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Die Schöne und das Blog

Internettrend Die Schöne und das Blog

Eine Marburgerin mischt in der modernen Mode-Szene mit: Instagram-Modell Verena Christ bloggt neben dem Medizinstudium über Kleidung, Taschen und Co., was Tausende Fans findet.

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Europaweit auf Motivjagd, auch in Venedig und Paris.

Marburg. Schwarze Tasche mit goldener Schnalle, ein weites, helles Oberteil, enge, blaue Jeans - dazu ein dezentes Lächeln ihrer roten Lippen, der Blick schweift in die Ferne: Das Herbst-Outfit von Verena Christ entspricht dem, was sie mag, was sie präsentieren will: Streetstyle.

„Ein Look sollte auffallen, ich will andere zum Ausprobieren ermutigen“, sagt die 29-Jährige. Die gelernte Krankenschwester teilt persönliche Geschichten, Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen mit all jenen, die ihr auf Instagram, Facebook, Pinterest oder der Homepage folgen. „Somehappyshoes“ ist Christs Pseudonym in den sozialen Netzwerken, wo sie Tausenden Kanal-Abonenten Trends vorstellt, Tipps gibt.

Stets auf der Suche nach Posen und Hintergründen reist sie durch Städte - Marburg, Stuttgart, München, Paris oder Venedig. „Eigentlich passen die Fachwerkhäuser Marburgs so gar nicht zu mir und meinem Stil. Die Stadthalle samt Vorplatz ist da für mich noch die beste Kulisse.“ Vor jedem Foto-Shooting, bei dem ihr Freund - ein bei Hugo Boss arbeitender Modekenner - die Kamera bedient, kundschaftet sie mögliche Orte­ aus.

Zwei, drei Einträge stellt sie pro Woche ins Internet, von Hunderten Fotos bleiben nach Sichtung und Bearbeitung nur ein Dutzend für die digitale Glitzerwelt übrig. Gerade, wenn im Studium Prüfungen anstehen, bedeuten die Foto-Sessions Stress: „Im Auto ziehe ich mich dann drei, vier Mal um, wir schießen dann ganze Serien weg, um zwei, drei Wochen lang Material zu haben.“ Freizeitstress - aber nötig, um in der Konkurrenz der Social-Media-Sternchen zu bestehen.

„Persönlichkeit ist das Wichtigste“

Die Konkurrenz um die Gunst der Leser, Zuschauer, auch der Modehersteller ist groß. Anna Frost, Masha Sedgwick, Jessica­ Weiß, Anna-Lea Popp: Viele deutsche Mode-Blogger, meist Mittzwanziger, wandeln Trends der Laufstege in tragbare Alltagsmode für jeden um. Kleine Accessoires, gezielte Akzente, Schlichtes kombiniert mit Statement-Schmuck: Für Tausende sind die Internet-Models Inspiration, gar Idole.

Die Gesellschaft für Konsumforschung hat in einer Studie ermittelt, wie viel Einfluss Selbstvermarktungs-Blogger auf die Social-Media-Nutzer haben. Ergebnis: Deren Autorität ist mehr als doppelt so hoch wie bei der professionellen Promi-Konkurrenz. Kurzum: Was die Internet-Stars tragen und bewerben, steigert Firmen-Umsätze eher als wenn Heidi Klum und Co. Neuerscheinungen auf Laufstegen präsentieren.

Erfolgsrezept echte Menschen, Authentizität und Nahbarkeit statt Hochglanz-Profi-Models? „Persönlichkeit ist das Wichtigste“, man müsse sich geben wie man ist, „alles Gekünstelte sieht man einem an“, sagt Christ. Die Marke, die man trage, müsse zur Person passen.

Christ bekommt von den Firmen ein Budget

Einige Agenturen haben sich bereits darauf spezialisiert, Unternehmen mit passenden Bloggern zusammenbringen. Bekannte Labels sind auf Christs Blog bereits vor Monaten aufmerksam geworden: Esprit, Daesigual, demnächst wird auch Thomas Sabo die Marburgerin für Werbezwecke ausstatten. Sie ist zu einem Gesicht der Branche geworden.­ „Überrascht hat es mich, wie schnell man auf mich aufmerksam wurde.

