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Die Rolle der Stadt im Wohnungsbau

Ortenberg Die Rolle der Stadt im Wohnungsbau

Ganz viele attraktive Wohnungen zu erschwinglichen Preisen, ausreichend Freiflächen in der Innenstadt, zufriedene Bauherren, Frieden mit Anwohnern: Die Stadtentwicklung hat viele Ziele.

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Auf dem Gelände der Alten Gärtnerei am Ortenberg soll ein Wohnkomplex entstehen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Dass man nicht alles auf einmal haben kann, wurde am Donnerstagabend bei der Diskussion im Bau- und Planungsausschuss deutlich, der den Bebauungsplan für die frühere Uni-Gärtnerei am Ortenberg zur Offenlage empfahl.

Die S+S Grundbesitz GmbH hatte das Gelände für mutmaßlich mehr als 2 Millionen Euro von der Uni erworben. Sie will hier gut 100 Wohnungen errichten. Der „vorhabenbezogene Bebauungsplan“ ermöglicht ein beschleunigtes Verfahren im Interesse der Innenentwicklung, so das Baugesetzbuch.

"Zur Umwelt gehört auch der Mensch"

Tanja Bauder-Wöhr (Marburger Linke) übersetzte diese Formulierung in „Investoren-Bebauungsplan“, deutete eine „gewisse Nähe“ der Stadt zu Bauherren wie S+S Grundbesitz oder auch DVAG ab und kritisierte im Besonderen den Verzicht auf ein Umweltgutachten. „Zur Umwelt gehört auch der Mensch“ sagte sie mit Blick auf möglicherweise zu großzügig gehandhabte Verpflichtung des Bauherren auf den Lärmschutz.

Dem widersprach Bernd Kintscher vom Fachdienst Stadtplanung der Stadt. Die Nähe der geplanten Wohnanlage zu einer Spedition stelle aus Sicht des Lärmschutzes keinen Konflikt dar, und der Verkehrslärm werde im Bebauungsplan ausreichend berücksichtigt. „Wir müssen angesichts der Wohnungsnot auch in weniger attraktiven Gebieten der Innenstadt Flächen für die Wohnbebauung entwickeln“, sagte Baudezernent Dr. Franz Kahle, „und die Vermarktungserfolge zeigen, dass dies gelungen ist.“ S+S Grundbesitz annonciert in Hochglanzbroschüren die noch zu bauenden Wohnungen für beispielsweise 415000 Euro (4 Zimmer, etwa 122 Quadratmeter) oder 224900 Euro (3 Zimmer, knapp 73 Quadratmeter).

"Wir haben eine massive Bebauung verhindert"

„Für Familien nicht geeignet“, urteilt der Vorsitzende der Ortenberggemeinde, Pit Metz deswegen. Metz, der in der formal unterbrochenen Sitzung die Haltung der Ortenberggemeinde vertrat, bewertete das Bauvorhaben als „zu groß, zu klotzig, zu eng“ und kritisierte „zu wenig Grün, zu wenig Bolzplätze, zu wenig Abstand“. Man hätte, sagte Metz an Kahle gewandt, das Vorhaben auch anders entwickeln können: „Die Stadt hätte ein Vorkaufsrecht für das Gelände wahrnehmen und es selbst entwickeln können“, klagte Metz und provozierte Widerspruch von Kahle: „Die Fläche lag in einem Gewerbegebiet, da kann die Stadt kein Vorkaufsrecht wahrnehmen.“ Man hätte durch eine andere planerische Festlegung die Vermarktung durch die Uni erschweren können - das habe man aber angesichts der gemeinsamen großen Ziele in der Stadtentwicklung nicht tun wollen. Aber: „Wir haben eine massivere Bebauung verhindert und zwischen den Interessen der Nachbarn und der S+S vermittelt“, nahm Kahle für die Stadt in Anspruch. Die Wohnungen, die auf dem Gelände entstehen, seien barrierefrei erreichbar und würden vom Bauherrn bei Bedarf auch barrierefrei gestaltet.

Tanja Bauder-Wöhr konnte Kahle mit seiner Haltung nicht überzeugen. Die Stadt hätte wie auf der alten Gärtnerei auch in der Zeppelinstraße, beim Campus III oder am Germanenplatz die eigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobau bauen lassen können, stattdessen habe sie „Filetstücke“ den Interessen von Großkonzernen geopfert, kritisierte die Marburger Linke. Marburg brauche nicht nur Wohnraum in der Innenstadt, sondern Marburg brauche bezahlbaren Wohnraum.

Sozialen Wohnungsbau in der Innenstadt zu realisieren, sei nicht so einfach, ent-gegnete Kahle. Bei hohen Baukosten und hohen Grundstückspreisen könne man ohne Zuschuss nicht für einen Quadratmeter-Mietpreis um 7 Euro bauen. Die Stadt habe sich deswegen mit S+S geeinigt, dass der Investor bei seinem nächsten, schon in Vorbereitung befindlichen Bauprojekt jenseits der Bahngleise in der Neuen Kasseler Straße 10 Prozent der Wohnungen nach dem Standard für den Sozialen Wohnungsbau errichte.

von Till Conrad

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