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Die Zukunft heißt Über-über-übermorgen

Hilfe für junge Flüchtlinge Die Zukunft heißt Über-über-übermorgen

Für Kinder aus dem Flüchtlingscamp an der Umgehungsstraße gibt es im Jugendhaus Cappel drei Mal in der Woche nachmittags ein spezielles Angebot.

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Im Jugendhaus Cappel können Flüchtlinge unter anderem mit Einheimischen gemeinsam am Tischkicker spielen.

Quelle: Nadine Weigel

Cappel. Fatima kommt aus Afghanistan. Seit einigen Wochen wohnt sie im Zeltlager an der Umgehungsstraße in Cappel, einer Außenstelle der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung Gießen. Seit einigen Wochen kommt Fatima auch drei Mal in der Woche nachmittags ins Jugendhaus Cappel.

Hier haben die Jugendförderung der Stadt, das evangelische Jugendhaus Cappel und das evangelische Jugendhaus Compass ein Nachmittagsangebot für etwas ältere Kinder zwischen 12 und 17 Jahren eingerichtet – inzwischen, so berichtet Mike Bodenstein vom evangelischen Jugendhaus Cappel, kommen hier Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 21 Jahren.

Darunter ist auch Fatima. Und sie kommt gerne hier her. Im Sprachunterricht hat sie ihren besonderen Spaß: Gemeinsam mit Besa aus Albanien und Helia aus dem Iran bemüht sie sich an diesem Nachmittag um die Namen der Wochentage.

„Es ist gut hier“

„Heute ist Mittwoch“, sagt sie. Einfach. „Und welcher Tag ist morgen?“, fragt Johanna, die den Sprachkurs leitet. „Morgen ist Donnerstag“, antwortet Fatima. Kinderleicht. Die nächste Frage: „Welcher Tag war vorgestern?“. Auch kein Problem: „Vorgestern war Montag.“ Fatima kann es, und sie hilft Besa und Helia, wenn die mal einen kleinen Fehler machen.

Rollenwechsel. Jetzt fragt Fatima – und sie macht es ihrer Lehrerin besonders schwer: „Welcher Tag ist über-über-über-morgen?“, fragt sie, lacht sich kaputt über ihren gelungenen Gag und die Tatsache, dass die anderen ihre fünf Finger brauchen, um die richtige Antwort abzuzählen. Für den, der zuschaut, wirkt Fatimas Frage wie ein Bekenntnis, sich der eigenen Zukunft zu stellen.

Ein Stockwerk höher herrscht ein Riesenradau: Am Tischkicker ist gerade ein Turnier im Gange, vor allem die Jungen sind es, die sich einen heftigen Wettkampf liefern. Am Rand steht Habib, der gerade aussetzt. Wie Fatima kommt Habib aus Afghanistan.

Sein Deutsch ist noch nicht sehr gut. Aber immerhin kann er erzählen, dass er gerne hier­herkommt und regelmäßig im Jugendhaus ist. „Es ist gut hier“, sagt er uns. Im Zimmer nebenan ist ein Computerraum eingerichtet. Auch hier ist jede Menge los. Hier sind es vor allem jüngere Jugendliche, die sich, oft zu zweit oder zu dritt gemeinsam, an einem Computerspiel versuchen.

20 bis 25 Jugendliche kommen regelmäßig zu den offenen Angeboten ins Jugendhaus. Ehrenamtliche Mitarbeiter des evangelischen Jugendhauses Cappel, des evangelischen Jugendhauses Compass und der Stadtjugendpflege werden ergänzt durch weitere Mitarbeiter, die über eine Anfrage auf Facebook gefunden wurden. (Foto: Weigel)

Pascal Kolbe, Mitarbeiter der Jugendförderung Marburg und in der Anlaufstelle zuständig für die Kinderbetreuung, vermittelte direkte Kontakte ins Camp, so dass das Jugendprogramm dort durch Aushänge in verschiedenen Sprachen publik gemacht werden konnte.

„Wir wollen die Jugendlichen aus dem Camp herausholen und ihnen einen Raum zur Verfügung stellen, in dem sie ihre Freizeit verbringen können“, sagt Bodenstein. Gemeinsam mit Markus Klonk vom Compass koordiniert er das Projekt in Cappel. Zwischendurch kommt ein etwas älterer Jugendlicher ins Jugendhaus, hebt grüßend die Hand und sagt eine Begrüßung. Es geht locker zu, man kennt sich inzwischen ein wenig.

Und das trifft nicht nur auf die Jugendlichen aus dem Camp zu. Auch Jugendliche aus Cappel kommen zunehmend ins Jugendhaus, um ihre Freizeit dort zu verbringen. „Viele deutsche und ausländische Jugendliche haben schon Freundschaft geschlossen“, berichtet Lena Schmeltzer, eine der Betreuerinnen. „Sie schreiben sich über Facebook und verabreden sich auch hin und wieder.“

Auch Grüne fordern winterfeste Wohnungen

Für viele ist das Jugendhaus auch ein Anlaufpunkt geworden, um andere Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung zu finden. „Einige gehen inzwischen zum Jugendtraining beim FSV Cappel“, berichtet Bodenstein; für an Basketball Interessierte wurde ein Kontakt zum BC Marburg geknüpft. Und für den 12. September ist ein Fest für alle Kinder und Jugendlichen auf dem August-Bebel-Platz geplant.

Der Marburger Stadtverband der Grünen hat unterdessen die Forderung von Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) unterstützt, die Flüchtlinge im Camp in Cappel ab Oktober in winterfesten Unterkünften unterzubringen.

„Neben dem Prüfen nach leerstehenden Bestandsgebäuden, wie z. B. der Vitos-Klinik in Cappel, müssen jetzt akzeptable moderne Wohncontainer oder Wohnmodule von Seiten der Stadt bestellt werden“, sagten die Grünen. „Wenn der Oberbürgermeister berichtet, dass er zahlreiche Angebote von Firmen erhält, die diese auch kurzfristig liefern könnten, sollte die Stadt diese Chance wahrnehmen und in Vorleistung treten, bis das Land Hessen die Finanzierung übernimmt.“

Vaupel freute sich über die Unterstützung der Grünen. Als Koalitionspartner in der Landesregierung könnten diese die Forderung nach winterfesten Unterkünften am einfachsten im zuständigen Sozialministerium vertreten. Die Stadt werde in Vorleistung bei der Beschaffung geeigneter Unterkünfte nur treten, wenn sie verbindliche Aussagen des Landes über die mittelfristige Planung für die Zukunft der Außenstelle erhalte.

von Till Conrad

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