Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Die letzte Botschaft am Sterbebett

Kritik an Versorgung Die letzte Botschaft am Sterbebett

Es ist ihr letzter Appell.Angelika Fleischmann wird sterben. Der Krebs ist zu stark, ihr Körper zu schwach. Die Zeit, die die 59-Jährige auf der Intensivstation in Marburg verbrachte, empfindet sie als traumatisches Erlebnis.

Voriger Artikel
24 neue Sozialwohnungen bezugsfertig
Nächster Artikel
Mit Informationen Ängste abbauen

Angelika Fleischmann in ihrem Krankenbett im St. Elisabeth Hospiz. Die 59-Jährige ist todkrank und möchte Menschen helfen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. „Ich habe mich gefühlt wie ein Bettler, wie ein Bittsteller.“ Die Stimme von Angelika Fleischmann klingt brüchig, nur mit größtem Kampf verlassen die Worte ihren Mund. Mit den Gedanken ist sie nun wieder auf der Intensivstation auf den Marburger Lahnbergen. Dort lag sie nach einer letzten Operation im Zuge ihrer Darmkrebserkrankung.

„Es schien mir, als ob jedes Glas Wasser, um das ich ersuchte, wegen des dann schneller zu wechselnden Katheterbeutels eine Fehlbitte an das Personal war“, schrieb sie an die OP-Redaktion. Nach einer weiteren Anfrage habe man ihr gesagt, sie solle endlich still sein: „Sie sind hier nicht in einem Hotel“.

Angelika Fleischmann geht es jedoch nicht um eine generelle Anklage. Nicht darum, einzelne Personen an den Pranger zu stellen, sondern darum, die vorherrschenden Zustände, die ihrer Meinung nach nicht würdig seien, für zukünftige Patienten zu verbessern.

Menschliche Zuwendung ist spezielles Anliegen

„Ich weiß ja, das ich nicht mehr lange zu leben habe. Aber wenn man dann noch so schlecht behandelt wird, ist das ganz ganz böse.“
Konfrontiert mit den Vorwürfen von Angelika Fleischmann reagiert das Uniklinikum Gießen und Marburg (UKGM) mit einem Schreiben von Pressesprecher Frank Steibli.

Der geschilderte Fall könne aus den vorliegenden Daten nicht recherchiert werden, heißt es darin. „Daher können wir nur unser Bedauern zum Ausdruck bringen, wenn Mitarbeiter/innen unseres Hauses eine solche Aussage gegenüber einer Patientin gemacht haben sollten.“

Die Pflegekräfte am UKGM seien sehr gut qualifiziert, hoch engagiert, höflich und legten einen besonderen Wert auf einen guten Kontakt zu ihren Patienten, führt Steibli weiter aus: „Gerade auf den von vielfältiger Medizintechnik gekennzeichneten Intensivstationen ist ihnen die menschliche Zuwendung und Kommunikation besonders wichtig und ein spezielles Anliegen.“

„Wir brauchen Sie nicht, aber Sie brauchen uns“

Angelika Fleischmann sei durch ihre Erfahrungen am UKGM jedoch klar geworden, wie „unterschiedlich Menschen mit Sterbenden umgehen und wo die Probleme liegen für diejenigen, die keinen Fürsprecher haben“, erklärt die 59-Jährige. „Wir brauchen Sie nicht, aber Sie brauchen uns“, habe man zu ihr nach der Operation gesagt. „Ja, ich habe gejammert, aber auch meine Verwandtschaft meinte, ich solle einfach abwarten und mich ruhig verhalten. Lange würde ich ja eh nicht auf der Intensivstation liegen, haben sie gemeint“, sagt sie.

Eine überdurchschnittliche Unzufriedenheit mit der Versorgung am UKGM kann Frank Steibli nicht feststellen: „Wir fragen regelmäßig die Zufriedenheit unserer Patientinnen und Patienten ab und können anhand der vorliegenden Fragebögen für das Jahr 2015 (Januar bis Oktober) eine Zufriedenheit von rund 97 Prozent feststellen. Nur drei Prozent waren nicht oder eher nicht zufrieden“, erklärt der Pressesprecher zur allgemeinen Situation auf den Marburger Lahnbergen.

Auch gehe man vor Ort allen Beschwerden nach und kläre sie auf, sofern „entsprechende Hinweise vorliegen“, heißt es in dem UKGM-Schreiben. Danach würden mit den Betroffenen und den Teams die Vorfälle und „Veränderungs- und Verbesserungsmöglichkeiten“ besprochen. Beschwerdeführer erhielten danach eine abschließende Rückmeldung.

„Übermenschliche“ Leistung

Ein weiterer Punkt, den Angelika Fleischmann anspricht, betrifft die nach ihrem Empfinden lange Wartezeit nach dem Betätigen der Klingel in ihrem Zimmer. Dazu sei zu sagen, so Frank Steibli, „dass unsere Pflegekräfte auf alle reagieren und sich um die Anliegen der jeweiligen Patienten kümmern. Je nach Behandlungsbedarf und Tageszeit sind natürlich die Wartezeiten unterschiedlich.

Von generell langen Wartezeiten kann man nicht sprechen.“ Angelika Fleischmann wurde dann von der Intensivstation auf die Palliativ-Station verlegt. Dort sei „dann alles wie am Schnürchen gelaufen“, obwohl eine Unterbesetzung herrsche. Eine Krankenschwester habe sich um sechs Sterbende kümmern müssen, sagt Fleischmann.

„Sechs Patienten, die ihre letzten Tage, Wochen oder Monate dort verbringen. Wie soll das funktionieren?“, fragt die 59-Jährige. Die Krankenschwester vor Ort leiste „Übermenschliches“. Dennoch habe man sich dort fürsorglich und voller Zuneigung um sie gekümmert.

Arbeitsverdichtung hat in allen Bereichen zugenommen

„In einem Klinikum unserer Größe mit jährlich rund 46 000 stationären und 153 000 ambulanten Patienten mit teilweise schweren und schwersten Verletzungen und Erkrankungen ist Kritik nicht zu vermeiden“, erklärt Frank Steibli. Die Geschäftsführung des UKGM passe den Personalbedarf jedoch regelmäßig an. „Hierbei gilt es, das Leistungsgeschehen und die Personalbesetzung möglichst deckungsgleich zu bekommen“, erklärt der Pressesprecher.

Die Rahmenbedingungen im deutschen Gesundheitswesen haben sich seit Einführung des Systems von Fallpauschalen im Jahr 2004 gravierend verändert, führt Steibli weiter aus. Die Arbeitsverdichtung habe deshalb in allen Bereichen und Berufsgruppen zugenommen.

„Wir haben dies zusammen mit unserem Verband, dem VUD, immer wieder zum Thema gemacht und die Politik aufgefordert, für die 33 universitären Einrichtungen der medizinischen Maximalversorgung eine ausreichende Finanzierung sicher zu stellen“, erklärt Steibli.

Derzeit laufe dazu eine Reform-Debatte auf Bundesebene. Und auch das UKGM Marburg unterliege diesen Refinanzierungsmodalitäten.
Für Angelika Fleischmann erscheint die Situation wesentlich kritischer. Ihr Appell: „Sorgen Sie für eine bessere Personal­situation. Ich werde nicht mehr davon profitieren – aber vielleicht andere.

von Dennis Siepmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr