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„Die Situation ist dramatisch“

Frauenärzte „Die Situation ist dramatisch“

Immer mehr Bürokratie, immer weniger Zeit für Patienten – das ist das Problem vieler Ärzte. Den Gynäkologen machen Gendiagnostik- und Schwangerschaftskonflikt-Gesetz sowie erhöhte Berufshaftpflichtprämien das Berufsleben schwer.

Marburg . „Frauenärzte stoßen zeitlich und finanziell an ihre Grenzen.“ Mit dieser Kritik hat sich die Hessische Landesärztekammer im November zu Wort gemeldet und praktikablere Gesetze sowie bezahlbare Haftpflichtprämien für die niedergelassenen Gynäkologen gefordert. Die Umsetzung des Gendiagnostik- und des Schwangerschaftskonfliktgesetzes, die Anfang diesen Jahres in Kraft getreten sind, sei eine enorme Belastung für den Praxisalltag, sagt Dr. Klaus König, Delegierter der Landesärztekammer. Zusätzliche Beratungen und Verwaltungsarbeiten seien notwendig, würden aber nicht gesondert honoriert.

„Wir arbeiten immer mehr und bekommen immer weniger heraus“, bestätigt Dr. Heinrich Hofmann, Frauenarzt aus Marburg und zweiter Vorsitzender der heimischen Ärzte-Genossenschaft „Prima“. „Ich will nicht übertreiben, aber die Situation ist schon dramatisch“, sagt der Mediziner. Allein die Budgetierung stelle ein Problem dar: „Wir können nur so viel arbeiten, wie die Kassenärztliche Vereinigung uns zugesteht“, erläutert Hofmann. Die Politik behaupte, es werde ständig mehr Geld an Ärzte ausgeschüttet, aber das komme definitiv nicht an.

Wie wenig durchdacht das neue Gesetz ist, macht Dr. Axel Valet, der als Frauenarzt in Herborn niedergelassen und zusätzlich am Dillenburger Krankenhaus tätig ist, an einem Beispiel deutlich: Will er bei einer Patientin überprüfen, ob ein Gendefekt vorliegt, der diese anfällig für Thrombosen macht – „eine Untersuchung, die absolut im Interesse der Patientin und niemandem sonst ist“, wie Valet erklärt – muss er sie zuvor nach dem Gendiagnostik-Gesetz beraten. Ist die Patientin Trägerin dieses Gendefekts, dürfte sie zum Beispiel keine Pille verschrieben bekommen. „Werden wir zynisch: Verschreibe ich ihr die Pille ohne Beratung und sie bekommt eine Thrombose, hat sie eine Erkrankung und ich darf sie ohne Beratung untersuchen“, erläutert der Arzt.

Seine Berufshaftpflichtversicherung koste ihn pro Jahr 28 000 Euro, erklärt Dr. Axel Valet. Bei den rund 160 Euro Verdienst je Geburt, die er betreut, kommt er auf 175 Geburten im Jahr, die er begleiten müsste, allein, um auf die Versicherungssumme zu kommen. „Deshalb werden zum Jahresende rund ein Drittel aller geburtshilflich tätigen Frauenärzte diesen interessanten und schönen Bereich ihrer Arbeit aufgeben“, prognostiziert Valet.

von Nadja Schwarzwäller

Mehr lesen Sie in der Montagsausgabe der OP.

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