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Die Vergangenheit hat Zukunft

Heimatvereine Die Vergangenheit hat Zukunft

Ehrenamtliche Mitglieder kümmern sich um die unterschiedlichen Anliegen ihrer Heimatvereine, damit die Geschichte ihrer Herkunft nicht verloren geht. Dabei stoßen manche auch auf Hindernisse.

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Joachim Deegener zeigt auf eine von 20 Infotafeln, die der Heimat- und Kulturverein Bauerbach im historischen Dorfkern installiert hat. Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Bauerbach. Schneckenförmig winden sich die Worte „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst“ auf dem hellbraunen Marburger Buntsandstein. Ein paar Meter weiter trägt ein Schmetterling die Worte Lothar Zenettis: „Das Weizenkorn muss sterben, um zu leben.“ Die in den Friedhofsrasen in dem Marburger Stadtteil eingelassenen Steintexttafeln (Foto: Hoffsteter) sind das neueste Projekt des Heimat- und Kulturvereins Bauerbach. Aus den bislang sechs Exemplaren sollen insgesamt ein Dutzend werden.

Joachim Deegener (78) wurde 2004 zum Vorsitzenden des ehemaligen „Verschönerungsvereins“ des Marburger Stadtteils gewählt. Gemeinsam mit 50 weiteren Mitgliedern fördert er ehrenamtlich den Erhalt, die Verbesserung und die Errichtung von historisch und gesellschaftlich bedeutenden Stätten. Die Friedhofstafeln sind das aktuellste Projekt des Vereins. Dazu hat sich extra ein Textkomitee gegründet, um Psalme, Zitate und Sprüche auszusuchen.

Gemeinsam mit dem Marburger Steinmetz Reinhard Paffrath haben sie dann die Tafeln entworfen. „Wir wollten aus dem Friedhof etwas Besonderes machen. Er soll nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch der Begegnung und des Nachdenkens über Leben und Tod sein“, sagt Deegener. Ob noch mehr Objekte genehmigt werden, liegt an der Bereitschaft der Stadt Marburg. „Zum Glück stoßen wir bei unseren Ideen meistens auf offene Ohren“, ergänzt der Rentner.

In der Vergangenheit hatte der Verein selten mit Problemen zu kämpfen. Geldgeber, Entscheidungsträger und Bürger erwiesen sich als sehr kooperativ.

Seit 1982 stets Frauen am Ruder

So auch bei einem weiteren Projekt: In einem der ältesten Gebäude von Bauerbach soll demnächst ein Dorfarchiv entstehen. Im Sommer beginnt der Innenausbau. Künftig werden dort ein alter Wetterhahn, historische Werkzeuge und Trachten ausgestellt. Eine Wechselausstellung gibt es bereits im Bürgerhaus. Dafür stellen die Dorfbewohner ihre eigenen historischen Fundstücke zur Verfügung.

Durch die Eröffnung des Archivs soll das Interesse an der Heimat- und Kulturpflege bei den Bauerbachern geweckt werden. „Wir wünschen uns besonders ein paar jüngere Mitglieder“, erklärt Deegener. Neben der Pflege des Kulturguts kümmert sich der Verein auch um Vogelschutz, Landschaftspflege und die Verschönerung des Dorfkerns. Das kommt bei den meisten Bürgern gut an. Die Umgestaltung des Bürgerhaus-Parkplatzes hat zum Beispiel trotz hohem Aufwand großen Anklang gefunden.

Auch in Gladenbach gibt es eine Gruppe engagierter Bürger mit dem Ziel, die Geschichte ihrer Heimat am Leben zu erhalten. Marion Lange ist seit 2003 Vorsitzende des Heimat- und Museumsvereins „Amt Blankenstein“. Seit dessen Neugründung im Jahr 1982 saß stets eine Frau auf dem Chefposten.

Der Verein bringt regelmäßig das „Geschichtsblatt“ heraus. Außerdem erscheint seit zwei Jahren ein Kalender mit historischen Motiven der Kernstadt. „Unser Ziel ist es, die Vergangenheit für nachfolgende Generationen erlebbar zu machen“, sagt Lange.

Steine im Weg

Im Gegensatz zu Bauerbach gibt es in Gladenbach bereits seit geraumer Zeit ein Heimatmuseum. Es besteht aus mehreren Vitrinen im Haus des Gastes. Zudem wird ein Teil der Räume im Erdgeschoss des Hauses verwendet. Gerne würde Marion Lange zwei unbenutzte Räume zu weiterer Ausstellungsfläche umbauen lassen. Genug Exponate gäbe es. „Leider möchte die Stadt dafür kein Geld ausgeben, dabei könnte die Firma meines Mannes die Arbeit zu Sonderkonditionen erledigen. Er ist ja auch ein Mitglied im Verein“, erklärt die 51-Jährige weiter.

Es ist nicht das erste Mal, dass den Heimatinteressierten in Gladenbach Steine in den Weg gelegt werden: Ein latentes Thema ist die Burgruine Blankenstein oberhalb der Schlossallee. Das Grundstück samt den Überbleibseln der Gemäuer hatte Mitte der 1950er Jahre die Gewerkschaft Verdi gekauft. Seitdem ist nicht mehr viel damit geschehen. „Mit der Ruine müsste dringend etwas gemacht werden. Es ist nicht nur schade, dass sie so verkommt, sondern auch gefährlich.

Die Mauern werden bald so instabil sein, dass sich spielende Kinder dort verletzen könnten“, berichtet die Vorsitzende. Die Ruine liege direkt an der Wanderroute Lahn-Dill-Bergland. Eine touristische Erschließung würde sich also lohnen. Aber um das Gladenbacher Markenzeichen zurückzukaufen, fehlen der Stadt ebenso die finanziellen Mittel.

Villa Wehrenbold ist aktuell das größte Anliegen

Das größte Anliegen des Vereins aktuell ist der drohende Abriss der Villa Wehrenbold durch die Firma Lidl. Der Discounter hat der Stadt das Grundstück samt Gebäude abgekauft, um Filiale und Parkplatz zu vergrößern. „In der Vergangenheit mussten bereits das alte Amtshaus und das Forsthaus von Hartig großen Konzernen weichen. Es wäre ein Verlust für das Gladenbacher Stadtbild, wenn dasselbe mit der Villa Wehrenbold passieren würde“, merkt Lange an. Derzeit hängt das Schicksal des einstigen Prunk-Gebäudes an einem Urteil von Seiten der Denkmalschutzbehörde.

von Sofiya-Lisann Velte

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