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„Dieser Job ist mir wie auf den Leib geschneidert“

Robert Fischbach „Dieser Job ist mir wie auf den Leib geschneidert“

Müllentsorgung, Breitband, Gefahrenabwehr, das große Energieziel und der andauernde Kampf mit den Schulden. Im Gespräch mit der OP lässt Landrat Robert Fischbach die großen kreispolitischen Themen seiner Amtszeit Revue passieren.

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Robert Fischbach im Kreistagssitzungssaal, der 2011 nach saniert und neu ausgestattet wurde.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Landrat Robert Fischbach könnte stundenlang erzählen. Themen aus der Vergangenheit und der Gegenwart fallen ihm ein - von Energiepolitik über Breitband bis hin zur langjährigen Diskussionen über die Abfallentsorgung im Landkreis in den 90er Jahren reicht die Palette.

Seit nunmehr fast 18 Jahren sitzt der 68-Jährige an der Spitze der Kreisverwaltung mit ihren mehr als 1000 Mitarbeitern, leitet einen riesigen Verwaltungsapparat und kennt nach eigenem Bekunden „sehr sehr viele“ von denen, die da mitarbeiten. Mit „sehr sehr vielen“ davon ist er auch per Du - Robert Fischbach, wie man ihn kennt: ein Machtmensch zwar, aber kumpelhaft, im Gespräch mit seinem Gegenüber auf Augenhöhe.

Defizitäre Haushalte von Anfang an

Fischbach hält inne - wie war das ganz am Anfang, damals, vor 18 Jahren. „Ich dachte, ich wüsste, was es bedeutet, Landrat zu werden, aber es war alles ganz anders“, erzählt er, „es ist ein Amt, in dem sich alles bündelt - wer da auf einmal so alles kommt, und etwas von einem will… “, sagt er und bekennt, „damals lastete auf einmal mehr Verantwortung auf mir, als ich zuvor dachte“. Und trotzdem: Das Gefühl, „dieser Job ist mir wie auf den Leib geschneidert“, das entwickelte der CDU-Mann aus Holzhausen dann schnell. Zuvor hatte er als hauptamtlicher Politiker bereits Erfahrungen gesammelt: als Erster Beigeordneter der Gemeinde Bad Endbach und auf Kreisebene als Erster Kreisbeigeordneter in einer großen Koalition.

Das erste große Thema seiner Amtsjahre, „das war die Abfallentsorgung“, sagt Fischbach, „das war eine heiße Sache in den 70ern und 80ern“. Der Landkreis stand zu dieser Zeit quasi ohne eigene Entsorgung da. Und die Diskussionen darüber zogen sich bis in die 90er Jahre hinein. „SPD und Grüne hatten die Mehrheit im Kreistag und sie wollten eine Deponie im Arzbachtal bauen“, erinnert sich Fischbach - doch die damalige Koalition habe sich über das Thema zerstritten.

Schließlich ist das Jahr 1996 gekommen, Fischbach wird Landrat. Und 1997 schließt sich Marburg-Biedenkopf für die Müllentsorgung mit dem Schwalm-Eder-Kreis zusammen. Entstanden ist eine Kooperation, die ausgebaut wurde und bis heute im Verband Abfallwirtschaft Lahn-Fulda andauert.

"2013 werden wir ein Plus von fünf Millionen Euro erreichen"

Das nächste „Problemkind“, das Fischbach als Landrat von Beginn an betreut, ist die finanzielle Schieflage des Landkreises. Seit 1993 sind die Kreishaushalte für Marburg-Biedenkopf defizitär, „das ging los, als ich erster Kreisbeigeordneter wurde“, blickt Fischbach zurück und begründet die Entwicklung so: „Damals stiegen die Sozialausgaben - die wirtschaftliche Lage war schwierig, es gab eine hohe Arbeitslosigkeit und unsere Finanzausstattung durch das Land war schon da nicht gut genug.“ 6,8 Millionen Mark, so hoch war das erste Defizit des Landkreises. Die Rekordschuldenjahre für Marburg-Biedenkopf waren 2004 bis 2006 mit Fehlbeträgen von jeweils mehr als 17 Millionen Euro im Kreishaushalt erreicht.

Inzwischen schlugen sich wieder positivere Entwicklungen nieder. „2013 werden wir sogar ein Plus von fünf Millionen Euro erreichen“, sagt Fischbach und freut sich darüber, bei all dem finanziellen Elend in den öffentlichen Kassen noch „das Beste aus der Situation“ gemacht zu haben. „Wenn ich uns mit den anderen Landkreisen in Hessen vergleiche, bin ich zufrieden“, sagt der Landrat, der den Schuldenberg gern in ein besseres Licht rückt, indem er auf die Situation ringsum verweist: Marburg-Biedenkopf habe landesweit den einzigen Haushalt mit einem jahresbezogenen Plus. Demgegenüber steht allerdings ein Schuldenberg von voraussichtlich rund 153 Millionen Euro zum Jahresende 2013. Als Landrat und als Präsident des hessischen Landkreistags hofft Fischbach deshalb darauf, dass sich an höherer Stelle, nämlich auf Landesebene, noch in seiner Amtszeit etwas ändert. Er baut auf den Erfolg der hessischen Spitzenverbände, die das Land zwecks einer besseren Finanzausstattung verklagt haben. „Wir haben schließlich nachgewiesen, wie viel Geld wir brauchen, um unsere Aufgaben erledigen zu können.“

Fischbach denkt wieder zurück an seine erste Zeit im Kreishaus und lacht. „Dieser Service-Point, der Empfangstresen, den wir unten im Foyer haben, den gab’s früher nicht. Da war so ein Kasten, mit einem Löchlein in der Scheibe“, berichtet er. Der Umbau der Kreisverwaltung in eine bürgerfreundliche Behörde, der habe mit ihm erst begonnen. Kommunalpolitikern, vor allem jenen, die lange im Amt sind, hält man gern vor, dass sie geneigt sind, sich Denkmäler zu setzen. Das Gefahrenabwehrzentrum, ein imposanter Anbau ans Kreishaus, der im Mai 2010 als damals landesweit modernste Leitstelle eingeweiht wurde, wird von der Opposition gern als ein solches Denkmal gesehen. Kostenpunkt: 1,8 Millionen Euro. In dieser Leitstelle gehen alle Notrufe ein, die im Landkreis abgesetzt werden. Alle Rettungseinsätze werden von dort aus koordiniert.

