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Diese Frau schafft‘s immer wieder

Kreisleistungshüten Diese Frau schafft‘s immer wieder

Beim Bezirksleistungshüten am Sonntag in Niederklein büxten die Schafe zunächst in den Wald aus. Sie zu kontrollieren, blieb hitzebedingt schwer und wurde zuletzt gar unmöglich.

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Rex gibt Gas – der Haupthund von Carmen Wiedemann bringt die Herde auf Trab und weist ihr energisch den Weg. Die Schäferin ist vollkonzentriert. Sie muss die Hunde durch ihre Zurufe anweisen und die Herde stets im Blick behalten. Die 36-jährige aus Nieder

Quelle: Michael Hoffsteter

Niederklein. Ein weiterer Sieg reiht sich ein. Zurzeit ist die 36-jährige Carmen Wiedemann aus Niederwalgern die einzige Berufsschäferin aus Mittelhessen, die an Leistungshüten teilnimmt - und zwar sehr erfolgreich. In der Vergangenheit erzielte sie bereits mehrere Siege und vordere Platzierungen, zuletzt gewann sie beim Kreisleistungshüten in Stausebach und am Sonntag beim Bezirksleistungshüten in Niederklein.

Carmen Wiedemann holte 83 von 100 Punkten und qualifizierte sich damit fürs Landeshüten am Samstag, 1. September, in Lollar. Heinrich Elmshäuser aus Niederwalgern mit 71 Punkten und Manfred Jauernick aus Lollar (70 Punkte) dürfen ebenfalls auf Landesebene antreten. Thomas Wiegand aus Hatzbach bekam am Sonntag als vierter und letzter von sechs Wettbewerbsteilnehmern noch die Chance, sich zu qualifizieren. Er holte 60 Punkte und verfehlte damit einen der ersten drei Ränge, die zur nächsthöheren Wettbewerbsebene führen. Richtig Pech hatten die Teilnehmer Ewald Feußner (Erksdorf) und Winfried Emmerich (Stausebach). Die ausgeloste Reihenfolge hatte ihnen die letzten beiden Startplätze beschert. Doch am Nachmittag war die Schafherde durch die Hitze so erschöpft, dass keine weiteren Durchläufe mehr möglich waren. Und schon davor war‘s mehr als schwierig.

Carmen Wiedemann hat Schafe und Hunde sonst fest im Griff, doch am Sonntag stellte die Herde auch sie vor besondere Herausforderungen. Die 300 Tiere, Schwarzkopf-Schafe und Kreuzungen, hatte der ortsansässige Schäfer Harald Pfeil zur Verfügung gestellt. Und den Tieren bekam die Hitze gar nicht gut. Schon vorm ersten offiziellen Durchlauf büxten die Schafe in den Wald aus, nämlich als Heinrich Elmsheuser sie in einer erste Proberunde über den Parcours führte.

Als dann Carmen Wiedemann an der Reihe war, verweigerten die Schafe zunächst die Mitarbeit - die Schäferin mit ihrem Haupthund Rex und dem Beihund Basko brauchten eine ganze Weile, bis sich die Tiere aus dem Gatter auf die Weide treiben ließen. Auch nach dem so genannten Auspferchen gings nur schleppend voran. Die 300 Tiere ließen sich zwar ins enge Gehüt treiben - doch dort, im Schatten des Waldes, wollten sie am liebsten auch bleiben. Eine schwierige Aufgabe für Haupthund Rex, der nach Einschätzung von Juror Reinhard Fett aus Bockendorf „etwas überdreht“ war. „Die Herde spielt nicht mit, und vielleicht hat die Schäferin mit dem Hund zuletzt auch zu viel trainiert“, vermutete er. Mit vereinten Kräften brachten Carmen Wiedemann, Rex und Basko die Herde schließlich doch noch auf Trab.

Die Schafe disziplinieren: Ein Hund packt zu

Durchs weite Gehüt und durch einen so genannten Engweg - ein Streifen Wiese, durch Absperrrungen begrenzt - leiteten Schäferin und Hunde die Herde sicher und zügig zurück bis zum Pferch.

Dabei demonstrierte Rex eindrucksvoll, wie ein Hund die Schafe disziplinieren darf. Das Zupacken mit dem Maul ist nämlich ausdrücklich erlaubt - nur Verletzungen dürfen nicht entstehen. Das Hütespektakel zog den ganzen Tag über die Besucher an. Viele Radfahrer und Wanderer machten Station, rund 750 Menschen kamen insgesamt und informierten sich über die Schäfer und ihre Arbeit. Eine davon war Monika Steffen aus Marburg. „Ich wollte schon seit Jahren mal zu einer solchen Veranstaltung, jetzt habe ich‘s endlich mal geschafft“, freute sie sich. Die Marburgerin hatte früher selbst einen Hütehund und ist begeistert von diesen Tieren. Zum Leistungshüten kam sie vor allem, um die Hunde im Einsatz zu erleben.

Die Hitze machte nicht nur den Schafen, sondern auch den Besuchern zu schaffen, doch in schattenspendenden Zelten fanden sie Unterschlupf und wurden von der Feuerwehr Niederklein mit Grillspeisen, kühlen Getränken, Kaffee und hausgemachtem Kuchen verköstigt.

Norbert Fett vom Fachbereich ländlicher Raum beim Landkreis, Betreuer des Kreisschäfervereins, hatte das Leistungshüten gemeinsam mit dem Vereinsvorstand und dem Schäferverband in Kassel organisiert.

Hintergrund: Schafhaltung ist in Marburg-Biedenkopf weit verbreitet – der Landkreis ist der schafreichste in Hessen mit rund 400 Betrieben und 18000 Tieren. Die Rasse Merino-Landschaft macht dabei den größten Anteil aus (rund 20 Prozent), dazu kommt das Schwarzköpfige Fleischschaf (18 Prozent), Suffolk (15 Prozent), das Rhönschaf (12 Prozent) und Schnucken (12 Prozent) – der Rest sind Kreuzungen und Liebhaberrassen. Die Schafhaltung lebt vom Verkauf der Lämmer. Ein Lamm hat ein Lebendgewicht von rund 45 Kilo. Der Kilopreis liegt zurzeit bei 2,50 Euro, das heißt, ein Schaf-lamm bringt einen Verkaufserlös von etwa 90 Euro. Bei den Altschafen ist der Preis sehr viel schlechter – er liegt bei 15 bis 30 Euro. Die Schafe werden einmal im Jahr geschoren – das bringt pro Tier um die drei Kilo Wolle. Der Kilopreis liegt aktuell bei rund 80 Cent, was bedeutet, dass abzüglich der Schurkosten von zwei Euro pro Schaf den Schäfern noch ein Wollertrag von 40 Cent pro Schaf und Jahr bleibt.

von Carina Becker

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