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Die Schattenschreiber

Studium Die Schattenschreiber

Eine Schattenwirtschaft im akademischen Milieu breitet sich aus. Eine zunehmende Zahl der Arbeiten an den Unis sind nicht von dem verfasst, der sie abgibt. Ghostwriter Sebastian Skuballa berichtet aus der Szene.

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Sogenannte „Ghostwriter“ übernehmen immer häufiger das Schreiben akademischer Arbeiten anstelle der Studenten. In den Prüfungsordnungen ist das ausdrücklich verboten.

Quelle: Grafik: Sven Geske

Marburg. Beginn der Semesterferien – das bedeutet Urlaub, Sonne und Erholung. Für viele Studenten heißt das aber auch: ran an die Seminar-, Bachelor- oder Masterarbeit. Die Versuchung zu schummeln, anstatt sich viele Wochen mit Theorien und Fußnoten herumzuschlagen, ist groß. Ein möglicher Weg dazu, sind die Dienste sogenannter Ghostwriter. Viele Bücher sind von ihnen geschrieben, auf dem Cover erscheinen sie aber nie. Und auch öffentliche Reden stammen nicht selten aus der Feder eines solchen Kommunikationsprofis. Die Betätigungsfelder von Ghostwritern sind vielfältig.

Uni: Wer andere schreiben lässt, verhält sich illegal

Was aber bei Politikern und Prominenten als normal und legitim angesehen wird, ist im akademischen Milieu geächtet. In den Prüfungsordnungen ist es ausdrücklich verboten und wird mehr oder weniger einem Plagiat gleichgestellt. Es gilt zudem als zutiefst unmoralisch. Wer seine Arbeit nicht selbst verfasst, der erschleicht sich seinen akademischen Titel. „Ghostwriting ist für uns unter keinen Umständen akzeptabel. Es ist illegal und neben dem Abschreiben eine Form des wissenschaftlichen Fehlverhaltens“, lässt die Philipps-Universität über ihre Pressestelle mitteilen. Dennoch ist die Branche im akademischen Bereich in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen.

Belastbare Zahlen darüber, wie hoch die Dunkelziffer bei Abschlussarbeiten ist, gibt es nicht. Klar ist aber, auch in Marburg gibt es junge Menschen, die den Dienst der akademischen Ghostwriter in Anspruch nehmen. Einer, der per Anzeige speziell in Marburg für seine Dienste wirbt, ist Sebastian Skuballa mit seiner Agentur „Academic Writers“, die ihren Hauptsitz in Düsseldorf hat.

„30 bis 35 Prozent der Studenten, vielleicht sogar 40, denken während ihres Studiums mindestens einmal daran eine Arbeit von einem Ghostwriter schreiben zu lassen“, sagt Skuballa. Das sei zwar eine Schätzung, aber „nehmen Sie das als eine belastbare Zahl – auch für Marburg“, fügt er an. Sie basiere „auf dem quantitativen Eindruck, den man mit der Zeit durch die  Arbeit in der Branche erhält“. Etwa jeder Fünfte, der unverbindlich anfragt, lasse die Arbeit dann am Ende auch schreiben. Sechs bis sieben Prozent aller Absolventen wären demnach auf diesem illegalen Weg an ihren Abschluss gelangt.

„Ghostwriting ist für viele der letzte Ausweg“

Doch ob illegal oder nicht – die Schuld sieht Skuballa nicht bei sich selbst. „Den schwarzen Peter gebe ich an die Bologna-Reform weiter“, sagt er. Denn seit der Umstellung auf Bachelor und Master sei das Studium immer gestraffter. „Ich weiß aus erster Hand, dass die Studenten sehr unter Druck stehen.“ Aus vielen Anfragen sei das herauszulesen. „Die Studenten berichten über zeitlichen Druck und wissen sich nicht anders zu helfen. Wenn der Abgabetermin näher und näher rückt, ist Ghostwriting für viele der letzte Ausweg“, so Skuballa. Inwieweit das die „moralische Komponente“ aufwiege, müsse „jeder mit sich selbst ausmachen“.

Er persönlich sieht sich als Dienstleister. „Einem Autoverkäufer kann auch niemand vorwerfen, ob der Käufer sich tatsächlich an die Straßenverkehrsregeln hält“, vergleicht er lapidar. Ob ein Student die Arbeit, die seine Agentur geschrieben hat, letztendlich auch abgebe, „liegt nicht mehr in meiner Hand“. Ein „Handlanger“ sei er  mitnichten. Die Frage nach der Verantwortung gibt er daher zurück: „Ist es nicht der Auftragende, der die moralische Last trägt?“ Wert legt Skuballa auch auf die Feststellung, dass Ghostwriting nicht mit Plagiaten gleichzusetzen sei. „Die Intention ist entscheidend“, sagt er. Wer, wie der frühere Bundeswirtschafts und -verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), ein Plagiat abgebe, der habe sich „keine Mühe um Qualität gemacht“.

Wer hingegen auf Ghostwriting zurückgreife, der wolle eine „gute bis sehr gute Prüfungsleistung liefern“. Schlechter als mit einer Zwei seien Arbeiten seiner Agentur noch nicht bewertet worden. Zudem bestehe nicht das Risiko, durch eine Plagiatsoftware aufzufliegen. Um die Qualität seines Angebots zu gewährleisten, beschäftigt Skuballa zwischen 300 und 350 Freelancer, die sich auf verschiedene Fachgebiete spezialisiert haben.  Manche bedienen nur eine Fachrichtung, andere kombinieren mehrere. Skuballa rekrutiert Schreiber über Stellenanzeigen, einige Bewerber treten aber auch selbst an ihn heran. Voraussetzung ist ein abgeschlossenes Hochschulstudium, ansonsten komme es besonders darauf an, „eine gewisse Vorliebe zur Materie“ und Spaß am akademischen Schreiben zu haben.

Schreiber sind häufig Mitarbeiter an Lehrstühlen

Ein „großer Teil“ seiner Angestellten kommt dabei von den Lehrstühlen selbst. Das beinhalte sowohl viele ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter, die keine akademische Stelle mehr bekommen, als auch aktuelle wissenschaftliche Mitarbeiter, die an den Universitäten nur gering entlohnt werden.

Als selbstständiger Ghostwriter, so Skuballa, könne man „keine horrenden Einnahmen erzielen, aber manche können sich eine Existenz aufbauen“. Rund 30 Euro nimmt er pro geschriebener Seite – andere nähmen sogar 40 oder 50 Euro. „Ich weiß, dass Studenten nicht unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten haben“, sagt er. „Utopische“ Anfragen – beispielsweise eine Bachelorarbeit innerhalb einer Woche – müsse er daher aber aus Qualitätsgründen ablehnen.
Mit seiner Agentur sei er vielmehr „auf Nachhaltigkeit aus“, denn das Geschäft wächst weiter. „Bei den Anfragen war schon alles dabei“, berichtet Skuballa. „Bewerbungen, Seminar-, Bachelor-, Masterarbeiten, auch Promotionen. Mittlerweile haben wir sogar oft Anfragen für Facharbeiten aus den Schulklassen 10 bis 13.“

Mit der Ausdehnung des Marktes, so seine Sorge, wachse auch die Anzahl an „schwarzen Schafen“ innerhalb der Branche. „Diese Trittbrettfahrer sind auf den schnellen Euro aus, im schlimmsten Fall endet dies damit, dass der Student weder seine Arbeit erhält, noch sein Geld zurückbekommt“, bemerkt er. Schummeln ohne Risiko ist also auch mit Ghostwriting nicht möglich.

von Peter Gassner

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