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„Die Stimmung ist hochgekocht“

Aus dem Amtsgericht „Die Stimmung ist hochgekocht“

Zweimal Freispruch und eine Geldstrafe wegen Körperverletzung in Tateinheit mit Beleidigung – das ist das Ergebnis des umfangreichen Prozesses vor dem Marburger Amtsgericht.

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Im ehemaligen Nachtclub „Desbarado“ kam es zur Auseinandersetzung zwischen Türstehern und Gästen.

Quelle: Nadine Weigel (Archiv)

Marburg. Drei lange Verhandlungstage und zahlreiche Zeugen waren nötig, um die chaotische Auseinandersetzung vor zwei Jahren in und rund um die Bar in der Oberstadt weitestgehend aufzuklären. Der genaue Ablauf der Prügelei bleibt im Dunkeln, für das Strafgericht stand fest, dass nachweislich nur einer der drei Türsteher aktiv mit Gewalt vorging. Eine der drei angeklagten Security-Kräfte, die an einer Massenschlägerei im ehemaligen „Desbarado“ in der Reitgasse beteiligt waren, wurde verurteilt.

Die Anklagevertretung fasste den Ablauf noch einmal zusammen: Nach einer ersten Diskussion um den Eintrittspreis drohte den drei Geschädigten der Verweis aus der Bar. An ihrem Tisch geriet die Gruppe mit zwei der Angeklagten in Streit. Ein Gast wurde am Arm von seinem Platz gezogen, gemeinsam mit dem 40 Jahre ­alten Ordner stürzte der Mann zu Boden.

Zu diesem Zeitpunkt griff der 47-jährige Kollege ein, schlug dem Gast ins Gesicht, im Anschluss auch dessen Freundin, die dem Partner zu Hilfe kommen wollte, von dem Türsteher zudem beleidigt wurde. Während der folgenden Rangelei quer durch den Hauptraum der Bar kam auch der Bruder der Frau hinzu, der ebenfalls Schläge kassierte.

Im Folgenden hätten sich die Gäste nur noch verteidigt, der Hauptangeklagte wurde dagegen übermäßig gewalttätig, „er war auf jeden Fall beteiligt“, fasste Rechtsreferendarin Schmied das Ganze zusammen.

Die chaotische Prügelei verlagerte sich in den Flur, schließlich nach draußen. Dorthin wurde einer der beteiligten Gäste von mehreren Mitarbeitern getragen, quasi auf die Straße geschleift und „brutal über den Boden gezogen“. Zu dieser Behandlung passte das ärztliche Attest, das diverse Hämatome am Körper des Geschädigten dokumentierte, „er sah schlimm aus“.

Ebenfalls blaue Flecke und ­eine Nasenbeinfraktur erlitt der Bruder. Daneben gingen in dieser Nacht auch zwei der Angeklagten mit Verletzungen nach Hause, unter anderem einer Schädel- und eine Jochbeinprellung.

Verteidiger: Vorwürfe nicht erwiesen

Doch wie so oft bei einer Massenprügelei, bei der zudem Alkohol im Spiel war, konnte nicht genau geklärt werden, wer wann wen geschlagen hatte und ob es sich dabei um eine Notsituation gehandelt hatte, „die üblichen Widrigkeiten einer Kneipenschlägerei“, wie Richterin Katharina Blumentritt es ausdrückte.

Zudem griffen noch einige Unbekannte gewaltsam ein, wie der ominöse Stammgast, der den Geschädigten geschlagen und getreten haben soll, „die Stimmung war schlecht und ist hochgekocht“, sagte die Richterin.

Problematisch vor Gericht gestalteten sich die auseinanderdriftenden Aussagen der Zeugen beider Lager. Davon gab es so einige, die sich zum Teil widersprachen. „Es haben wenige Leute etwas gesehen oder wollten es nicht sehen“, vermutete die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Sie wertete die Angaben der Geschädigten wie die Berichte der wenigen neutralen Zeugen als glaubhaft, die einheitlich den Hauptangeklagten beschuldigt hatten. Die Vorwürfe gegen die beiden jüngeren Ordner bestätigten sich nicht, während der Jüngste von einem Zeugen scheinbar verwechselt wurde, sich in einem ganz anderen Teil der Bar aufhielt, konnte kein Zeuge glaubhaft bestätigen, dass sich der 40-jährige „sehr glaubhafte“ Kollege aktiv an dem Getümmel beteiligte. Für den Dritten im Bunde beantragte die Staatsanwaltschaft eine zehnmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung sowie eine Geldauflage.

Dem widersprach Verteidiger Björn Weil, der die Vorwürfe­ gegen seinen Mandanten für nicht erwiesen hielt und auf Freispruch plädierte. Nicht nur, dass die Auseinandersetzung in der lauten, schlecht beleuchteten Bar kaum zu überblicken war, die Schläge ins Gesicht der Frau seien auch durch das unauffällige Attest nicht bestätigt worden, erklärte der Rechtsanwalt.

Auch die angeklagten Übergriffe gegen den Lebensgefährten hätte der Angeklagte von seinem scheinbaren Standort aus gar nicht bewältigen können.

Zu guter Letzt wertete die Verteidigung die Attacke gegen den Bruder als Notwehr, nachdem der Gast ihn in den Schwitzkasten nahm - „in einer Notwehrsituation haut er ihm eben mal auf die Nase, er kann keiner Straftat überführt werden“, befand der Anwalt. „Ich bin ein anständiger Bürger, ich habe sie nicht angefasst, aber ich darf mich wehren“, bekräftigte auch der Angeklagte.

In einigen Punkten stimmte die Richterin dem zu, hegte dahingehend Zweifel, ob der Mann tatsächlich, wie angeklagt, massiv zugetreten hatte. Andere Abläufe sah sie dagegen als bestätigt, wie die Beleidigung und die Übergriffe auf das Geschwisterpaar. Der Schwester habe der Beschuldigte mehrmals ins Gesicht, dem Bruder „auf die Nase geschlagen und die war gebrochen“, fasste die Richterin zusammen.

Dafür verurteilte sie den Angeklagten wegen Körperverletzung und Beleidigung zu einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu je 60 Euro. Von allen anderen Anklagepunkten wurde der Mann freigesprochen.

von Ina Tannert

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