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Die Rachefantasien stiller junger Männer

Marburg Die Rachefantasien stiller junger Männer

Über Erscheinungsbild, Entstehungsbedingungen und Prävention sogenannter Amokläufe sprach die Gießener Kriminologie-Professorin Britta Bannenberg an der Philipps-Universität.

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Ein junger Mann spielt das umstrittene Computerspiel „Counter-Strike“. Potentielle Täter nutzen das Spiel, um Treffsicherheit mit der Waffe zu trainieren

Marburg. Britta Bannenberg war nach der Bluttat von Winnenden bundesweit als Sachverständige gefragt. Von der baden-württembergischen Landesregierung wurde die Leiterin der Professur für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug in einen „Expertenkreis Amok“ berufen. Jetzt hielt sie im Rahmen der Forensischen Seminare der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie der Philipps-Universität vor 110 Zuhörern einen Vortrag über „So genannte Amokläufe“. Sie sparte nicht mit deutlicher Gesellschaftskritik: „Durch die Medien entstehen Probleme. Beim nächsten Fall wird es wieder einen Auflauf der Pressemeute geben. Genau das wollen die Täter, weitere werden durch solche Berichte zu ihren Planungen angeregt.“ Zudem würden bewusst Lügengeschichten gefördert: So seien dreimal Schüler dafür bezahlt worden, in der Sendung „Stern-TV“ Lügen zu erzählen. Problematisch sei schon das durch die Medien sehr schnell „auf Ereignisse geklebte Label Amok“. Die aus dem malaiischen abgeleitete Bedeutung „zornig“, „rasend“ passe nicht, da es sich nicht um spontane, sondern oft über Jahre geplante Angriffe handle. Der Begriff „Mehrfachtötungen“ sei passender. Zudem müsste weiter nach Phänomengruppen unterschieden werden, beispielsweise nach dem Tatort Schule und jungen männlichen Tätern oder sogenannten Familienauslöschungen.15 Fälle hat Bannenberg wissenschaftlich ausgewertet. Es zeigte sich, dass das Geschehen an der Columbine High School bei den meisten späteren Fällen junger Täter eine große Rolle gespielt habe. Jahrelang seien 12.000 Seiten Originaldokumente im Internet dazu verfügbar gewesen, die inzwischen herausgenommen wurden, aber es sei immer noch sehr viel vorhanden. Es gebe eine „absolute Bezugnahme auf andere Amoktaten“, weitere Vorbilder kämen aus Filmen sowie gewaltbejahenden Video- und Computerspielen wie Counter-Strike. „Täter nehmen die Identitäten ihrer medialen Vorbilder an, reden sich mit deren Namen an“, berichtete die Kriminologin. „Computerspiele können laut amerikanischen Psychologen die gleiche Treffsicherheit trainieren wie der Umgang mit echten Waffen.

von Manfred Schubert

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