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Die Rechtschreibreform wird volljährig

Rückblick Die Rechtschreibreform wird volljährig

Ein Sorgenkind wird volljährig. Vor 18 Jahren wurde die neue Rechtschreibreform auf den Weg gebracht. Eine schwere Geburt.

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Die neue Rechtschreibung hat in den Augen von Monika Rapp vieles erleichtert.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Manche nennen es eine Marotte, andere eine Passion, wieder andere Besserwisserei. Dr. Monika Rapp nennt es „Achtsamkeit“. Aber egal wie man die Liebe der 49-Jährigen zur Rechtschreibung bezeichnet - manchmal wird die Marotte, diese kleine Spinnerei, die Achtsamkeit auch zur Grundsatzdiskussion.

In mancher Frühstückspause beispielsweise kocht in ihr der Ärger hoch. Immer dann, wenn sie ihren Joghurt aus der Tasche zieht. „DER GROSSE BAUER“ muss es sein. Den Geschmack liebt sie, den Rechtschreibfehler auf der Becherverpackung, der ist schwer verdaulich. Und so hat sie die Firma Bauer angeschrieben. Hat immer wieder gefragt, wieso der Fehler gemacht werde, den „GROSSEN BAUER“ mit zwei „s“ zu bewerben?

„Es gäbe eben kein großes „ß“ im Deutschen, so die Antwort des Unternehmens. Ein Irrtum. „Das war niederschmetternd. Wie kann man denn die Produkte, die man verkaufen will, nicht korrekt schreiben?“, fragt Dr. Rapp.

Klagen unvermindert

Die 49-Jährige unterrichtet Deutsch als Fremdsprache an der Philipps-Universität. Seit der Rechtschreibreform, die vor 18 Jahren beschlossen wurde, sind die Klagen ausländischer Studierender über die Tücken der deutschen Sprache nicht weniger geworden. Die Regeln aber, die sind überschaubarer. „Früher hatten wir 50 bis 70 Kommaregeln. Je nach Auslegung. Heute sind es nur noch 32. Und die sind lernbar“, sagt sie.

Leider, so beobachtet die Sprachexpertin, sei bei einigen Menschen ein nachlassendes Interesse vorhanden, die deutsche Rechtschreibung korrekt zu erlernen. „Der Trend scheint zu sein, dass es vielen reicht, wenn sie einigermaßen richtig schreiben können“, beobachtet Rapp.

Mit der Rechtschreibreform sei zumindest die Wahrscheinlichkeit höher, dass Wörter richtig abgeleitet und Kommata richtig verteilt werden. Verstehen kann die zweifache Mutter das schwindende Interesse an einem korrekten Sprachgebrauch in Wort und Schrift nicht.

"Frage mich manchmal ob ich zu pingelig bin"

„Manchmal frage ich mich, ob ich zu pingelig bin. Ich bin in der DDR zur Schule gegangen. Da war das Erlernen der korrekten Schreibung eine Selbstverständlichkeit. An der Universität wurden wir in Sachen Rechtschreibung von einigen Dozenten richtig gedrillt.“

Sie, die promovierte Biologin, die erst nach der Geburt ihrer Kinder das Zweitstudium aufnahm, hat eine Passion für Sprache. Ihren naturwissenschaftlichen Hintergrund aber, den kann sie nicht verbergen. Sie zerlegt Sprache in ihre Elemente, versucht Regelmäßigkeiten und Muster zu erkennen. „Die neue Rechtschreibung ist einfach ein bisschen flexibler. Es gibt mehr Möglichkeiten.“

Das Trennen von Wörtern beispielsweise - das ist einfacher geworden. So einfach, dass erneut eine Regel her musste. Denn wer ohne Verbindlichkeiten Wörter auseinander reißen kann, der kann neue erschaffen. Urin stinkt - oder doch lieber Urinstinkt? Staat - sex- - amen? Oder Staatsexamen? Der Sinn der Worte muss nach einer Trennung erhalten bleiben - auch nach der neuen Regel der Sprachreform.

Kritik an Grass und Reich-Ranicki

Monika Rapp hat, wie Millionen Deutsche, in der Schule die alte Rechtschreibung gelernt. Mit all ihren Tücken und Fallen. Sie hat sich umgestellt. Auf die Neue. Auch auf die Neuerung der Neuen. Und auf die neue Neuerung der Neuen. Zwischendrin war sie entrüstet. Weil sie sich für ihre Arbeit als Lehrkraft immer wieder die überarbeitete Form des Dudens kaufen musste.

Kritisch setzte sie sich mit Schriftstellern wie Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki auseinander. In ihren Augen Meinungsmacher, die mit ihren Protesten gegen die Neuerungen der Rechtschreibung für Unsicherheit sorgten. „Die Sprache gehört dem Volk“ forderten sie. Und das Volk weiß im Jahr 2003 nicht so recht, was es von der neuen Rechtschreibreform halten soll.

Einer Reform, die vieles zwar einfacher macht, dafür aber mit liebgewonnenen Gewohnheiten zu brechen zwingt. Tageszeitungen und namhafte Magazine wie Stern und Spiegel weigern sich 2004, die neue Rechtschreibreform anzuerkennen.

Schulbücher hingegen werden bereits in Millionenauflage mit der neuen Rechtschreibung gedruckt. Verwirrung. Ablehnung. Vermischung von Alt und Neu. Heute, 18 Jahre nach den ersten Gehversuchen, ist die Rechtschreibreform erwachsen geworden. Und mit ihr eine ganze Nation.

von Marie Lisa Schulz

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