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Die Sonne lacht über die Finsternis

Sonnenfinsternis im Landkreis Die Sonne lacht über die Finsternis

149 Millionen Kilometer ist die Sonne entfernt. Am Freitag konnte man ihr nahe sein - zumindest per Teleskop. Im Landkreis nutzten zahlreiche Menschen die angebotenen Möglichkeiten zur Beobachtung der Sonnenfinsternis.

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Sonnenfinsternis vom Frauenberg aus fotografiert am 20. März 2015.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wer das Himmelsspektakel gestern in der Volkssternwarte Kirchhain erleben wollte, musste Zeit, Geduld und in manchen Situationen auch ein wenig Ellbogeneinsatz mitbringen. Hunderte Menschen waren der Einladung des in Kirchhain ansässigen Vereins Volkssternwarte Marburg gefolgt - mehr als Vortragsraum und Beobachtungsplattform des Verein fassen konnten.

Sonnenfinsternis am Frauenberg.

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Gut, dass die Vereinsmitglieder vorgesorgt hatten. Vor dem Gebäudeeingang war ein Solarscope aufgebaut. Durch das Gerät lässt sich das Himmelschauspiel auch ohne Schutzbrille gefahrlos beobachten - wenn auch seitenverkehrt. Wegen der Projektion schiebt sich der Mond von links statt von rechts vor die Sonne.

Bis zu 200 Besucher drängten sich um das Gerät. „Habt Ihr mal ‘ne Brille da?“, wurden die Vereinsmitglieder von allen Seiten gefragt. Doch die Brillen sind längst ausverkauft. Die wenigen vorhandenen wandern von Nase zu Nase, während Gertrud Nagel einigen Berufsschülern den Unterschied zwischen Mond- und Sonnenfinsternis erklärte.

Spektakuläre Bilder

In der Sternwarte verpasste der 2. Vereinsvorsitzende Reiner Boulnois das große Ereignis. Er brachte im Vortragsraum Besuchern das vergleichsweise seltene Phänomen Sonnenfinsternis näher. Und das immer wieder. Gleich mehrere Schulklassen hatten sich für die Vorträge angemeldet.

Derweil ging nebenan am Aufgang zur Plattform phasenweise nichts mehr. Die Sonnengucker stauten sich. Wer es bis nach oben geschafft hatte, bekam durch die Teleskope fabelhafte Einsichten in das Zusammenspiel von Sonne und Mond. Durch das größte Teleskop bot sich ein geradezu dramatisches Bild: der Mond schob sich als riesige Kugel vor die Sonne und zeigte an seinen Rädern spektakuläre Zacken.

Es ist der Weißlichtfilter, der diesem Teleskop einen Schwarz-Weiß-Effekt verleiht, weiß Udo Wittekindt. Von ihm war auch zu erfahren, dass unterschiedliche Filter wie Kohle- und Kalziumfilter nicht nur unser Augenlicht schützen, sondern auch Einblicke in die verschiedenen Schichten der Sonne ermöglichen. So seien nicht die Brennweiten, sondern die Filter entscheidend für die unterschiedlichen Seherlebnisse, die Teleskope bieten.

Während der Finsternis ist es heller als vorher

So haben die Fotos, die Winfried Kräling mit seiner an ein Teleskop angeschlossenen Kamera macht, einem warmen Farbton. Als der Mond die Sonne schon gut zur Hälfte bedeckte, holte er sein Luxmeter hervor und machte eine erstaunliche Entdeckung: Das Gerät zeigte 4600 Lux an - 800 Lux mehr als zu Beginn der Sonnenfinsternis. „Die Sonne ist jetzt aus dem Dunst hochgestiegen“ erklärte er das Paradoxon am Kirchhainer Himmel.

