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Doping im Amateursport

Muskelaufbau um jeden Preis Doping im Amateursport

Leichte Beschaffungsmöglichkeiten und ein zunehmender Körperkult seien der Grund für einen steigenden Absatz von Dopingmitteln, erklärt Hans Geyer, der Geschäftsführer des Zentrums für präventive Dopingforschung der Sporthochschule Köln.

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Quelle: Fotos: Siegfried Fries / pixelio.de, Armin Weigel/dpa; Montage: Nikola Ohlen

Marburg. Als Kind wollte er Superman sein. Es waren die starken Arme, die ihn so faszinierten. Zwanzig Jahre später schwitzt er für seinen eigenen „Superman-Körper“ - und muss gegen irdische Versuchungen ankämpfen, die Übernatürliches versprechen.

Sonntagsmorgens, wenn seine Freundin noch schläft, schleicht er sich aus dem Bett. Hunger hat er keinen. Aber er muss essen. Kein Croissant, keine Brötchen - dafür aber einen Eiweißshake. Es ist die erste von sieben Mahlzeiten, die er an diesem Tag zu sich nehmen wird. Alle genau abgewogen. Alles einem strengen Plan folgend. Abends feiern war er schon lange nicht mehr. Sein Körper braucht Ruhe. Durchtanzte Nächte? Alkohol? Alles tabu. Sein Traum vom perfekten Körper bestimmt seinen Alltag. Fünf- bis sechsmal pro Woche treibt er Sport. Er folgt einem festen Ernährungsplan, übt sich in eiserner Disziplin und kennt doch die Versuchung nachzuhelfen. Mit Pillchen, die einen schnellen Muskelaufbau versprechen. Mit Mittelchen, die den Körper weiter ausdefinieren.

„Stoffen - also Dopingmittel nehmen - ist einfacher, als es nicht zu tun“, sagt der 24-Jährige, der seinen Namen an dieser Stelle nicht lesen will. Regelmäßig seien ihm in einem Marburger Fitness-Studio Dopingsubstanzen angeboten worden. In der Umkleidekabine, auf dem Parkplatz, manchmal auch während einer Trainigseinheit. Keine Seltenheit, wie der junge Mann, der seine Muskeln unter einem schwarzen Pullover zu verstecken versucht, erzählt. Er hat abgelehnt. Einmal, zweimal. Beim dritten Mal ist er schwach geworden. Zu groß der Frust der vergangenen Wochen. Trotz hartem Training und Verzicht war kein Fortschritt zu erkennen. Er wollte einmal nur sehen, was möglich ist. „Ich hatte das Zeug schon zu Hause liegen - genommen habe ich es nie“, beteuert der Sportler.

Dopingmittel fallen unter das Arzneimittelgesetzt

Strafbar gemacht hat er sich mit dem Besitz von Dopingmitteln höchstwahrscheinlich nicht, wie Polizeisprecher Martin Ahlich erklärt. „Das hängt von der Menge und der Substanz ab.“ Dopingmittel fallen meist unter das Arzneimittelgesetz. Der Besitz ist geduldet, der Handel strafbar. „Marburg“, so betont der Polizeisprecher, „ist im Bereich der Dopingsubstanzen kein weißer Fleck auf der Landkarte.“

Eine Einschätzung, die auch der Kraftsportler teilt. Er spricht von einer gut organisierten Szene im Landkreis. Von Händlern, die gezielt junge Sportler ansprechen. Solche, die gerade erst mit dem Muskelaufbau begonnen haben. Die schnelle Erfolge sehen wollen und sich über die Gefahren und Risiken keine Gedanken machen.

Eine Risikogruppe, die auch Dr. Hans Geyer, Geschäftsführer des Zentrum für präventive Dopingforschung der Sporthochschule Köln, sorgenvoll betrachtet. „Der Schwarzmarkt hat sich extrem ausgebreitet und ist kaum noch zu kontrollierbar. Die Anzahl der Medikamenten-Beschlagnahmungen seitens der Polizei haben zugenommen“, so der 57-Jährige. Es scheint, als sei die Hemmschwelle zu Anabolika und Co. zu greifen in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken. Bequem, schnell und anonym zum perfekten Körper - das Internet macht es möglich. Ein, zwei Schlagwörter eingeben, auf „bestellen“ drücken und schon kommt die Lieferung frei Haus. „Die Verfügbarkeit der Substanzen durch das Internet ist enorm gestiegen.“

Langzeitschäden als Folge

Der schnelle sportliche Erfolg wird mit gesundheitlichen Langzeitschäden bezahlt. Besonders bei jungen, teils noch minderjährigen Konsumenten seien die Gefahren besonders hoch, warnt Geyer. Es könne zu einem Abbruch des Längenwachstums kommen, der Herzmuskel vergrößere, die Blutfette und die Psyche veränderten sich. Die Mittel seien nicht nur in Fitnessstudios, sondern auch in Jugendzentren im Umlauf. Eben überall da, wo das Körperbild eine tragende Rolle spiele.

Aber wo, Herr Geyer, fängt Doping überhaupt an? Der Forscher überlegt. „Möglicherweise schon dann, wenn man Schmerzmittel konsumiert, um trainieren zu können. Der Schutzmechanismus des Körpers wird einfach ausgehebelt und somit die Leistung künstlich gesteigert.“ Und was ist mit Eiweiß­shakes und Nahrungsergänzungsmitteln? Auch da zeigt sich der 57-Jährige skeptisch. „Einige der Produkte sind gefälscht. Da sind Substanzen zum Muskelwachstum und zur Fettverbrennung drin enthalten, die als solche nicht auf der Verpackung deklariert sind und auf der Dopingliste stehen.“ So kann selbst der Sportler mit einer vermeintlich reinen Weste zu unreinen Mitteln greifen.

Der 24-jährige Marburger will von Doping - ob freiwillig oder unfreiwillig - nichts wissen. Er will bald an Wettkämpfen teilnehmen. Sich messen, bewerten und bestaunen lassen. Dafür lebt und trainiert er. „Wenn man das ohne chemische Unterstützung macht, muss man schon Ahnung haben. Dann muss man über die Anatomie und Physiologie Bescheid wissen. Der Körper hat die Bereitschaft, Außerordentliches zu leisten, man muss ihm nur alle Bausteine zur Verfügung stellen. Das Training ist fast nebensächlich. Die Ernährung ist der Spielball.“ Und so isst er. Siebenmal am Tag. Abgewogene Mengen Eiweiß. Das, was er tut, tut er mit Überzeugung. Das, was er nicht tut - sowieso. Dabei wäre es so verdammt einfach, so herrlich bequem und so unfassbar dumm nachzuhelfen. „Mit dem Anspruch wächst die Versuchung“, gibt er offen zu. Aber auch die Ehre, es weiter auf dem „natürlichen“, wenn auch mühsamen Weg zu versuchen.

von Marie Lisa Schulz

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