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Die durch den Rauch gehen

Atemschutz Die durch den Rauch gehen

Wenn es brennt, entsteht nicht nur Rauch, es entwickeln sich auch giftige Dämpfe und Gase. Das ist vor allem ein Problem für die Feuerwehr, die den Brand löschen muss. Die Lösung für das Problem lautet Atemschutz.

Das sechs Stundenkilometer schnelle Laufband mit 20 Prozent Steigung gehört zum alljährlichen Sporttest. Foto: Rademacher

Marburg. Einen dritten Atemzug wird es im verrauchten Schlafzimmer nicht geben. „Maximal ein bis zwei Atemzüge kann man überleben“, erklärt Swen Geltner von der Marburger Feuerwehr und macht deutlich, wie groß die Gefahr ist, die von den sogenannten Brandgasen ausgeht. Weil bei einem Brand in geschlossenen Räumen der Sauerstoff sehr schnell vom Feuer aufgezehrt wird, bleiben hauptsächlich Kohlenmonoxid und Kohlendioxid übrig - eine absolut tödliche Mischung. Je nachdem was für Materialien verbrennen, entstehen auch noch andere Giftstoffe.

Ohne einen Schutz könnten die Einsatzkräfte der Feuerwehr deshalb einen Zimmerbrand kaum löschen. Noch wichtiger ist dieser Schutz für die Personensuche in den betroffenen Gebäuden, bei der buchstäblich Sekunden über Leben oder Tod entscheiden können.

Deshalb kommen hier, gewissermaßen an der vordersten Front der Brandbekämpfung ausschließlich die sogenannten Atemschutzgeräteträger zum Einsatz. Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich ein vierteiliges, rund 15 Kilogramm schweres System, das die Feuerwehrleute für rund eine halbe Stunde mit Atemluft versorgt.

Augenfällig ist zunächst die Maske, die eng anliegen muss, um Sicherheit zu gewährleisten. Den potenziellen Atemschutzgeräteträger erkennt man daher schon daran, dass er keinen Vollbart trägt. „Mindestens jeden zweiten Tag muss man sich rasieren“, sagt Jan-Lennart Büttner von der Freiwilligen Feuerwehr Cappel. Ein Dichtigkeitstest gehört auch zur Funktionsprüfung, mit der die jährliche „Auffrischung“ der Atemschutzgeräteträger beginnt. Und an diesem Donnerstagabend muss einer der „Kandidaten“ in der Hauptwache der Marburger Feuerwehr denn auch nacharbeiten, sprich sich frisch rasieren.

Mit einem Tragegestell werden die mit 1600 Liter und 300 Bar gefüllten Atemluftflaschen auf dem Rücken transportiert. Sie sind über den sogenannten Lungenautomaten mit der Maske verbunden. Unterschieden wird noch zwischen zwei Systemen, die mit Normal- oder aber mit Überdruck arbeiten. Der Überdruck garantiert, dass von außen keine giftigen Gase unter die Maske kommen können. Diese Variante ist etwas teurer. Rund 1500 Euro kostet der komplette Atemschutz ohne Rabatt, den die Hersteller bei Sammelbestellungen gewähren.

Die körperliche Fitness wird jedes Jahr überprüft

Wer Atemschutzgeräteträger werden will, muss mindestens 18 Jahre alt sein, den 27 Stunden umfassenden Lehrgang an zwei Wochenenden besuchen und in der „G 26.3“ seine gesundheitliche Tauglichkeit unter Beweis stellen. Die Untersuchung umfasst Seh- und Hörtests ebenso wie ein EKG und eine Fitness-Überprüfung, bei der pro Kilogramm Körpergewicht drei Watt geleistet werden müssen. Da fließt der Schweiß in Strömen.

Die körperliche Fitness steht auch bei der alljährlichen Ausbildungs-Auffrischung im Mittelpunkt. Vor dem sogenannten Streckendurchgang warten zwei Ergometer mit 100 Watt, 20 Meter auf der Endlosleiter und das 20 Prozent ansteigende und sechs Stundenkilometer schnelle Laufband auf die Wehrleute. Jeweils eine Minute müssen die Kandidaten auf den Geräten absolvieren, dann wird gemessen, wie viel Bar Druck noch in den Atemluftflaschen ist.

Gut angeschwitzt begibt sich der vierköpfige Trupp dann zusammen auf den Streckendurchgang, ein Labyrinth aus Metallkäfigen mit zusätzlichen Schikanen. Der stellt bei Lichte betrachtet schon eine gewisse Anforderung dar - im jährlichen Test aber herrscht Dunkelheit und dichter Diskonebel behindert die Sicht für die Taschenlampen. Über Infrarotbildkameras kann Swen Geltner genau verfolgen, wo sich die Kameraden gerade im Käfigparcours abmühen.

Zudem drängt ein wenig die Zeit, schließlich sollen die Wehrleute am Ende nicht auf dem letzten Loch pfeifen - und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Wenn der Druck der Atemluftflasche unter 50 Bar sinkt, pfeift die Restdruckwarneinrichtung unüberhörbar. Und das hieße: nicht bestanden!

„Wenn die Maske aufgezogen wird, merkt man schon, ob derjenige sich dafür eignet. Das ist auch eine Sache der Psyche“, erklärt Swen Geltner, der mit zwei Kollegen die Prüfung abnimmt. „Am Ende ist jeder für sich selbst verantwortlich, das heißt, traue ich mir das zu oder doch eher nicht“, ergänzt er. Es gebe auch sonst genügend Aufgaben bei der Feuerwehr.

Der Trupp bildet eine feste Einheit im Rettungseinsatz

Was in der Ausbildung und in den jährlichen Überprüfungen simuliert wird, muss im Einsatz funktionieren. Schließlich hängen davon das eigene Leben, das der Kameraden und das möglicher Opfer ab. Ein Sicherheitstrupp steht deshalb bei jedem Einsatz unter Atemschutz bereit, um jederzeit helfen zu können. Nach rund einer halben Stunde muss ohnedies ausgewechselt werden, länger hält die Luft in den Flaschen nicht.

„Der Trupp bleibt immer zusammen“, benennt Geltner einen Grundsatz. „Man hält sich an den Händen und tastet den Raum, wenn die Sicht schlecht ist, gemeinsam ab“, beschreibt er das standardisierte Vorgehen der Helfer. Nicht immer aber ist die Sicht ganz schlecht - „man geht in die Hocke, unten ist die Sicht in der Regel etwas besser“, erklärt der Marburger. Das hänge davon ab, wie sich der Brand entwickelt habe.

Immer aber bedeutet dieser Einsatz Stress. Denn die Wehrleute sind nicht von Diskonebel, sondern von tödlichen Gasen umgeben, es geht nicht um das „bestanden“ einer Prüfung, sondern um Menschenleben. „Ein Prozent Risiko ist immer da“, sagt Swen Geltner und spricht vom Restrisiko, das sich auch mit der besten Ausbildung nicht ausschalten lässt.

von Frank Rademacher

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