Derweil stand der Vereinsvorsitzende Volker Haupt inmitten der Menschenmenge und versuchte, den Strom der Interessenten zu kanalisieren. „Wir sind von den Besuchern heute regelrecht überrannt worden“, sagte er und hatte für alle, die am Freitag zu kurz kamen, ein Trostpflaster parat: Am Sonntag bietet die Volkssternwarte (Dresdener Straße 18. Gebäude der Beruflichen Schulen) von 13 bis 15 Uhr eine Sonnenbeobachtung an. Das ist gewissermaßen das gleich Programm - nur ohne den Mond.

Viele Besucher auf der Burgruine Frauenberg

Reges Treiben herrschte am Freitagmorgen auch rund um die Burgruine in Frauenberg. Mehr als 20 Menschen verfolgten die spektakulären Bilder und genossen das besondere Schauspiel. Mit Campingstühlen, Decken, warmen Getränken und Frühstück ausgerüstet wanderten im Laufe des Vormittags zahlreiche gut gelaunte Sternegucker den steilen Hang zur Burgruine in Frauenberg hinauf.

Besonders beliebt war die Aussichtsplattform des alten Gemäuers. Von dort aus hatten die Besucher den besten Rundumblick und ungestörte Sicht auf die Sonne.

Auch die Schüler Lena Karry, Lara Turba und Moritz Mihr machten es sich - ausgerüstet mit Spezialbrillen - auf der Plattform gemütlich, genossen die Sonne und warteten auf das große Ereignis. „Wir wollten das unbedingt sehen, so ein Schauspiel erlebt man selten“, sagte Lara. Auch Moritz interessiert sich seit Langem für Astronomie und entsprechende planetare Höhepunkte. „Es ist sehr interessant was um uns herum passiert und wie bei jedem Neumond auch eine Art Neubeginn“, erklärt der 19-Jährige.

Auch unterhalb der Ruine versammelte sich eine wachsende Gruppe fröhlicher Beobachter. Ganze Familien, Wanderer oder Einwohner der Umgebung trafen sich zum gemeinsamen Austausch, genossen nicht nur das Schauspiel sondern einfach den sonnigen, wenn auch noch etwas frostigen Frühlingstag. „Hier hat man einfach einen sehr guten Blick“, erzählte Matthias Klinge, der mit seinen Töchtern Lotta und Luisa das Spektakel verfolgte. „Es macht Spaß hier und ist schon etwas besonderes“, fand auch Lotta. Nicht nur an den Sonnenfinsternisbrillen hatten vor allem die Kinder große Freude, auch zum Toben und für rasante Wettrennen eignete sich der Ausflug auf den Hügel bei Frauenberg besonders gut.

Studenten brachten Teleskop mit

Da nicht jeder eine der begehrten und lange ausverkauften Spezialbrillen ergattert hatte, ließ sich mancher Besucher so einiges einfallen, um das strahlende Ereignis betrachten zu können. Dafür wurden auch schon mal die Schweißerbrillen aus der Garage zweckentfremdet und dreilagig zusammengefügt um einen vermeintlich ausreichenden Schutz der Augen zu gewährleisten. Wer eine handelsübliche Schutzbrille mitgebracht hatte, teilte diese jedoch gerne und reichte das begehrte Stück in der Runde herum.

Die Studenten Lea Grebe, Waldemar Pegdan und Jan Battenberg waren gleich mit professionellem Equipment angerückt und betrachteten das sonnige Schauspiel mit einem Teleskop. Von der vergangenen totalen Sonnenfinsternis im Jahr 1999 wurden sie durch die wetterbedingt schlechte Sicht enttäuscht. „Ich bin froh, dass man es dieses mal gut beobachten kann“, freute sich Jan. Das besondere an einer Sonnenfinsternis, gerade für Laien, sei nicht nur deren Seltenheitswert sondern auch die gefühlte wie tatsächliche Nähe zu den sonst so alltäglichen Himmelskörpern. „Es ist einfach anders, als wenn man nur Sterne beobachtet, das macht den großen Reiz aus“, erklärte der Physikstudent.

von Matthias Mayer und Ina Tannert

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