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"Die Steine sollen als Mahnmal dienen"

Stolpersteine "Die Steine sollen als Mahnmal dienen"

Nicht jedes Denkmal, das an die Gräuel der Menschheitsgeschichte erinnern soll, muss so imposant sein wie das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig.

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Amnon Orbach (links) lauscht dem Gesang der Schüler von der Waldschule Wehrda.

Wehrda. Von einer eher subtilen Art sind die acht Stolpersteine, die in Wehrda vor einem 50-köpfigen Publikum verlegt wurden. Es sind Miniaturdenkmäler für die jüdischen Bürger, die während des Nationalsozialismus ermordet, vertrieben oder in den Selbstmord getrieben worden waren.

„Es wurde Zeit, dass diese Steine hier in Wehrda gelegt werden“, äußerte sich Dr. Dieter Dörnemann, Vorsitzender des Geschichts- und Kulturvereins Wehrda. „Die Diskriminierung und Ermordung von Juden gehört zu unserer Geschichte und darf nicht in Vergessenheit geraten.“

Die Verheirateten Levi und Bertha Heß sowie ihre Kinder Gerda und Adolf, das Ehepaar Julius und Irene Buxbaum als auch ihre Tochter Hannelore und Dr. phil. Heinrich Berger - dies sind die Namen, die auf den Stolpersteinen verewigt sind. Die Steine wurden vor den Häusern gelegt, die einst von diesen Familien bewohnt worden waren oder an der Stelle, wo die Häuser einst standen. Denn einige wurden abgerissen. Dr. Berger und seine Familie lebten im Oberweg 21. Die Buxbaums wohnten in dem Haus, das heute die Adresse Goßfeldener Straße 1 hat und die Familie Heß wohnte, wo heute die Bushaltestelle Mengelsgasse steht. Initiiert wurde die Verlegung vom Geschichts- und Kulturverein Wehrda. Nachdem im März 2006 die ersten Stolpersteine in Marburg verlegt worden waren, wurde im Juni des folgenden Jahres eine Gedenktafel auf dem Gehweg bei der Bushaltestelle Mengelsgasse gesetzt. Jetzt wurden die drei Steine für die Buxbaums unmittelbar vor besagter Tafel auf dem Bordstein gelegt.

Während der Kölner Künstler Gunter Demnig kniend die zehn mal zehn Zentimeter großen Betonquader mit eingelassenen Messingplatten, auf der die Namen eingraviert sind, verlegte, lauschten die Angehörigen der Stimme Dörnemanns, der von den Schicksalen der Familien berichtete: Geburt, berufliche Laufbahn, sozialer Status, Ächtung während des Nationalsozialismus.

Neues Denkmal in der Mengelgasse

„Die Steine sollen als Mahnmal dienen. Es darf nie wieder passieren, dass eine Ideologie so viele Menschen vereinnahmt und sich ein solch rassistisches sowie faschistisches Regime etabliert“, sagte Dörnemann.

Der Verlegung wohnten auch Schüler und Lehrer der Waldschule Wehrda bei, die das wohl bekannteste Antikriegslied zum Besten gaben: Pete Seegers „Where have all the flowers gone“ (deutsch: „Sag mir, wo die Blumen sind“) von 1955, das schon von deutschen Musikgrößen wie Marlene Dietrich und Hannes Wader interpretiert wurde.

Auch ein Gebet der besonderen Art konnten die Versammelten hören. Amnon Orbach, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Marburg und Ehrenbürger der Universitätsstadt, sprach im halben Singsang, sichtlich emotional und mit klagender Stimme das Gebet „Erbarmungsvoller Gott“ auf Hebräisch. „Es ist ein altes jüdisches Gebet, das Gott demütig bittet, den Seelen der Toten gnädig zu sein und sie in den Garten Eden aufzunehmen“, sagte Orbach.

Die erwähnte Gedenktafel in der Mengelsgasse, an der seit 2007 bereits dreimal Denkmalschändung verübt wurde, wird im Sommer 2015 abgebaut. An die gleiche Stelle soll laut Dr. Dörnemann eine Miniaturfassung des abgerissenen Hauses der Familie Heß gesetzt werden - ein neues Denkmal.

von Benjamin Kaiser

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