Die ersten Kooperationsangebote bekam ich schon nach drei, vier Monaten.“ Und diese Kooperationen laufen dann so: Christ bekommt von den Firmen ein Budget, womit sie Passendes der jeweiligen Marke einkaufen kann, bekommt eine Frist für die Veröffentlichung von Fotos auf ihrem Blog gesetzt - und liefert ihren Partnern wie Fans pünktlich. Je mehr Klicks auf der Homepage, je mehr Likes auf den verschiedenen Kanälen, desto zufriedener das Modelabel - sprich: je wahrscheinlicher Folgeaufträge.

Vor allem in Asien und den USA ist dieses Markenbotschaftertum bereits etabliert, einige­ Szene-Stars bringen mittlerweile Eigenkollektionen heraus, sind reich geworden. „Die Blogger, die es zu großer Bekanntheit geschafft haben, fixen einen absolut an“, sagt Christ, die kürzlich mit einigen erfolgreichen deutschen Bloggerinnen nach Paris reiste. „Natürlich schmeicheln auch mir Resonanz und positive Rückmeldungen.

Die Gefahr abzuheben ist da aber durchaus vorhanden.“ Gemodelt hat sie - 1,76 Meter groß, 55 Kilo schwer - übrigens nie. „Die Zeit dürfte ich angesichts des Alters auch lange verpasst haben“, sagt sie und lacht.

Die Nähmaschine und ich sind nie Freunde geworden

In ihrer Oberstadt-WG ist es wegen des Mode-Faibles jedenfalls eng geworden, als eine Mitbewohnerin im Sommer auszog, sicherte sich Verena Christ das freigewordene, größere Zimmer. Doch das regelmäßige Ausmisten bleibe ihr nicht erspart. Momentan sind daher nur noch 30 Paar Schuhe, ungezählte Oberteile, Hosen, Schmuck sowie ein halbes Dutzend Taschen in den Schränken übrig. Eine neue Kleiderstange­ sorgt dafür, dass nicht zu viel auf dem Boden herumliegen muss. „Geht alles schon - und glücklicherweise kann ich meiner Mitbewohnerin Ausrangiertes geben, das lindert den Trennungsschmerz.“

„Seit meiner Kindheit hat mich alles rund um Mode fasziniert“, sagt sie. Resultat: Schon von den Mitschülern der Jahrgangsstufe­ wurde sie im Abibuch eines Gymnasiums in Bad Honnef (Nordrhein-Westfalen) zur Bestgekleidetsten gekürt.

In ihrer Jugend habe sie viel gezeichnet, Skizzen von Kleidungsstücken gefertigt, die sie gerne tragen wollte - Blusen, Pullover, Karnevalskostüme. „Nur sind die Nähmaschine und ich nie Freunde geworden.“ Das sei dann auch ein Grund dafür gewesen, dass der Jugendtraum, der Besuch einer Mode-Akademie, bis heute keine Realität geworden ist.

„Vielleicht wäre das auch zu brotlos geworden. Zum Glück habe ich mit der Medizin eine zweite Leidenschaft.“ Ein möglicher Schwerpunkt ist die Radiologie - würde ja zum Bloggen passen, Fotos machen, Bilder begutachten.

Tüfteln am Foto-Filter, an Hashtags, am Algorithmus: Ihren Blog will sie in dem Maße professionalisieren, wie es das seit 2012 laufende Medizinstudium zulässt. „Das Ganze vorantreiben und dann mal sehen, wohin mich das führt.“ Der große Traum sei es, in Deutschland noch bekannter zu werden und im Zuge dessen auch zu den wichtigsten Mode-Shows Europas eingeladen zu werden, Szene-Größen zu treffen, sich „Inspiration zu holen und die Trends von morgen zu sehen“.

von Björn Wisker

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