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Die stummen Zeugen alter Schuld

Sühnekreuze Die stummen Zeugen alter Schuld

Düstere Denkmäler: In und um die Universitätsstadt stehen mehrere Steinkreuze. Einige zeugen von Orten, an denen vor Jahrhunderten jemand ermordet wurde. Sie werden Sühnekreuze genannt.

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Die Herkunft des Namens für das sogenannte Löwensteinkreuz an einem Spazierweg im Waldgebiet hinter dem Alten Kirchhainer Weg ist umstritten.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Sühneverträge sollten im Mittelalter dazu dienen, Blutfehden wegen eines begangenen Mordes oder Totschlags zu beenden. Ein Teil der Buße des Täters war es, in der Nähe des Orts seiner Tat ein steinernes Kreuz aufzustellen, um an die Tötung zu erinnern. Sühnekreuze in Mittelhessen bestehen aus Sandstein und sind oft an Wegen und Kreuzungen aufgestellt worden, damit Reisende zum Fürbittegebet anhalten.

Im Landkreis gibt es einen Experten für die Kreuze: Volker Rumpf aus Mölln beschäftigte sich jahrelang bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr mit den Denkmälern. Seine Frau Elfriede Rumpf bewahrt viele Dokumente - Bücher, Akten, Vorträge, Fotos und Zeichnungen - auf, die der Denkmalschützer anfertigte.

Zeugnisse der Kriminalgeschichte

Es sind auch Zeugnisse der Kriminalgeschichte in der Region zwischen den Jahren 1200 und 1600 - in dieser Zeit wurden die Sühnekreuze aufgestellt. Rumpf hat alle in Marburg-Biedenkopf sowie im Landkreis Gießen erforscht, katalogisiert und alles aufgeschrieben, was er zu den Steindenkmälern erfahren konnte.

In der Universitätsstadt gibt es Sühnekreuze etwa nahe im Wald oberhalb des Alten Kirchhainer Weges, im Allnatal bei Cyriaxweimar und Hermershausen und in der Nähe von Moischt (Hof Capelle). Und das hat es mit den Exemplaren auf sich:

- Alter Kirchhainer Weg : Hier steht das „Löwensteiner Kreuz“. Es soll Chronisten zufolge als Sühne für die Ermordung von zwei Marburger Bürgern durch Ritter des Adelsgeschlechts Löwenstein im 14. Jahrhundert errichtet worden sein. Die Forschung hat jedoch im Laufe der Zeit Zweifel an dieser Darstellung geäußert, da Sühnekreuze nicht den Namen der Täter tragen und auch die Stilistik des Steins nicht zum 14. Jahrhundert passt.

- Hermershausen : Während einer Kirmes in Allna sollen sich den Überlieferungen zufolge zwei junge Hermershäuser gestritten und im Anschluss bei einer Schlägerei gegenseitig so schwer verletzt haben, dass sie starben.

- Cyriaxweimar : Ein polnischer Landarbeiter soll während der Arbeit auf einem Gutshof von einem Arbeitskollegen erschlagen worden sein. Auch hier gibt es mangels Unterlagen Unklarheiten, ob die Geschichte zutrifft.

- Hof Capelle : Eine Tafel offenbart den Hintergrund des Sühnekreuzes nahe Moischt: „Hier stand eine Marien-Kapelle, errichtet vom Deutschen Orden an der Stelle, wo im Jahre 1233 M. Conrad von Marburg durch Mörderhand fiel.“ Conrad von Marburg war der Beichtvater der Heiligen Elisabeth und zugleich Inquisitor, einer der gefürchtetsten Ketzerrichter überhaupt. Ritter des Grafen von Sayn ermordeten ihn auf dem Heimweg von einem vertagten Gerichtsverfahren.

Weitere Sühnekreuze rund um die Universitätsstadt und im Altkreis Marburg sind verschwunden oder wurden zerstört. So etwa ein Exemplar nahe Neu­höfe, das bei Straßenverbreiterungen 1973 stark beschädigt ­wurde.

„Mein Mann ist zu diesem Thema, das dann sein Hobby wurde, rein zufällig gekommen. Bei Reiskirchen sollte damals eine Straße gebaut werden, Anwohner entdeckten ein Steinkreuz und informierten die zuständige Denkmalschutzbehörde. Er hatte selbst keine Ahnung, was es mit dem Kreuz auf sich hatte. Aber so begannen seine Nachforschungen“, sagt Volker Rumpfs Witwe Elfriede.

von Björn Wisker

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