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„Die sind dann noch wie verliebt“

Aussteiger-Programms „Rote Linie“ für rechtsextreme Jugendliche „Die sind dann noch wie verliebt“

„Es gibt Eltern, die sagen ‚das ist jetzt mein letzter Versuch‘ – das ist bitter“, sagt Torsten Niebling 
vom St. Elisabeth-Verein in Marburg. Er will Ansprechpartner sein, wenn Jugendliche in die rechte Szene hineinrutschen.

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Das Aussteiger-Programm „Rote Linie“ wendet sich an Jugendliche aus der rechten Szene.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Niebling leitet seit dem vergangenen Jahr das Aussteiger-Programm „Rote Linie“, das es seit 2009 in Marburg gibt und landesweit als ein Angebot für den Ausstieg vor dem Einstieg in die rechte Szene gedacht ist. Es sind vor allem die 13- bis 15-Jährigen, die Niebling und seine Kollegen im Blick haben.

Es sei nicht leicht, diese Zielgruppe zu erreichen, und das gleich aus zwei Gründen. In diesem Alter sind die Jugendlichen mitten in der Pubertät, koppeln sich gerade vom Elternhaus ab und sind deshalb ohnehin nicht leicht anzusprechen. „Die haben noch keine Konflikte mit ihren Kameraden, haben noch keine Straftaten begangen. Die sind dann noch wie verliebt“, beschreibt Niebling den zweiten Grund. Die Faszination des rechten Freundeskreises ist in der Anfangsphase noch ungebrochen.

In Kontakt mit den Jugendlichen kommen die Mitarbeiter der „Roten Linie“ vorwiegend über die Eltern, die Schulen, die Polizei und Einrichtungen der Jugendhilfe. „Das sind die Signalgeber“, sagt Niebling (Foto: Rademacher) – ihnen gilt die erste Beratung, in der auch analysiert wird, wie weit der Jugendliche schon in der rechten Szene steckt, wie sich dies äußert und welche ersten Schritte das Umfeld unternehmen kann. Wer sind die Beziehungspersonen, die schon einen Kontakt haben, gibt es möglicherweise einen Lehrer, der bereit ist, dem Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit zu geben und eine Beziehung aufzubauen?

Diese Möglichkeiten stießen aber an Grenzen, sodass eine zusätzliche Beratung des Jugendlichen angeboten werde. „Das nehmen die Jugendlichen häufig an, wenn sie merken, dass jemand Interesse an ihnen hat“, sagt Torsten Niebling.

Was nun folgt ist zunächst einmal ganz klassische Sozialarbeit. In dieser Projektphase werden die Betroffenen etwa beim Führerscheinerwerb oder der Suche nach einem Ausbildungsplatz begleitet. Wenn dann etwa der Arbeitsplatz schon greifbar sei, steige die Bereitschaft, den rechten Freundeskreis aufzugeben.

Suche nach der eigenen Identität

„Neben Sanktionen muss es um die persönliche Entwicklung gehen. Das wird neben dem Streit häufig vergessen. Die Auseinandersetzung allein reicht nicht, weil ansonsten der Kontakt abgebrochen wird. Es geht nicht darum, mit guten Argumenten Recht zu haben, sondern zunächst einmal darum, zu irritieren, das rechte Weltbild infrage zu stellen“, erklärt Niebling die grundsätzliche Herangehensweise.

Die Jugendlichen suchten nach einer eigenen Identität, es gehe ihnen um Selbstwert, interessante Erlebnisse, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Orientierung und Anerkennung. Für diese Bedürfnisse werde ihnen von rechten Gruppen ein Angebot gemacht. Und das Umfeld, in dem dies geschieht, muss nicht mehr die Kameradschaft um die Ecke sein. Die Ansprache erfolge inzwischen häufig über das Internet und die sozialen Netzwerke, berichtet Niebling.

„Da gibt es Seiten, wo sich ein Bild an das andere reiht, auf dem Gewalt von Migranten dargestellt wird, häufig sexualisiert, mit Tieren“ – wenn ein solches Bild von der Welt dargestellt und wahrgenommen werde, sei es nicht verwunderlich, dass sich die Leute radikalisieren“, beschreibt Niebling einen Teil der Medienwirklichkeit und seine Folgen.

