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Die unbekannte Seite der Sterbehilfe

Debatte Die unbekannte Seite der Sterbehilfe

Die Sterbehilfe ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Möglich ist laut Christian Walther jedoch der selbstbestimmte Tod durch Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Der Marburger will das sensible Thema bekannter machen.

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Christian Walther beschäftigt sich mit Texten von und über Cicely Saunders, der Begründerin von Palliativmedizin und Hospiz. Darin sucht er auch nach Ansätzen dazu, was Saunders über das Thema Sterbehilfe dachte.

Quelle: Patricia Graehling

Marburg. Das Thema Sterben und Tod hat Christian Walther schon oftmals begleitet. Der heute 76-Jährige hat Familienangehörige bis in den Tod gepflegt, hat erlebt wie der Schwiegervater monatelang im Koma lag, bis „seine Frau die Ärzte so weit hatte, dass sie ihn sterben ließen“ und hat erlebt, wie ein naher Angehöriger nach zwei Schlaganfällen sterben wollte. Das seien Schlüsselerlebnisse gewesen, sagt er heute.

Als der Physiologe in den Ruhestand ging, habe er sich engagieren wollen, aber völlig unpolitisch. So wurde Walther zum ambulanten Hospizhelfer. „Ich habe damals eine über 90-jährige Frau begleitet. Sie hatte starke Schmerzen und fragte mich manchmal, ob man nichts machen könne, dass es schneller geht“, sagt Walther. „Als Hospizhelfer war es natürlich völlig abwegig, darauf zu antworten. Aber das Thema hat mich selbst nicht mehr losgelassen.“

So kam Walther zum Thema Sterbefasten - dem selbstbestimmten Tod durch Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeiten. „Ich habe mich gefragt, wie lange man ohne Essen und Trinken leben kann und wie man den Sterbenden das Fasten leichter machen kann.“ Der 76-Jährige habe daher viel recherchiert und mit Autoren entsprechender Bücher Kontakt aufgenommen. 2010 hat er mit Boudewijn Chabot das Buch „Ausweg am Lebensende“ herausgebracht. Darin beschreiben die Autoren, was beim Sterbefasten zu tun ist und beleuchten auch ethische und juristische Aspekte dieser Art des Suizids.

Studie: Viele Ärzte stimmen der Methode zu

Walther berichtet, dass er zwar nie offen kritisiert wurde, bisher aber bei einigen Medizinern auf Ablehnung gestoßen sei. Wieso? Das Strafrecht verbietet Beihilfe zwar nicht, schließlich ist auch der Suizid selbst nicht strafbar. Die Ärztekammer lehnt Beihilfe zum Suizid aber eindeutig ab. In ihren Grundsätzen heißt es: „Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe.“ Jedoch zielt der Passus eher darauf, Patienten keinen Zugang zu tödlichen Medikamenten zu ermöglichen - beim Sterbefasten bleiben Mediziner allerdings passiv, der Patient entzieht sich selbst die Lebensgrundlage. Eine deutlich formulierte Haltung des Mediziner-Gremiums zu dem Thema gibt es bislang nicht.

Die Studie „Bewertung des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit durch palliativmedizinisch und hausärztlich tätige Ärzte“ der Universität Göttingen aus diesem Jahr kommt zum Ergebnis: Viele Ärzte stimmen der Methode zu, sie sei jedenfalls „für die Palliativversorgung ein relevantes Thema“. Walther möchte sich so oder so dafür einsetzen, diese Art des freiwilligen Sterbens im Alter bekannter zu machen.

„Ich möchte, dass jeder Mensch, der seine Lage selbst beurteilen kann, die Möglichkeit hat, sein Leben vorzeitig zu beenden.“ Daher wünsche er sich, dass ausgewogene und informative Berichte über das Sterbefasten in Zukunft in den Medien etwas ganz Normales werden. „Diese Möglichkeit sollte genauso bekannt sein wie Yoga.“ Es sei ähnlich, wie mit der Feuerbestattung: Die sei viel diskutiert und heftig kritisiert worden - heute aber eine Bestattungsmöglichkeit, über die „andere sich nicht das Maul zerfetzen“.

Walther erklärt, dass das Sterbefasten nur mit Hilfe der Familie oder aufgeschlossener Pfleger und möglichst auch mit Unterstützung des Arztes möglich sei. Denn angenehm sei es nicht. „Das A und O dabei ist, dass alle Beteiligten informiert sind und der Sterbewillige die richtige Pflege bekommt.“ Das Schlimmste sei der Durst, gegen den es keine Hilfe gebe.

„Bis zum Schluss moralisch und intellektuell gefordert“

Eine Mundpflege könne Erleichterung verschaffen und auch Schlaftabletten und Schmerzmittel könnten den Umgang mit dem Durst erleichtern. „Es kann auch ein Delirium auftreten. Und es ist wichtig zu wissen, dass jeder Arzt, der dann gerufen wird, verpflichtet ist, zu helfen.“ Der Arzt dürfe rechtlich gesehen nicht bei dem Suizid helfen, Walther sehe ihn jedoch in der Pflicht, bei Schmerzen und Angstzuständen zu helfen.

Kritikern hält Walther entgegen, dass dem Sterbefasten „Sicherungen eingebaut“ seien: So könnten jüngere Menschen sich kaum zu Tode fasten: „Nachweislich bekommen sie das Durstproblem nicht in den Griff.“ Laut Walther sei Sterbefasten daher nur für alte Menschen ein Thema. „Außerdem kann der Patient sich auch nach vier Tagen des Fastens noch umentschließen.“ Manche würden dies auf Druck der Angehörigen machen. „Wer also wirklich das Sterbefasten durchhält, der ist bis zum Schluss moralisch und intellektuell gefordert, seinen Entschluss durchzuhalten.“

Den sogenannten „Werther-Effekt“ befürchte er daher nicht, wenn er dafür kämpfe, das Thema bekannter zu machen. Effekt bezeichnet das Phänomen, wonach eine Erhöhung der Selbstmordraten mit medialer Berichterstattung zusammenhänge. „Diese Hysterie, was das freiwillige Sterben betrifft, sollte langsam zurückgehen.“ Schließlich sei es ohnehin nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, der überhaupt über einen Suizid nachdenke. „Wichtig ist für den Menschen, eine eigene Möglichkeit wählen zu können.“

von Patricia Grähling

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