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„Die waren doch auch mal jung“

OP-Serie "Achtung, laut!" „Die waren doch auch mal jung“

Es sind einzelne Pfiffe, die Michael März sonntags stören. Er wohnt in direkter Nachbarschaft zu einem Fußballplatz - und wünscht sich andere Spielzeiten.

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Foto: Rike / pixelio.de

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Marburg. Es ist Sonntag, kurz nach 15 Uhr. Michael März sitz entspannt auf seiner Terrasse und möchte dort eigentlich auch sitzen bleiben. Eigentlich, denn März weiß, dass die Marburger Vorort-Idylle im Stadtteil Michelbach in Kürze Risse bekommen wird. Denn der TSV spielt heute gegen die SG Oberes Edertal. „Vielleicht war ich ein bisschen blauäugig, als ich mich hier auf Wohnungssuche begeben habe. Aber ich habe einen Ort der Entspannung und Ruhe gesucht, deshalb bin ich nach Michelbach gezogen“, sagte der 48-Jährige, der bei einem nur wenig entfernten Pharmaunternehmen arbeitet.“

Bis zu 97 Dezibel reißen ihn aber zumindest an diesem Sonntag aus der Idylle, nämlich dann, wenn der Schiedsrichter ein Foul, eine Abseitsentscheidung oder Aus pfeift. Und das, obwohl März noch nicht einmal Sichtkontakt zum Fußballplatz hat.

Auf dem Platz ist es am lautesten

Die Spieler auf dem Rasen müssen sogar noch mehr aushalten. Eine Schiedsrichterpfeife kann eine Lautstärke von bis zu 130 Dezibel erzeugen - die Schmerzgrenze, bei der sogar Gehörschädigungen möglich sind. „Man stellt sich darauf halt ein“, sagte März. Er guckt nach, wann Heimspiele des TSV stattfinden. „Besuch, mit dem man vielleicht auf der Terrasse sitzen will, würde ich an solchen Tagen nicht einladen“, sagte er.

Auf Verständnis trifft er damit aber nicht. Mehrere Nachbarn von März äußerten wenig Verständnis für die Beschwerde. „Es ist ja nicht so, dass das jeden Tag passiert und Ewigkeiten dauert“, sagte Evelin Reinhardt.

An diesem Tag hat März relativ Glück. Der TSV müht sich zwar gegen die SG. Am Ende ist das Ergebnis mit 0:3 aus Sicht der Gastgeber aber relativ deutlich. Am schlimmsten, sagte März, seien ohnehin nicht die Pfiffe des Schiedsrichters, sondern die Zuschauer. Es wird angefeuert, kommentiert, geschrieen und gepöbelt. Vorurteile will März ausdrücklich keine äußern, „aber es ist schon auffällig, dass die ältesten und unsportlichsten Personen, die wahrscheinlich noch nie auf dem Platz gestanden haben, alles am besten wissen und am lautesten sind“, sagte er.

Etwa acht Kilometer von dem Sportplatz in Michelbach entfernt wird an diesem Sonntag auch gekickt - aber auf deutlich geringerem Niveau. Hier spielt der Nachwuchs auf dem Bolzplatz „In der Gemoll“ - zumindest, wenn das Wetter mitspielt. „Heute ist es eigentlich ganz gut“, sagte der 14-jährige Marem.

Ein Treffpunkt für Kinder und Jugendliche

Es scheint zwar keine Sonne und die Temperaturen liegen nahe der 20 Grad. „Aber es regnet nicht, das ist die Hauptsache“, sagte Marem. Er ist oft hier - eigentlich immer, wenn es Zeit und Wetter zulassen. „Ich habe hier viele Freunde und wir treffen uns regelmäßig, um zusammen Fußball zu spielen“, sagte er. Dass das nicht jeder gut findet und sich manche Anwohner über den Lärm beschweren, kann er nicht verstehen. „Die waren doch auch mal jung und haben das gleiche gemacht. Klar schreien wir uns manchmal an, aber das gehört dazu.“

Stefanie Michel gehört zu den Anwohnern, die „nicht immer“ mit den spielenden Kindern und Jugendlichen einverstanden ist, wie sie betonte. „Es ist gut, dass sie nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher oder dem Computer sitzen. Aber sie sollten gewisse Zeiten einhalten, dann beschwert sich auch keiner“, sagte Michel. An diesem Sonntag kann sie sich aber nicht beschweren. Nur selten erreicht das Messgerät der OP, mit dem wir auf ihrem Balkon eine halbe Stunde lang messen, mehr als 70 Dezibel. Zum Vergleich: Eine Fahrradglocke erreicht etwa 75 Dezibel, starker Straßenlärm, Staubsauger oder Schreien 80 Dezibel. „Ja, manchmal nervt es einfach“, sagte Michel, die aber durchaus auch Verständnis zeigte. „Es gibt mit Sicherheit schlimmere Gegenden, in denen man wohnen kann. An einer stark befahrenen Bundesstraße oder Zugstrecke möchte ich nicht leben.“

  • Wohnen auch Sie an einem besonders lauten Ort im Landkreis? Schreiben Sie uns an  online@op-marburg.de

von Andreas Arlt

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