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Die Welt zu Gast auf dem Sofa

Couchsurfing in Marburg Die Welt zu Gast auf dem Sofa

Nein, seitdem es das Internet gibt ist die Welt keinen Millimeter kleiner geworden. Ein bisschen näher zusammen gerückt sind die Menschen trotzdem. Manche machen sogar Platz in der eigenen Wohnung: für Reisende aus aller Welt. Couchsurfen ermöglicht günstiges Reisen und schnellen Anschluss.

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Ein weltumspannendes Reise-Netzwerk mit Anhängern in Marburg: Couchsurfing.org

Quelle: Fotos: froschi5561, Marco Barnebeck, Henning Hraban Ramm, Rainer Sturm / pixelio.de; Ingo Wagner/dpa, Brühl

Marburg. An ihrem Frühstückstisch sitzt ein Mann, den sie zuvor erst einmal gesehen hat. Er trinkt ihre Milch, isst von ihrem Geschirr, blättert durch ihre Zeitschriften. Seine Muttersprache versteht sie nicht, er hört Musik von Bands, die sie nicht kennt. Sie unterhalten sich auf Englisch. Wo Worte nicht weiterhelfen, kommen Hände und Füße ins Spiel.

Er ist Gast. Sie ist Gastgeberin. Er wird nichts zahlen. Sie wird nichts verlangen. Beide sind bei der Internetplattform „Couchsurfing“ angemeldet. Ein Portal, das Reisende in der ganzen Welt zusammenbringt. Hier melden sich  sowohl Menschen, die auf ihren Reisen eine Übernachtungsmöglichkeit suchen, als auch solche, die eine bieten. Vom Himmelbett bis zur Isomatte – alles ist möglich. Aber das Portal bietet noch mehr: Anschluss in der Fremde beispielsweise. Einmal pro Monat treffen sich in Marburg Reisende und Daheimgebliebene Couchsurfer, um sich auszutauschen. Organisiert werden die Treffen von Ian Khoo, einem Londonder, der regelmäßig in Marburg zu Besuch ist.

Das Internet macht es möglich. Mehr als zehn Couchsurfer sind es an diesem Abend. Sie kennen einander erst wenige Minuten und reden doch wild durcheinander. Deutsch, Spanisch, Englisch. Schnell wird klar: hier wird nicht nur die Wohnung, sondern auch die Lebenseinstellung geteilt. Es sind Menschen, die gerne reisen. Die nicht nur andere Länder, sondern auch die Kultur kennenlernen wollen. Menschen, für die ein Club-Urlaub ein Albtraum und geführte Reisen ein absolutes Tabu sind. Sie wollen selbst entdecken, wollen sich treiben lassen, die Bewohner eines Landes und deren Geschichten kennenlernen.

Es gibt auch unheimliche Couchsurfer

Es sind Menschen wie Alena. Die junge Studentin aus Minsk will ihren Nachnamen nicht sagen. Wieso denn auch. Couchsurfer duzen sich. Nachnamen sind nur Ballast. „Couchsurfen bedeutet nicht nur kostengünstig bei jemand anderem zu übernachten. Das ist ein kultureller Austausch“, erklärt sie. „Ich habe meinen besten Freund übers Couchsurfen kennengelernt. Wir reisen oft zusammen und besuchen einander“, fügt sie hinzu. Neben ihr sitzt Lena (22). Lange ist es her, dass sie in einem Hotel geschlafen hat. Meist sind es Studenten, die sie auf ihren Reisen aufnehmen. Manchmal aber auch Familien. Schweden, Ungarn, Litauen, Frankreich, Dänemark und Rumänien hat sie schon bereist. „Ich kann häufiger in den Urlaub fahren, weil es einfach günstiger ist“, erklärt sie. Angst? Nein. Angst an die Falschen zu geraten, habe sie nie.

Neben ihr wird Alena still. Sie gesteht. „Ich habe es in Holland bei einem Gastgeber mal nur eine Nacht ausgehalten, obwohl ich zwei bleiben wollte. Der war unheimlich.“ Es gibt sie eben nicht, die Garantie für Sicherheit. Anmelden kann sich jeder. Vertrauen ist die Währung, in der gezahlt wird. Auch Romana schaltet sich ein. Die 28-Jährige wählt sorgfältig aus, bei wem sie übernachtet und wer ihre Wohnung betreten darf. „Wenn ich bei einem Mann übernachte, dann nur, wenn wir zu zweit reisen“, sagt sie. „Manche missbrauchen das als Datingportal. Ich schaue grundsätzlich, ob ein Hostel in der Nähe ist, damit ich gehen kann, wenn ich möchte“, verrät sie ihre Tricks.

"Ich kann etwas vom Reisefeeling abhaben"

An diesem Abend hat sie keinen Couchsurfer zu Gast – hofft aber trotzdem von der leichten Urlaubsstimmung etwas abzubekommen. „Es ist einfach nett englisch zu sprechen. Ich mag es im Austausch zu bleiben. Couchsurfing prägt durch die Menschen.“Ihr gegenüber sitzt Piero, mit 38 Jahren der älteste in der Runde. Er wohnt erst seit kurzem in Marburg. Ist als Geschäftsmann in der ganzen Welt zu Hause. „Abends immer allein im Hotel zu sitzen ist langweilig. Ich habe die Couchsurfing-Treffen genutzt, um Anschluss zu finden.“ „Ich mag es in das Leben in einem anderen Land einzutauchen“, erklärt er.

Bei seinen Reisen durch Italien, Portugal und Brasilien war er schon häufig Gast. An seinem alten Wohnort in Frankfurt öffnete er oft die Wohnungstür für Reisende. Er weiß, was Gast und Gastgeber voneinander erwarten. „Es ist schön, wenn man sich willkommen fühlt. Aber man muss den anderen respektieren“, sagt er.Sitznachbar Yadi nickt zustimmend. Sein Weltenbummler-Dasein hat ihm schon feste Freundschaften eingebracht. Asien, Taiwan, Japan und Indonesien hat er schon mit wenig Geld durchreist und viele neue Erfahrungen mit nach Hause gebracht. Und auch in Marburg nimmt er immer wieder Couchsurfer auf. „Ich unternehme viel mit meinen Gästen“, erklärt er. Der größte Anreiz ist aber ein  anderer: „Wenn jemand bei mir wohnt, dann kann ich etwas von dem Reisefeeling abhaben.“

So funktioniert Couchsurfing:

  • Etwa sieben Millionen Nutzer zählt das Gastfreundschaftsportal „ Couchsurfing.org“ im Jahr 2014. 
  • Um sich anzumelden muss eine Nutzungsgebühr von 19 Euro gezahlt werden. Das sind die einzigen Kosten die anfallen. Laut Couchsurfer-Philosophie sind Übernachtungen kostenfrei. Der Gast (Surfer) kann jedoch einen Anteil zu Mahlzeiten/Wäsche geben.
  • Um ein Mindestmaß an Sicherheit zu bieten, können die Bewertungen, die Gäste und Gastgeber sich gegenseitig schreiben, ausgewertet werden. Zudem funktioniert eine Anmeldung nur nach einer Identitätsprüfung per Kreditkarte oder Bankeinzug.

von Marie Lisa Schulz

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