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Die Weitzels haben es geschafft

Willi will helfen Die Weitzels haben es geschafft

Manuel und Willi Weitzel haben Flüchtlingskinder an der syrischen Grenze besucht und ihre Spendenmission erfüllt. In welcher Armut Flüchtlinge in der Türkei leben, haben sie unter anderem bei einem Hausbesuch erlebt: Die achtköpfige Familie teilt sich zwei Zimmer. Die Kinder müssen zudem arbeiten.

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Normalerweise ist das Kinderhaus am Samstag geschlossen. Heute sind einige Kinder gekommen, um Willi und Manuel Weitzel ihre Kunstwerke zu zeigen. „Wir bringen die Grüße von rund 1000 Kindern in Deutschland. Sie haben uns Geschenke mitgegeben, als Zeichen ihrer Freundschaft.“ Andrea übersetzt Willis Satz ins Arabische und dann die Antwort der Kinder zurück ins Englische: „Deal accepted – Deal angenommen!“.

Quelle: Foto: Strothjohann

Antakya. Nach einer Nacht am Fuße des stark befahrenen Belen-Passes sind die Weitzels am Freitagmorgen über das Nurgebirge gefahren. Der Pass wird nicht ohne Grund „Syrische Pforte“ genannt: Hinter dem Gebirge beginnt eine rund 40 Kilometer breite Ebene, die an der syrischen Grenze endet. Um ein Gefühl für die Situation im Grenzgebiet zu bekommen, fahren die Brüder als erstes zum Grenzübergang Reyhanli. Die Straße dorthin führt an Feldern vorbei. Die Ebene scheint sehr fruchtbare Böden zu haben – fast jedes Stück Land wird bewirtschaftet. Auf den Wiesen hüten Hirten ihre Schafe.

Rund 50 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt haben Manuel und Willi Weitzel syrische Flüchtlinge getroffen. Sie unterstützen mit Hilfe von über 1000 Spendern aus Deutschland in der Aktion "Willi will helfen" das Kinderhaus in Antakya. Dort kümmern sich Andrea Zarif und ihre Kollegen mit viel Hingabe um junge Opfer des syrischen Bürgerkriegs.

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Das erste Zeichen dafür, dass hier doch nicht alles normal ist, ist ein gepanzerter Polizeiwagen am Straßenrand. Kurz darauf taucht der erste Wachturm am Horizont auf. Die Felder werden von einer steinigen Wüstenlandschaft abgelöst und dann kommt schließlich die Lkw-Schlange. Rund vier Kilometer vor dem Grenzübergang steht der letzte Laster. Die Lkw haben Zement und andere Baumaterialien, Autos, aber auch gekühlte Ware geladen.

Nicht mehr, als auf den Karren passt

Es ist offensichtlich: Der Handel mit Syrien läuft weiter. Zwischen den brummenden Lastwagen sind Familien zu sehen, die aus Syrien zu Fuß in die Türkei einreisen. Sie werden von Verwandten oder Freunden in Empfang genommen, die schon früher in die Türkei geflohen sind. Das Gepäck schieben sie auf Karren zum Parkplatz.

Der Grenzübergang in Reyhanli wird von Rebellen kontrolliert. Ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in Antakya erzählt, dass Rebellen, teilweise jugendliche, ohne Uniformen, aber mit Gewehren, auf der syrischen Seite die Einreisenden kontrollieren. Welcher Grenzgang gerade von welcher Gruppierung kontrolliert wird, erfahren Nichtregierungsorganisationen, die Hilfsgüter nach Syrien transportieren, über regelmäßig aktualisierte Listen. Die Lage ändert sich oft. Bisher wurden die Waren, so der Insider, an der Grenze von türkischen Lastwagen per Hand in syrische umgeladen, weil die türkischen Geschäftsleute ihre Fahrzeuge nicht riskieren wollten.
Als ein türkischer Polizist den Kameramann sieht, der die Weitzels begleitet, schickt er sie weg. Wenn sie nicht schnell verschwinden, sagt er, gibt es Probleme. Was das genau für Probleme sind, wollen sie nicht erleben und fahren. Die Stimmung ist angespannt an der Grenze, aber dass die Trucker, die hier auf die Einreise warten, ihr Leben riskieren, dass die Menschen die in die Türkei kommen, Kriegsflüchtlinge sind, das ist selbst hier vor Ort schwer vorstellbar.

Das Ziel ist nach 3 500 Kilometern erreicht

Eine knappe Stunde später erreichen Willi und Manuel Antakya. Sie sind nach rund 3500 Kilometern am Ziel ihrer Reise. Geographisch betrachtet. Denn das Ziel der Aktion „Willi will helfen“ ist nicht die Ankunft in Antakya. Sie wollen Flüchtlingskindern helfen und ihnen ein Stück ihrer im Bürgerkrieg verlorenen Kindheit, ein bisschen Normalität zurückgeben.

