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Die Welt wird auf den Kopf gestellt

Abenteuer Sport: Rhönradturnen Die Welt wird auf den Kopf gestellt

Sie sind gelenkig und elegant, turnen und verrenken sich – und das alles in einem Rad, das ständig in Bewegung ist: Rhönradturner. Redakteurin Maren Schultz hat es probiert.

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OP-Redakteurin Maren Schultz schafft die Umdrehung im Rhönrad nach ein paar Versuchen allein. Trainerin Katharina Arnold schaut nur noch zu.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Das morgendliche Aufstehen war noch nie so schlimm wie heute. Noch bevor der erste Fuß den Boden berührt, noch bevor der Körper sich das erste Mal aufgerichtet hat, schreien alle Muskeln. Sie protestieren, schimpfen, lamentieren. Der Gang ins Bad: eine Qual. Zum Frühstücken an den Tisch setzen: nur unter Schmerzen möglich. Ich habe den schlimmsten Muskelkater meines Lebens.

15 Stunden früher: Meine Welt steht Kopf. Mit den Füßen hänge ich in Lederschlaufen, die verhindern, dass ich mir das Genick breche, während Katharina Arnold das zwei Meter hohe Rad mit mir drin durch die Turnhalle rollt. Was im ersten Moment nach Folterkammer klingt, ist eine Sportart, die in Marburg spätestens seit Laura Stullich und ihrem Weltmeistertitel bekannt ist: Rhönradturnen. „Alles gar nicht so schwer“, sagt Katharina Arnold, Trainerin beim TSV Ockershausen.


                   

Doch bevor es ins Rhönrad geht, heißt es aufwärmen. Ein paar Runden laufen, dehnen, stretchen – ich inmitten der Kinder und Jugendlichen der Rhönradabteilung. Dass ich mit 1,82 Meter zum Teil zwei Köpfe größer bin als alle anderen, bereitet mir jetzt Sorgen. Bin ich nicht viel zu groß für diesen Sport? „Keine Angst“, beruhigt mich Arnold. „Wir haben für alle Größen die richtigen Räder.“

Und die kommen jetzt zum Einsatz. „Die Füße auf die Bretter und in die Schlaufen, die Hände oben an die Griffe“, bringt Arnold mich in die richtige Position. „Die Füße in eine V-Position und mit den Außenkanten um das Brett herumgreifen. Und auf keinen Fall die Hände loslassen.“ Nur Sekunden später hat Arnold das Rad ein paar Meter weitergedreht, ich hänge kopfüber im Rad – und verstehe jetzt den Sinn ihrer Anweisungen. Trotz der Lederschlaufen muss ich mich aktiv mit den Füßen an den schmalen Brettern festklammern.

Aufgabe: Sitzaufschwung

Die erste Umdrehung ist so schnell rum, dass ich sie kaum richtig mitbekomme. „Ab einem bestimmten Alter mache ich das immer ein bisschen überfallartig“, gesteht Arnold. „Erwachsene denken sonst zu viel nach.“ Auch in meinem Fall war das eine gute Taktik. Denn auch wenn der Handstand im Rad noch sehr ungewohnt ist – Angst habe ich jetzt keine mehr. Vor und zurück geht es durch die Sporthalle, und schon nach wenigen Versuchen schaffe ich eine Umdrehung ohne Arnolds Hilfe. „Das ist das Schöne an dem Sport: Man macht sehr schnell große Fortschritte“, sagt die Trainerin.

Die nächsten Übungen vermitteln mir ein Gefühl für das Rad. Wippen, schaukeln – nach und nach verstehe ich, wie viel Druck ich brauche, um das Rad zu bewegen. „Wichtig ist, die Finger nicht unters Rad zu bekommen“, sagt Arnold. Aber auch geübten Turnern passiere das. „Das wird dann blau und tut weh – aber der Finger bleibt dran.“

Offenbar stelle ich mich gar nicht so doof an, denn als Nächstes erklärt Arnold mir den sogenannten Sitzaufschwung. Während ich im Rad stehe, soll ich es nach vorne drehen und mich dann – mit einer Art Felgaufschwung, wie man ihn vom Reckturnen kennt – auf eine der Querstangen setzen. Ich schaue Arnold verständnislos an. Auf den Brettern stehen, in Laufrichtung des Rades schauen, durch Druck mit dem vorderen Fuß das Rad nach vorne bewegen, gleichzeitig mit beiden Händen nach hinten an das Rad fassen, beide Füße auf das hintere Brett stellen und dann mit einer möglichst eleganten Umdrehung auf der Querstange zum Sitzen kommen? Das erscheint mir unmöglich. Auch, dass die 13-jährige Marlene mir die Übung zweimal vorturnt, macht es nicht besser. „Wir probieren das jetzt einfach“, bestimmt Arnold.

Ich spüre alle Muskeln

Und tatsächlich: Es klappt. Wie – daran kann ich mich schon kurz danach nicht mehr erinnern. Aber es ist ein gutes Gefühl. Und es macht Spaß. „Wäre ich 20 Jahre jünger, könnte das meine Sportart werden“, denke ich und würde gerne weitermachen. Doch schon jetzt spüre ich meine Muskeln. Und spätestens in diesem Moment hätte ich wissen müssen, dass der Spaß am nächsten Morgen vorbei sein würde.

von Maren Schultz

Hintergrund

Erfunden wurde das Rhönrad Anfang der 1920er-Jahre von Otto Feick, einem Schlosser und Eisenbahner aus Ludwigshafen. Schon als Kind war er in zwei Eisenreifen, die er mit Querstäben verbunden hatte, den Berg vor der Schmiede seines Vaters hinuntergerollt. Später entwickelte er daraus das Sportgerät, das er 1925 zum Patent anmeldete. 1936 wurde Rhönradturnen bei den Olympischen Spielen in Berlin vorgestellt. Auch heute noch liegt der Schwerpunkt des Rhönradturnens in Deutschland. Bei den Weltmeisterschaften, die seit 1995 alle zwei Jahre ausgetragen werden, gab es bis auf wenige Ausnahmen immer Sieger aus Deutschland.

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