Der Erfolg ist ungewiss und kommt manchmal erst spät

Nicht immer kommt es überhaupt zu einer Kontaktaufnahme. „Wir haben auch Eltern, die nicht wollen, dass wir mit ihren Kindern arbeiten“, sagt Niebling, störend könne aber auch eine Eskalation an der Schule sein. Ihre Hilfe bleibe ein freiwilliges Angebot, eines, das mancher Jugendliche auch nicht wolle. Und manchmal brauche es einfach Zeit, wie bei einem Jugendlichen, der schon fest in der harten rechten Szene verankert gewesen sei und die Hilfe der „Roten Linie“ abgelehnt habe. Ein Jahr später aber klingelte das Telefon.

Niebling und seine Kollegen beackern ein Feld, das keine reiche Ernte verspricht. Die Zielgruppe ist in der „normalen“ Jugendarbeit nicht gerade gern gesehen. Das Stigma, das mit ihr verbunden ist, schreckt nicht wenige ab und macht es auch den Eltern nicht leichter. Der rechtsextreme Sohn sei nichts, worüber man im Bekanntenkreis spreche. So verzweifeln die Eltern im Stillen. „Aber wenn niemand mit ihnen arbeitet, dann überlassen wir sie der rechten Szene“, beschreibt Torsten Niebling die Alternative.

Wie gefährlich ist die Arbeit? „In der Einstiegsphase ist das Risiko für die Jugendlichen nicht so groß. Wer aber schon länger dabei ist und Geheimnisse kennt, damit erpressbar ist, für den besteht das Risiko von Abstrafungen“, erklärt Niebling. Für diesen Personenkreis sei dann eher das Projekt „Ikarus“ zuständig, das beim Landeskriminalamt angesiedelt ist. Und für die Mitarbeiter der „Roten Linie“? „Wir sind nicht leichtsinnig in unserem Auftreten. Ein Sicherheitskonzept regelt, wie man auf bestimmte Situationen reagieren kann und es gibt Notfallrufnummern“, versichert Niebling.

Ein Zündfunke könnte die Zurückhaltung beenden

Im Moment sei die Lage relativ unruhig, es sei eine Zunahme von Straftaten im Personenbereich zu verzeichnen. Die aktuelle Debatte um Flüchtlinge, Asyl und Sicherheit nutze die rechte Szene gezielt zur Mobilisierung. Und diese Szene sei traditionell waffenaffin.

„Wir wissen nicht genau, was die radikale rechte Szene im Moment vorbereitet. Ich hatte im vergangenen Jahr das Gefühl, dass man den Rückhalt in der Bevölkerung nicht verlieren wollte und sich deshalb noch zurückgehalten hat“, sagt Niebling. Mit dem passenden Zündfunken könne sich das aber schnell ändern.

Auch äußerlich habe sich die rechte Szene angepasst, sei moderner geworden und lasse diese Vielfalt auch zu, um attraktiver zu werden. „Springerstiefel sind nicht so bequem wie Turnschuhe“, sagt der Experte und betont zugleich: „In der Anfangsphase will man gesehen werden“, die entsprechende Musik gehöre ebenso dazu wie die Fahne an der Wand.Die Szene sei zwar weiter männlich dominiert, das Bild der immer nur mitlaufenden Freundin sei aber auch falsch.

Überhaupt sei das verbreitete Denken in Schubladen wenig hilfreich. Den 14-Jährigen zu einem „Nazi“ zu machen, verhindere jeden Dialog. Ohne den aber, davon ist Torsten Niebling überzeugt, geht es nicht: „Man muss auch mal wieder mit Menschen reden, mit denen man nicht einverstanden ist.“ Es gebe keinen goldenen Weg, „aber ein Feld, in dem man sich klug bewegen kann. Da bin ich gerne auch ein Navigationsgerät“.

  • Die Hotline der „Roten Linie“­ ist unter der Telefonnummer 06421 / 8890998 erreichbar und die Beratung ist kostenlos.

von Frank Rademacher

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