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Die Stadt der depressiven Professoren

Debattier-Duell im Historischen Rathaussaal Die Stadt der depressiven Professoren

Eigenverantwortliches Lernen, wo die Studenten schon bei der Essensauswahl in der Mensa überfordert sind? Bloß keine Online-Vorlesungen also, fordern die Professoren. Und gewinnen so eine Show-Debatte.

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Die Juristin Professorin Monika Böhm (links) bei ihrem Redebeitrag.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Einmal im Jahr heißt es im Marburger Brüder-Grimm-Debattierclub „Studenten gegen Professoren“. Das Publikum wählt ein Thema aus, und jeweils drei Studierende und Dozenten treten gegeneinander an, pro und kontra, Regierung versus Opposition.

Und am Ende entscheidet der Applaus. In der vergangenen Woche gaben die Zuschauer „Philipp geht ins Netz – sollen Vorlesungen künftig nur noch online stattfinden?“ den Vorzug vor der Frage, ob die Kernstadt zur grünen Zone werden soll.

Die Moderatoren Anne Suffel und Anselm Kälberer gaben den Ring frei. Auf der Seite der Studierenden traten Sabrina Göpel (aktuelle Präsidentin des Debattierclubs), Anastasia Molchanova und Thilo Haverkamp an.

Sie argumentierten, dass der technische Fortschritt an den Universitäten viel zu wenig genutzt werde, einige Lehrmethoden noch aus dem Mittelalter stammen und Online-Vorlesungen auch anderen Menschen die Möglichkeit zur Weiterbildung eröffne. Außerdem sei es wichtig für die Studierenden, ihre Persönlichkeit frei entfalten und deshalb ihre Zeit freier einteilen zu können.

Professoren nehmen sich selbst auf die Schippe

„Es geht Ihnen doch gar nicht darum, online zu gehen, es geht Ihnen darum, die Spaßgesellschaft besser ausleben zu können“, kam es von Professorenseite zurück. Dort hielten Professorin Monika Böhm (Rechtswissenschaften), Professor Mario Gollwitzer (Psychologie) und Professor Uwe Wagner (Medizin) gegen das „katastrophale Regierungsprogramm“. Das wohin führen würde? Zum digitalen Burnout und in die digitale Demenz. Der arme Philipp werde so zum Zappelphilipp. Und Marburg zu einer Geisterstadt. Eine Stadt der depressiven Professoren.

„Denken Sie doch auch mal an uns!“, bat Professorin Monika Böhm. „Was wir brauchen, ist Aufmerksamkeit.“ Da nützte es auch nichts, dass Thilo Haverkamp als Argument ins Feld führte, man habe dann mehr Zeit für die Familie (Fernsehabende mit Referaten über Quantenphysik!) – die Professoren lagen am Ende vorn. Auch, weil sie sich selbst auf die Schippe nahmen und wunderbar mit Klischees spielten.

Eigenverantwortliches Lernen? Wenn er die Studenten schon am Glaskasten in der Mensa stehen sehe, erklärte Professor Mario Gollwitzer. Mango-Carpaccio auf Feigen-Farfalle oder doch lieber den Borschtsch? „Sie kriegen noch nicht mal das gewuppt!“

Die mehr als 200 Zuschauer im völlig überfüllten Historischen Saal des Rathauses votierten am Ende klar für die Professoren. Und alle hatten einen Riesenspaß. Auch wenn die Veranstaltung mit einer traurigen Nachricht begonnen hatte: Der ehemalige Präsident des Debattierclubs Martin Fries war am Wochenende zuvor bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Ihm war der Abend gewidmet.

von Nadja Schwarzwäller

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