Intelligenz ein. Dieses mit dem Kosenamen Watson genannte System soll helfen, Patientendaten systematisch auszuwerten und dem Arzt eine Diagnose vorzuschlagen oder eine Zweitmeinung zu einem Krankheitsfall anzubieten.

Auf einer Pressekonferenz am Forschungszentrum von IBM in Zürich stellten zwei Vorstände der Rhön Klinikum AG, Forschungsleiter von IBM und die Marburger Spitzenmediziner Professor Jürgen Schäfer und Dr. Tobias Müller die Kooperation vor.

Das Vorhaben führt zwei technische und medizinische Entwicklungslinien zusammen. Auf der einen Seite IBM mit seinem Computersystem Watson. Das hatte schon 1997 brilliert und in einer Vorgängerversion den Schachweltmeister Garri Kasparow geschlagen. Im Jahr 2011 stach es in der US-amerikanischen Quizsendung „Jeopardy!“ die menschliche Konkurrenz aus.

In der Folge setzte IBM ein starkes Entwicklerteam an das Projekt, um andere Anwendungen für die künstliche Intelligenz zu erschließen. Eine war die Medizin. So hilft Watson im weltweit führenden Krebsbehandlungszentrum, dem Memorial Sloan Kettering Cancer Center (MSK), New York, bei der Krebsdiagnose und Therapieplanung.

Das Computersystem besteht aus vielen verschiedenen Modulen, die je nach Anwendung zusammengesteckt werden können. Die einfachen Module sind dabei das Verstehen natürlicher Sprache oder auch die Sprachausgabe. Andere, komplizierte Module verknüpfen Informationen, etwa Arztdiagnosen, Patienteninformationen, Studien. Gerade bei den Studien bietet der Computer einen Geschwindigkeitsvorteil. Er scannt für eine Krebsdiagnose Tausende Studien in Sekundenschnelle. Im Dialog mit dem Arzt kann das Computersystem einen Therapieplan vorschlagen. Oder den Arzt darauf hinweisen, welche Blutwerte, Fragestellungen oder Informationen noch zu klären sind, um Diagnose und Therapieplan zu verfeinern. Den Angaben von MSK und IBM zufolge, arbeitet das System erfolgreich.

Der Computer soll den Arzt nicht ersetzen

Die zweite Entwicklung führt direkt zu Professor Jürgen Schäfer an die Uniklinik in Marburg. Dort leitet er das Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen (Zuse). Schäfer, der nach einer US-amerikanischen Fernsehserie fast nur noch „Dr. House“! genannt wird, und sein Team sind chronisch überlastet. Patientenakten für ein Arbeitspensum von ein bis zwei Jahren harren in der Warteschlange. „Nicht selten schickt ein Patient einen Aktenberg von fünf Kilogramm Gewicht“, sagt Schäfer. Der Mediziner und sein rund zehnköpfiges Team beugen sich dann für rund 15 Minuten konzentriert über diese Akten.

Oft sind es kleine Details, eine simple Fragestellung, die eine Diagnose klären, nach der ein Patient jahre- bis jahrzehntelang gesucht hat. Obwohl andere Universitätskliniken nachgelegt haben: Die Patientinnen und Patienten rennen Schäfer die Bude ein.Hier soll Watson helfen. In einer halbjährigen Testphase haben die Mediziner mit den Entwicklern von IBM an rund 500 Fällen das System trainiert. „Jetzt sind wir bereit für reale, neue Fälle“, sagt Schäfer.

Der Computer Watson soll dabei nicht einen Arzt ersetzen. Er soll vielmehr schnell die Akten und Daten eines Falls auswerten und den Ärzten eine Diagnose anbieten. „Watson hat hier eine Assistenzfunktion und übergibt dem Arzt eine Liste“, erklärt IBM-Forscher Matthias Reumann in Zürich. Die Ärzte beurteilen dann das Ergebnis. „Was bei uns Ärzten normalerweise Tage dauert, erledigt Watson in Sekunden“, sagt Schäfer.

In einem weiteren Schritt sollen auch zwei Computereinheiten in der Patientenaufnahme des UKGM eingerichtet werden. Fachkräfte würden darin geschult. Patienten müssen einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen, der auch in die Auswertung durch Watson eingeht. Das Computersystem unterstützt dann das Patientenmanagement: Es begleitet den Weg des Patienten durch das Klinikum und hilft Fehlzuweisungen zu vermeiden. „Der richtige Patient im richtigen Bett“, nannte der Neurologe und Medizinvorstand von Röhn, Bernd Griewing, ein Schlagwort.

Daten gelangen in eine "Cloud"

Ab Februar 2017 sollten diese Computereinheiten anwendungsbereit sein, hieß es auf der Pressekonferenz. Dem Banker und Finanzvorstand von Rhön, Jens-Peter Neumann, schwebt vor, dass bald alle Patienten am Hospitaleingang auch durch das Computerprogramm Watson erfasst und gescreent werden.

Offene Fragen werfen Datensicherheit und Arbeitsplatzsicherheit auf. Das Rechner- und Softwarepaket Watson ist eigentlich kein Computer der in einem sicheren Raum der Uniklinik steht. Vielmehr werden die Daten in eine Internet-Wolke (Cloud) von IBM transferiert und dort bearbeitet. Die Auflagen für Patientensicherheit und Datenschutz müssen daher extrem hoch sein.

Ferner stößt die Digitalisierung auch Rationalisierungsprozesse an, die Arbeitsabläufe verändern und Arbeitsplätze infrage stellen. Hier muss sich die Rhön Klinikum AG noch positionieren. Sie fährt eine klare Digitalisierungsstrategie und möchte mit ihren Krankenhäusern in Gießen und Marburg die Chancen der Digitalisierung nutzen.

von Martin Schäfer

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