Denkmäler oder Notwendigkeiten

Für Fischbach zählt die „Neuausrichtung der Gefahrenabwehr im Landkreis“ zu den wichtigen Taten seiner Amtszeit. „Das war nötig“, ist er überzeugt und argumentiert damit, dass der 13 Jahre lang fortgeführte Vertrag mit der Stadt Marburg über den Leitstellenbetrieb allein schon aus Gründen des Hochwasserschutzes nicht hätte aufrecht erhalten werden können. Denn die Marburger Feuerwehr-Leitstelle am Erlenring mitten in der Stadt war vom Regierungspräsidium als unsicher im Falle eines besonders heftigen Hochwassers eingestuft worden.

Das Jahr 2011 im Landkreis - das Jahr noch eines Denkmals für die Kritiker, das Jahr noch einer wichtigen Neuerung aus Sicht des Landrats. Nach langen Auseinandersetzungen im Kreistag fällt die Entscheidung für eine Sanierung des Kreistagssitzungssaals, der 40 Jahre lang nicht neu ausgestattet worden war. Vier Jahrzehnte lang saßen die Kreispolitiker auf den gleichen, blaubezogenen Polsterstühlen mit Holzarmlehne. Dann kann die Sanierung, die knapp 1,5 Millionen Euro kostete und vom Land mit 244000 Euro für die energetische Erneuerung gefördert wurde, wie Fischbach in diesem Zusammenhang selten zu erwähnen vergisst. Ein teures Projekt für den Landkreis, das die Abgeordneten im Saal mit einem Schlag in die technische Gegenwart katapultierte. Seither gibt es frei verfügbaren Internetzugang während der Sitzungen, was zeitgemäßes Arbeiten und Tagen möglich macht und von Abgeordneten gern als komfortable Einrichtung genutzt wird.

Ein paar Jahre weiter zurück liegt die Entscheidung des Landkreises, eine der Optionskommunen in der Republik zu werden, die die Betreuung der Langzeitarbeitslosen von der Bundesagentur für Arbeit übernehmen. 2005 nimmt das Kreisjobcenter seine Arbeit auf. „Eine gute und wichtige Entscheidung“, sagt Fischbach darüber und erklärt: „Wir haben dadurch direkten Einfluss auf die Arbeitsmarktstruktur im Landkreis gewonnen, unsere Situation mit den niedrigen Arbeitslosenzahlen ist auch deshalb gut.“

Kampf um ärztliche Versorgung als Priorität

Für den Kreis als Träger der sozialen Kosten sei es besonders attraktiv, im Sinne der eigenen finanziellen Entlastung darauf hinzuwirken, dass die Menschen Arbeit und Lohn haben.

Die Rekommunalisierung der Eon Mitte GmbH sowie der flächendeckende Breitband-Ausbau im Landkreis sind Aufgaben, die Fischbach weitgehend erledigt haben will, wenn er zu Beginn des kommenden Jahres in den Ruhestand geht. Er ist dann 69 Jahre alt. Der Vertrag für den Breitband-Ausbau mit der Telekom ist abgeschlossen, was Eon angeht, so hofft Fischbach, „dass bis Ende des Jahres alles in trockenen Tüchern ist“. Von beiden Vorhaben erwartet er sich große Vorteile für die Region: Durch schnelles Internet soll sie als Lebensraum und Wirtschaftsstandort attraktiv bleiben, durch Energieleistungen in kommunaler Hand soll sie von der Wertschöpfung profitieren.

Und dann gibt es die Arbeitsfelder, die der Landkreis unter der Führung von Robert Fischbach bereits beackert, auf denen es aber über die Zeit des jetzigen Verwaltungs-Chefs hinaus viel zu tun gibt. Der Landrat nennt an erster Stelle das Energieziel. Bis 2040 will Marburg-Biedenkopf energieautark sein und von der eigenen Versorgung leben. Ein großes Ziel, vor allem, wenn man bedenkt, dass erst 10 von 100 Prozent erreicht sind. „Ja, das ist wenig“, bekennt Fischbach, „es bedarf weiterhin großer Anstrengungen“. Er hofft darauf, dass sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin „engagiert rangeht“. „Die Energiewende muss auf kommunaler Ebene gelingen, es geht darum, die Wertschöpfung in der Region zu behalten“, betont er.

Zu den wichtigen Prozessen, die der neue Landrat oder die neue Landrätin aus Fischbachs Sicht engagiert weitervorantreiben sollte, gehört auch die Gesundheitsregion Marburg-Biedenkopf mit ihren vielen Arbeitsplätzen in diesem Markt. 20 Prozent aller Beschäftigten im Landkreis seien in der Gesundheitsbranche tätig, sagt Fischbach und nennt die Bemühungen um den Mediziner-Nachwuchs als oberste Priorität: „Es muss gelingen, jungen Ärzten klarzumachen, dass das Leben auf dem Land auch attraktiv sein kann.“ Nur so könne eine flächendeckende haus- und fachärztliche Versorgung aufrechterhalten werden.

von Carina Becker

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