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Die Trauer bleibt ein Leben lang

Andreas Rein über Verlust seiner Ehefrau Die Trauer bleibt ein Leben lang

Vor vierzehn Jahren hat sich das Leben von ­Andreas Rein komplett gewandelt. Die Trauer um seine erste Ehefrau hat nicht nur sein Privat-, sondern auch sein Berufsleben verändert.

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„Ich wollte unbedingt einen Käfer haben“: Andreas Rein erfüllte sich 2002 nach seinem Tiefpunkt diesen Wunsch.

Quelle: Mareike Bader

Marburg. „Man kann niemandem sagen, wie er zu trauern hat“, das ist Dr. Andreas Rein sehr wichtig. Der studierte Jurist verlor 2000 kurz vor dem neunten Hochzeitstag nach kurzer, schwerer Krankheit seine erste Frau. „Es ging relativ schnell, wir waren überhaupt nicht vorbereitet.“ In dieser Zeit habe er sich sehr zurückgezogen, erzählt er. Zusammen mit seinen beiden Schwestern habe er seine Frau in den Tod begleitet. „Als sie gestorben war, war es komplett das Gegenteil - ich bin nach außen gegangen“, berichtet Rein, der große Unterstützung bei seiner Familie und Freunden gefunden hatte. Er sei sehr offensiv mit dem Thema umgegangen und hat auf der Trauerfeier Freunde und Bekannte eingeladen, Geschichten über die Verstorbene zu schreiben.

„Ich fand es unerträglich, dass so eine besondere Persönlichkeit plötzlich weg ist“, begründet Rein seine Idee. Kennengelernt hatte er seine Susi 1987 als 23-Jähriger. Sie war für ihn seine große Liebe. Über 40 Personen schrieben von ihren Erinnerungen und Gefühlen. Rein, der damals bei einem Frankfurter Verlag arbeitete, sammelte diese Geschichten, ergänzte sie um die Trauerpredigt und um Notizen von Susi. Nach einem Jahr Arbeit entstand ein gebundenes Buch, in dem er heute ein Foto von Susi liegen hat. In seinem Haus in Cappel hat er kein Bild stehen: „Ich brauch‘ das nicht, sie ist trotzdem da.“

„Ich möchte nicht verhehlen, dass es auch ganz schreckliche Momente gegeben hat“, betont Rein, der damals früh wieder zur Arbeit ging: „Es gab Phasen, da wusste ich nicht wie es weiter geht.“ Termine wie der Totensonntag seien für ihn zwar ein Anlass, über alles nachzudenken, doch Geburtstage oder der Hochzeitstag erinnerten ihn noch viel mehr an seinen Verlust. Besonders schwer sei anfangs Silvester gewesen. Während andere dann Vorsätze machen, hatte er Angst vor dem Ungewissen.

Den Tiefpunkt erlebte Andreas Rein am Jahreswechsel 2001/2002. Da sei es ihm besonders schlecht gegangen, erzählt er. Im ersten Trauerjahr hatte er sich noch besonders seiner Frau und der Trauer um sie gewidmet. „Ich wollte nicht, dass sie weg geht“, beschreibt er. Im Jahr 2002 ging es jedoch mehr um ihn selbst. „Es gab mehrere Punkte, wo ich gemerkt habe, da passiert was mit mir.“ So hat er sich damals den Wunsch erfüllt, einen Käfer zu fahren oder hat wieder angefangen zu laufen.

Das Trauercafé ist für ihn eine Herzensangelegenheit

Zusammen mit vier anderen Teilnehmern der Trauergruppe im Philippshaus und zwei weiteren Bekannten gründete Andreas Rein schließlich 2005 den Verein „Trauerleben“, der seit 2007 das Trauercafé veranstaltet. Dort treffen sich jeden dritten Samstag im Monat ab 15 Uhr Trauernde im Diakoniehaus in Cappel. Andreas Rein ist immer dabei. Für ihn ist das Trauercafé eine Herzensangelegenheit geworden.

Aber auch beruflich beschäftigt sich der Jurist inzwischen mit Trauer. „Die Thematik hat sich so viel Bahn gebrochen, dass sich sogar beruflich was ergeben hat“, freut sich Rein, den die Lehre schon immer interessiert hatte. 2010 wurde er an die FH Ludwigshafen berufen, wo der Jurist seitdem am Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen angehende Sozialarbeiter unterrichtet. Gleich im ersten Semester hat er dort ein Seminar zum Thema Trauer und Tod angeboten, das bei den Studenten sehr gut ankam. So gab es bereits Anfragen, bei ihm dazu eine Bachelor-Arbeit zu schreiben.

Manchmal holt er sich auch Tipps von seiner zweiten Frau. Die Psychologin hat er 2003 kennengelernt, als es um eine Kooperation zu einer ihrer Trauergruppen ging. „Andreas hat seinen Verlust ganz allein bewältigt“, betont sie. Der Verlust sei nur zu bewältigen, wenn man sich dafür Zeit nehme, erwidert Rein. Zusammen haben die beiden einen sechsjährigen Sohn.

„Ich bin ein ausgesprochen glücklicher Mensch, mit dem was ich habe“, sagt Andreas Rein heute über sich selbst, auch wenn die Trauer ihn immer noch begleitet. „Das Gefühl geht nicht ganz weg. Eine gewisse Traurigkeit bleibt immer. Aber das Leben ist, was man daraus macht.“

Mehr Informationen zum Trauercafé gibt es ­unter www.trauerleben-marburg.de

von Mareike Bader

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