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Die wohl letzte Chance für die Gelbbauchunke

Artenschutz Die wohl letzte Chance für die Gelbbauchunke

Man setzt sich über den Pessimismus hinweg, wenn man allen Unkenrufen zum Trotz an etwas glaubt. So auch der Artenschutz in Hessen. Er tritt dafür ein, dass die „Uh-uh-uh“-Rufe der bedrohten Gelbbauchunke wieder öfter zu hören sind.

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Wenn es doch bloß eine echte Gelbbauchunke wäre, die Biologe Christian Geske im Naturschutzgebiet Kehnaer Trift auf seiner Hand hält. Das bis ins Detail originalgetreue Modell stammt von einer Firma, die medizinische Lernmittel herstellt, ist handbemalt und kostet mehrere hundert Euro.

Quelle: Thorsten Richter

Kehna. Wer findet die vielleicht letzten Gelbbauchunken im Landkreis? Gemeinsam mit dem Biologen Christian Geske hat sich die OP im ehemaligen Steinbruch Kehnaer Trift umgeschaut. Früher waren die Unken dort heimisch, seit Jahren schon wurde aber keine Gelbbauchunke mehr gesehen. Vielleicht heute?

Nein, wir haben nicht das Glück, einem oder gar mehreren der kleinen krötenartigen Tierchen mit dem auffällig gemusterten Bauch zu begegnen. Vielmehr wird am Beispiel des Kehnaer Naturschutzgebiets sehr gut deutlich, warum die Unke auf solch einer Fläche, wenn es sich auch um ein Naturschutzgebiet handelt, nicht mehr zu Hause sein will. „Die Gewässer wachsen ohne Pflege schnell zu, Bäume und Büsche beschatten das Gewässer, so dass sich die Kaulquappen der Unken nicht mehr entwickeln können“, erläutert Geske.

Schätzungsweise nur noch 600 Exemplare in Hessen

Ein Weideprojekt, das gerade anläuft, könnte hilfreich sein. Ziegen sollen in dem Naturschutzgebiet grasen und den früheren Steinbruch auf diese Weise ganz natürlich „pflegen“. Die Tümpel im Naturschutzgebiet, die ohne menschliches Zutun schnell „verlanden“, wollen die Artenschützer nun freischneiden - das ist nicht nur für die Unke wichtig, sondern auch für Amphibien wie die Geburtshelferkröte und den Kammmolch, die dort tatsächlich noch vorkommen.

Als Autor Otfried Preußler vor rund 40 Jahren den „Räuber Hotzenplotz“ erschuf, wusste wohl noch jedes Kind etwas mit der Gelbbauchunke anzufangen. In der Geschichte wird die Fee Amaryllis vom bösen Zauberer Zwackelmann in eine Unke verwandelt. Bevor die Bäche in Beton gefasst und die Wiesen trockengelegt wurden, kam die Unke in den Auen vor - und bevor die Wege befestigt wurden, tummelte sie sich gern in den Wasseransammlungen in den Fahrrinnen. Inzwischen lernen Kindern die Unke wohl nur noch aus Erzählungen und Büchern kennen und nicht mehr in der freien Natur. Denn die Gelbbauchunke, die auch in der heimischen Region verbreitet war, ist fast verschwunden.

Ausbreitung soll gefördert werden

Diplom-Biologe Christian Geske, der bei Hessenforst für Naturschutz zuständig ist, kennt aktuelle Schätzungen: Demnach gibt es noch 500 bis 600 Exemplare in Hessen, „und in den wenigsten anderen Bundesländern sieht es besser aus“. Vom Aussterben bedroht - doch noch gibt es einzelne, kleine Bestände. Die wollen die Artenschützer aufspüren und ihren Erhalt sowie deren Ausbreitung fördern.

Die krötenartig aussehenden Tierchen, die zu den Froschlurchen gehören und nicht größer als viereinhalb Zentimeter werden, kommen vermutlich auch noch im Landkreis Marburg-Biedenkopf vor. Ihren Namen verdanken sie ihrem auffällig gelb-schwarz gemusterten Bauch. Obenauf sind die kleinen Unken durch ihre erdig-schlammige Farbe gut getarnt. Bis vor wenigen Jahren gab es die kleinen Unken mit den herzförmigen Pupillen noch auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz in Cyriaxweimar. „Solche Plätze, die nach und nach verschwunden sind, mochten die Unken sehr gern. „Sie mögen es karg und laichen in Wasserflächen, die nicht so stark bewachsen sind“, weiß Biologe Geske.

Letzte Nachweise über Gelbbauchunken-Bestände im Landkreis stammen aus dem Steinbruch in Dreihausen und aus dem Wald bei Gönnern und Niedereisenhausen. „Sehr wenige der Tiere wurden dort in Fahrspuren entdeckt.“ Bis in die 90er-Jahre sollen sie auch im Steinbruch von Elnhausen heimisch gewesen sein. In den Nachbarkreisen lebt die Unke etwa im Steinbruch von Homberg/Ohm (Vogelsbergkreis) und in Gießen, wo Biologen den hessenweit größten Bestand in der Gailschen Tongrube vermuten. „Es scheint insgesamt so wenige der Tiere zu geben, dass es tatsächlich nicht so einfach ist, sie zu finden“, sagt Christian Geske, der auf die Zeitungs-Leser hofft: „Wer eine Gelbbauchunke sieht, kann sie vorsichtig auf die Hand nehmen und umdrehen, damit man ihren gelben Bauch erkennen kann - dann am besten ein Foto mit dem Handy machen und es uns zusammen mit den Infos über den Fundort zukommen lassen.“

F unde melden

Neue Hoffnung für die Gelbbauchunke liegt in einem bundesweiten Projekt vom Naturschutzbund Deutschland und dem Bundesamt für Naturschutz - Projektgebiete gibt es auch in der Region. So berichtet Christian Geske, dass die Unkenvorkommen in Homberg / Ohm auf lange Sicht durch Schutz und Pflege wieder in die Ohm-Auen und von dort an die Lahn geführt werden sollen. Dorthin, wo sie einst ihren natürlichen Lebensraum hatten.

Gelbbauchunken gehören zu den Amphibien, die ungewöhnlich alt werden. „So ein Frosch lebt vier Jahre, die Unken werden 20 Jahre alt“, erläutert der Biologe und verweist darauf, dass die gelbbäuchigen Tierchen zwar über eine lange Zeit Eier produzieren können, allerdings legen sie auch nur vergleichsweise kleine Laiche ab.

Kontakt bei Gelbbauchunken-Funden: Hessenforst, Servicezentrum Forsteinrichtung und Naturschutz (FENA), Europastraße 10 bis 12, 35394 Gießen, Ansprechpartner: Diplom-Biologe Christian Geske, E-Mail: Christian.Geske@forst.hessen.de

von Carina Becker

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