Sonnenlicht flutet das Haus, in dem das passieren soll. Die Zimmer sind bunt dekoriert – nur die Kinder fehlen. Es ist Freitag und was für die Christen der Sonntag ist, ist für Muslime der Freitag. Die Kinder haben heute frei und sind zu Hause. Doch sie haben Spuren hinterlassen. Andrea leitet das Gemeinschaftsprojekt des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes und der türkischen Organisation „Kader“. Sie führt die Besucher aus Deutschland durch das Haus: „Das hier ist das Bastelzimmer“, sagt die 27-jährige Syrerin.

Sie und ihre Kollegen kümmern sich um 150 syrische Flüchtlingskinder, die mit ihren Familien in Antakya untergekommen sind. Und im Bastelzimmer wird deutlich, mit welcher Hingabe sie das tun: In einem Kurs basteln die Kinder zurzeit Miniatur-Wohnungen. Aus alten Saftpackungen, Eisstäbchen und Pappkartons „zimmern“ sich Kinder, die sich zu Hause ein Zimmer mit ihren Eltern und Geschwistern teilen müssen, große Wohnungen mit Küche, Wohnzimmer und Bad. An den Fenstern des Bastelraums hängen Pappteller-Gesichter. Die Kinder haben sich selber abgebildet – die einen lachen, andere weinen.

12-Stunden-Tag,  um Kisten zusammen zu bauen

Fünf Gehminuten vom Kinderhaus entfernt wohnt Hanan mit fünf Geschwistern und ihren Eltern in einer kleinen Wohnung. Willi und Andrea haben Abendessen für alle mitgebracht. Jetzt sitzt die ganze Familie auf Matten um das Essen herum, Hanans 102-jährige Uroma sitzt neben dem Onkel auf dem Sofa. In einer Ecke auf einer vergilbten Waschmaschine läuft der Fernseher, darüber hängt ein Porträt des Familienoberhauptes – eine Plastikuhr daneben. Ansonsten gibt es keine Möbel oder Sachen.

In dem Raum, in dem jetzt gegessen wird, legt sich gleich ein Teil der Familie zu Bett. Ansonsten gibt es noch ein zweites Zimmer, eine Küche mit Dusche und ein Klo. Die Wohnung kostet im Monat warm 400 türkische Lira – für die der 16-jährige Ibrahim aufkommt. Für 480 türkische Lira, umgerechnet rund 160 Euro, baut der zweitälteste Sohn an sechs Tagen in der Woche 12 Stunden lang Holzkisten zusammen. Sein älterer Bruder Abdel Rahman ist blind und hat sein Leben lang das Haus nur an der Hand seiner Mutter verlassen. Wie er sich mit einem Blindenstock orientieren kann, dass er als Blinder überhaupt am öffentlichen Leben teilhaben kann, hat Abdel im Kinderhaus zum ersten Mal erlebt. Dort unterrichtet ihn einmal in der Woche ein ebenfalls blinder Syrer.

Aber auch für Hanan und ihre ein Jahr ältere Schwester Haneen ist das Kinderhaus der einzige Ort, an dem sie unterrichtet werden. Auf die türkische Schule können sie nicht gehen, weil sie kein Türkisch verstehen und weil sie nicht offiziell registriert sind. Im Kinderhaus üben sie Lesen und Schreiben und können mit der Hilfe der studierten Psychologin Andrea ihre Erlebnisse von  der Flucht verarbeiten, basteln und spielen. Haneen kommt nur sonntags, unter der Woche muss sie in einer Textilfabrik arbeiten. Wenn es nach ihrem Vater geht, muss auch Hanan bald auf die unbeschwerte Zeit im Kinderhaus verzichten – er findet, sie sei mit zwölf Jahren alt genug, um Geld für die Familie zu verdienen.

Muslimas reicht Mann nicht die Hand

Er selber findet keine Arbeit. Andrea hat es nicht nur mit den Folgen des Bürgerkriegs zu tun, sondern auch mit sehr konservativen und wenig gebildeten Familien – „die Flüchtlinge hier in Antakya repräsentieren nicht den syrischen Durchschnitt – das sind sehr einfache Leute“, sagt Andrea später.

Hanans jüngste Schwester ist vor zehn Monaten in der Türkei geboren worden. Sie haben die Kleine Rahil genannt – „die, die weggeht“, übersetzt Andrea. Rahil hat keinen Pass – weder einen türkischen noch einen syrischen. Als das Abendessen beendet ist und Haneen den Chai serviert hat, ist Zeit für den Abschied. Willi hat einen 100-Lira-Schein in seiner Hand versteckt und wartet auf eine Hand, in die er ihn heimlich stecken kann. Doch als er der Mutter im Weggehen die Hand reichen will, fällt es ihm gerade noch ein: „Muslimas reicht Mann nicht die Hand.“

von Thomas Strothjohann

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