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Digitale Welten im Regal

Stadtbibliothek Digitale Welten im Regal

Die Marburger Bücherei rüstet sich für die Zukunft. Mit einem großen Digital-Angebot, Hörbüchern und modernen Romanen will die Bibliothek den Ansprüchen der Kunden genügen, den Vorurteilen der Branche begegnen.

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Jürgen Hölzer zeigt heute, wie Menschen morgen Bücher lesen werden. Das E-Book ist auf dem Vormarsch.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Büchereien sind alt, staubig, muffig - das mag auf einige Einrichtungen zutreffen. Marburg hingegen geht andere Wege. Helle Räume, ein breites Angebot, zentraler Treffpunkt - in dem Haus an der Ketzerbach 1 darf gesprochen, sich ausgetauscht und diskutiert werden. Fachbereichsleiter Jürgen Hölzer versteht seinen Job als Bildungsauftrag. Denn, das belegen die Zahlen, immer mehr nutzen die immense Möglichkeit des Internets. Die zentral gelegene und gut erreichbare Bibliothek hat für Schüler, Studenten, Berufstätige und Senioren aber nach wie vor eine große Bedeutung.

Das Ganze wird deutlicher beim Blick auf die Zahlen: Insgesamt gingen die Ausleihen in 2012 auf 444843 zurück, das ist ein Minus von 6,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aktive Benutzer des Bibliotheksausweises waren es 2012 genau 8953. Wieder ein Minus, dieses Mal 3,8 Prozent. Noch deutlicher gingen die Gesamtbesuche zurück. Kamen 2011 noch 98202 Menschen in die Bibliothek, so waren es vergangenes Jahr nur noch 7,1 Prozent. Zahlen, bei denen der Fachbereichsleiter eigentlich nicht von einem guten Jahr sprechen kann. Macht er trotzdem. Und das aus gutem Grund. Bei den Nutzern von elektronischen, audio-visuellen Medien verzeichnete die Bibliothek Rekord-Zuwächse. Am Standort Marburg gingen die Ausleihen von 2011 mit 14263 auf 30471. Ein Plus von 113,6 Prozent. Und so bekommt die ganze Statistik einen ganz neuen Dreh.

„Die Nachfrage steigt enorm“, sagt Hölzer. E-Books, Videos, Audios, Magazine - in Zeiten von immer fortschrittlicheren Technologien haben die Kunden andere Bedürfnisse. Für Stadträtin Kerstin Weinbach eine logische Folge. „Es ist eben einfacher, einen kleinen Reader dabei zu haben als einen Rucksack voller Bücher.“ Das Buch jedoch, so sagt Weinbach, ist trotzdem noch gefragt und verliere auch keinen Wert. Ein Anspruch, den die Bücherei bedienen will. „Virtuelle Welten - Reale Räume“, so lautet auch die Überschrift für die städtische Einrichtung, der im vergangenen Jahr unter anderem mit dem hessischen Bibliothekspreis ausgezeichnet wurde. Alleine ist eine derartige Digitalisierung für eine Bücherei wie Marburg schwierig zu realisieren. Im Verbund hingegen schon. Dank des Onleiheverbunds Hessen, in dem über 40 hessische Einrichtungen verknüpft sind, können die Marburger ihren Kunden von E-Books bis Sprachtrainer, von Ratgeber bis Hörbücher ein breites Programm bieten. Und das auch reich bestückt mit Bestsellern von Spitzenautoren.

Und so ist die Verdoppelung der Nutzerzahlen innerhalb eines Jahres auch eine Folge der Bereitschaft, sich den Anforderungen des multimedialen Marktes zu stellen. „Es gibt genügend Bibliothekare, die sich der Computer- und modernen Medienwelt verwahren“, erzählt Jürgen Hölzer. Um zu überleben, den Kunden ein von ihnen verlangtes Angebot bieten zu können, müssen neue Wege her. „Wir investieren fünf Prozent unseres Jahres-Etas in die Anschaffung digitaler Produkte, also in den Verbund Onleihe“, erklärt der Fachbereichsleiter. Das sei mit den anderen Mitgliedern vertraglich fixiert. Fünf Prozent von 100000 Euro, das sind alleine 5000 Euro, die in Lizenzen von E-Books, Hörbüchern und weiteren übers Internet verfügbare Angebote investiert werden.

Und das nicht etwa nur vom jungen, studentischen Publikum. Cornelia Wiegand, stellvertretende Bereichsleiterin, hat eine erstaunliche Erkenntnis gemacht: Vor allem ältere Semester hätten ein großes Interesse an den neuen Medien, erklärt sie. Eine Beobachtung, die Kerstin Weinbach als Dezernentin und Jürgen Hölzer in ihrem Weg nur bestärken. Fest steht für beide: zum Ausruhen keine Zeit. Auch in 2013 geht die Entwicklung der Bibliothek mit ihren acht Angestellten rasant weiter. Seit kurzem haben die Kunden Zugriff auf die Online-Datenbank „Munzinger Archiv“. Das verrät nicht nur, welche Bücher digital oder klassisch abrufbar sind, es liefert auch Informationen zu Geografie, Politik, Geschichte, Musik. Zudem steht den Marburger Kunden digital die Brockhaus-Enzyklopädie sowie das Kindler-Literaturlexikon zur Verfügung.

Auch räumlich wird sich in diesem Jahr einiges in der Ketzerbach 1 tun. Auf den 1000 Quadratmetern mangelt es ohnehin an freien Stellflächen. Nun soll zumindest im ersten Geschoss zusätzlicher Raum für Belletristik und neue Medien geschaffen werden. Hölzer hofft, während der Schließung im Sommer die Umschichtungen schaffen zu können. Im Haushalt der Stadt Marburg sind 32000 Euro für den Umzug eingestellt, damit die Kunden der Marburger Bibliothek optimalen Zugang zu den aktuell 99500 Medien aus allen Themenbereichen haben.

Ein Problem lässt sich auf die Schnelle aber nicht lösen: die Öffnungszeiten. Da sieht Jürgen Hölzer noch großen Handlungsspielraum, die Gespräche mit der Stadt laufen. „Wir wissen um das Problem und sind dabei, Lösungen zu finden“, sagt Stadträtin Kerstin Weinbach. Wenn sich das doch auch nur in der digitalen Welt lösen ließe...

von Carsten Bergmann

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