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Die bedrohten Boten des Sommers

Mauersegler Die bedrohten Boten des Sommers

Waghalsige Flugmanöver in rasender Geschwindigkeit sind ein Markenzeichen des Mauerseglers. Die bedrohte Vogelart fühlt sich besonders wohl in Marburg. Aber sie brauchen das Verständnis ihrer Nachbarn: den Menschen.

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Quelle: Hagen Görlich/Pixelio

Der Blick fällt durch die Häuserschlucht und entlang der Fassaden bis rauf zum Dach. „Wo sind sie bloß?“, fragt sich ein besorgter Anwohner des Marburger Südviertels. Die Suche nach den Mauerseglern trägt auch das Herbeisehnen des Sommers in sich. Denn mit den Flugkünstlern – so die Volksweisheit – kehren auch die warmen Temperaturen in die Stadt zurück. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Nein. Es sollten schon ein paar mehr Zugvögel sein. Und tatsächlich: die Mauersegler sind schon längst angekommen. „Im Landkreis hatten wir die ersten Sichtungen bereits am 12. April.“ Das genaue Datum ist Professor Dr. Martin Kraft bekannt, weil dem Marburger Ornithologen in Sachen Vogelzug nur selten etwas entgeht. An genanntem Tag wurde Kraft von einer Wandergruppe in Roth informiert.
Aber warum lässt sich der Besuch aus Afrika nicht bei dem besorgten Anwohner im Südviertel blicken? „Man muss nur genau hinschauen“, sagt Kraft. „Derzeit zieht es die Mauersegler raus zu den Gewässern“. Schuld ist das regnerische und eher kühle Wetter. Am offenen Wasser finden die flinken Flugakrobaten – es wurden schon Tiere mit mehr als 200 Kilometer pro Stunde gemessen – genügend Insekten, die sie jagen können. Die Vögel seien dieser Tage deshalb besonders häufig an den umliegenden Baggerseen, etwa in Niederweimar oder auch an der Lahn anzutreffen.
Überhaupt habe die Population der Mauersegler in den Vororten über die letzten 20 Jahre kontinuierlich zugenommen, erklärt Kraft. Eigentlich ist der elegante Gleiter ein echter „Stadtbewohner“. Eine zunehmende Population bedeutet aber nicht, dass der Mauersegler von der Artenschutzliste verschwindet. Zu früh, um Entwarnung zu geben.

Nicht alle freuen sich über den „Untermieter“

In Marburg fühlt sich der Dauerflieger besonders wohl, weil es viele alte Gebäude gibt, in denen er Unterschlupf findet. Besonders die Oberstadt bietet viele versteckte Winkel und Nischen, in denen sich der gerade einmal 40 Gramm schwere Mauersegler schnell heimisch fühlt. Einigen Hausbewohnern ist der geflügelte Untermieter jedoch ein Dorn im Auge, da sein Besuch nicht unbemerkt bleibt. Die Tiere bauen selten Nester. Zumeist nisten sie einfach in den Ritzen und Spalten, die ihnen zur Verfügung steht. Natürlich nicht, ohne Spuren zu hinterlassen. Ein Ärgernis für manchen Hausbesitzer, der zu drastischen Maßnahmen greift und dem Brutplatz mit der chemischen Keule zu Leibe rückt. Eine Handlung, die unter Strafe steht, wie Dr. Martin Kraft erklärt.
Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) macht darauf aufmerksam, dass Sanierungsarbeiten an Wohnhäusern häufig die Beseitigung jahrelang genutzter Lebensräume für die Mauersegler bedeutet. Und die eleganten Flieger sind treue Seelen. Sie kehren immer wieder an ihren Geburtsstätte zurück. In den letzten Jahren sogar deutlich früher als sonst. „Das Mär, dass die Mauersegler Anfang Mai kommen und pünktlich Ende August wieder weiterziehen, gilt schon lange nicht mehr“, sagt Kraft. Wie auch bei vielen anderen Zugvögeln sei zu beobachten, dass die Mauersegler ihre Flugzyklen änderten und sich sich den wandelnden Gegebenheiten in Bezug auf Umweltfaktoren und Wetter anpassten. Dies sei noch lange kein Indiz dafür, dass die Tiere heutzutage stärker bedroht seien, meint Kraft. Des Öfteren habe er sich in dieser Frage schon mit anderen Naturschützern angelegt.
Sorge bereitet dem Ornithologen höchstens der Blick auf das Thermometer: „Ich hoffe, das Wetter bekommt noch die Kurve“. Die anhaltend kühlen Temperaturen  seien für keine Vogelart besonders gut. Mit den warmen Tagen kommen dann auch die Mauersegler wieder in die Stadt. Bestimmt zeigen sie ihre Flugkünste dann auch wieder im Südviertel.

von Dennis Siepmann

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