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Die Zukunft fängt mit Akkusativ an

Flüchtlinge Die Zukunft fängt mit Akkusativ an

Ein Somalier übersetzt einem Syrer: Mal hilft Arabisch, mal Englisch. Im Deutsch-Kurs der „kleinen wilden Einheit“ an der Abendschule lernen Asylbewerber Deutsch, um sich für die Hauptschul-Aufnahmeprüfung vorzubereiten.

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Die 50-jährige Lehrerin Monika Hinzer bringt den Jungen und Frauen aus verschiedenen Ländern deutsche Grammatik bei.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Somane (23) sitzt schon seit einer halben Stunde auf dem Fußboden vor der Tür eines Klassenzimmers in der Adolf-Reichwein-Schule (ARS). Er hat seine Baseballkappe ausgezogen, lehnt sich an der Heizung an und vervollständigt Sätze in einem Buch mit dem Titel „Menschen“. Somane, sein Spitzname ist Somo, kommt aus Somalia. Das afrikanische Land hat er als Flüchtling verlassen. Sein Zuhause ist seit einem Jahr Lohra. Somo strahlt, wenn er für seine Deutschkenntnisse gelobt wird. Er winkt aber auch ab: Nein, so gut spreche er noch nicht. Er will besser werden. Genauso wie seine 24 Mitschüler. Einer von ihnen ist Mohammad (21). Er kam vor fünf Monaten aus Syrien nach Deutschland. Allein, ohne Eltern.

Der Blick geht nach vorne

Mohammad ist einer der Jüngsten in seiner Klasse und einer der Überlebenden seiner Familie. In seiner Heimatstadt hatte er vor dem Krieg die Oberstufe besucht, er wollte Informatik studieren. Nun paukt der syrische Abiturient Deutsch und kann weniger als die anderen, die schon länger in Deutschland leben. Die jungen Menschen aus Eritrea und Somalia übersetzen ihm hier und da auf Arabisch. Ob Mohammed die Hoffnung hat, einmal zurück nach Syrien kehren zu können? Der 21-Jährige lacht: „Syrien ist fertig. Das Land habe ich vergessen“, sagt er. So ähnlich äußern sich auch die anderen im Deutsch-Kurs. Sie blicken nach vorne. „Die Sprache ist unsere Zukunft“, sagt ein junger Afghane. Die Zukunft fängt an diesem Tag mit dem Akkusativ an. Lehrerin Monika Hinzer fordert strenge Konzentration. „Ohne Grammatik geht nichts. Die müssen nicht nur sprechen können, sie müssen schreiben lernen“, sagt sie und teilt Karten aus. Alter, Beruf, Land. Jeder soll Sätze bilden. Einfache, deutliche Sätze. Keiner motzt, keiner lenkt sich ab. Alle machen mit.

Wer hier mitmachen darf, hat bereits einen entscheidenden Vorteil gegenüber vielen anderen jungen Asylbewerbern in Deutschland. Denn die Schüler sind zu alt, um in der Regelschule unterrichtet zu werden. Sie sind von der Schulpflicht befreit. Aber sie sind auch zu jung, um jetzt schon als chancenlos zu gelten. Aus diesem Grund hat die Abendschule ein Netzwerk gebildet, um jungen Erwachsenen Aufbaukurse für Deutsch anzubieten. „Die kleine wilde Einheit“ nennt sich die Gruppe von Lehrern und Sozialarbeitern von „Bleib in Hessen“, „Internationaler Bund“, „Diakonisches Werk Oberhessen“ scherzhaft. Wild ist die Gruppe deshalb, weil sie - vereinfacht ausgedrückt - die Gesetzeslage nicht verstehen mag. Die Bürokratie macht der Schule einen Strich durch die Rechnung: Die Schüler sind volljährig, nicht mehr schulpflichtig.

Spendensammlung für Fahrtkosten

Daher übernimmt der Landkreis als Schulträger nicht die Kosten, zum Beispiel die Fahrtkosten. Die Schüler haben von den Flüchtlingsunterkünften in Lohra oder Stadtallendorf einen weiten Weg nach Marburg. „Die Finanzierung der Fahrtkosten ist nicht sichergestellt“, sagt Schulleiter Dr. Wilhelm Wöllert. Umso mehr freut er sich, dass es an der Abendschule sowie an der ARS eine große Solidarität gibt und Schüler sowie der Förderverein - etwa durch Waffelverkauf in der Pause - Geld sammeln, um die Fahrkarten für die Flüchtlingsklasse bezahlen zu können. Dass die Abendschule eigens für die Asylbewerber nachmittags ihre Türen öffnet, sei genauso selbstverständlich wie das Unterrichtsmaterial bereitzustellen, sagt der Leiter. Nur die besagten Fahrtkosten in Höhe von 100 Euro im Monat machen Sorgen. Die Schule ist in Vorleistung getreten und hat für alle 25 Studierende Jahreskarten in Höhe von je 450 Euro gekauft. Der Kauf einer Jahres­karte sei eben günstiger als Einzeltickets, aber kein Flüchtling könne so viel auf einmal vorlegen - jeder sei aber bereit, einen Teil zu zahlen.

Nachdem die OP beim Landkreis anfragte, erhielt die Schule nun jedoch den Hinweis, dass man Spendentöpfe finden werde, berichtet Dr. Sabine Hörger, stellvertretende Schulleiterin. Irgendwie, so ist sich die „kleine wilde Einheit“ sicher, wird es für die 25 motivierten Schüler schon weitergehen. Sie müssen nur noch Grammatik beherrschen. Dann klappt es auch mit der Aufnahmeprüfung in die Hauptschule, hofft Hinzer. Ein Schritt in die Zukunft.

von Anna Ntemiris

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