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Die Profis kaufen nachts ein

Großmarkt Die Profis kaufen nachts ein

Woher bekommen eigentlich die Markthändler, was sie an ihren Ständen verkaufen? Einen Großteil kaufen sie im Frankfurter "Frischezentrum". Dort, wo der Ton rau und die Stimmung gut ist, wo die Nacht zum Tag wird.

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Quelle: Thomas Strothjohann

Frankfurt. Während sich in Marburg die letzten Fenster verfinstern, steigt Hans Knöppel in seinen Lastwagen. Freitag, ein Uhr. Die Autobahn ist frei - mitten in der Nacht fährt Knöppel am liebsten.

Der Marburger Obst- und Gemüsehändler hat eine lange Nacht vor sich: Er wird einkaufen, was er am Samstagmorgen mit seiner Tochter und seiner Frau auf dem Markt an der Frankfurter Straße verkauft. Außerdem hat er Bestellungen von einigen Betrieben aus der Region. Seine Einkaufsliste ist computergeschrieben und ausgedruckt mehrere A4-Seiten lang. Insgesamt will Knöppel rund fünf Tonnen frischer Ware einkaufen. Jetzt im Herbst kauft er das meiste in Frankfurt auf dem Großmarkt, im so genannten Frischezentrum, Äpfel und Birnen bei einer Kooperative in Ingelheim. Dort will er um sieben Uhr ankommen.

Mit dem Marburger Obst- und Gemüsehändler Hans Knöppel im Frischezentrum (Großmarkt) Frankfurt.

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Grüne Bananen essen nur Banausen

Die Nachtarbeit macht dem Marktveteranen nichts aus. Er sitzt wach am Steuer, überholt beladene Brummis und wundert sich: „Mich hat im Juli ein Kunde gefragt, warum ich denn keinen Meerrettich habe. Meerrettich gibt es nicht im Sommer.“ Marktmenschen wissen das - aber woher soll das ein Stadtkind wissen? „Das ist doch ganz einfach“, sagt Knöppel, der als Kind schon mit seinem Opa zum Großmarkt fuhr. „Meerrettich gibt es nur in Monaten, die ein ‚R‘ im Namen haben.“ Knöppel wundert sich auch über den Geschmack vieler Zeitgenossen: „Die essen grüne Bananen! Davon kriege ich Belag auf den Zähnen.“ Das alles wäre kein ernstes Problem für Knöppel und seine Zunft, aber früher wurde auch mehr gekauft. „Die haben kistenweise Äpfel auf dem Markt gekauft. Eine pro Woche. Heute kaufen sie vier Äpfel.“ Deshalb hat sich die Konkurrenz auf den Märkten verschärft. Jeder will derjenige sein, der die vier Äpfel verkauft - „Futterneid“ nennt Knöppel es. „Die großen Ketten sind nicht so blöd. Die kaufen zusammen ein - viel mehr und viel billiger“, sagt Knöppel.

Elektrische Eidechsen auf der „Erzeugerstraße“

Um kurz nach zwei fährt Hans Knöppel vor den Schlagbaum. Der Ticketautomat ist fast doppelt so hoch wie die Automaten an Pkw-Parkplätzen - hier kaufen Profis ein. Er zieht einen Schein, fährt an Lagerhallen vorbei und kommt in einer dunklen Ecke neben einem Stapel leerer Plastikkisten zum Stehen. Kaum hat er die Laderampe seines Lkw heruntergelassen, rauscht ein Gabelstapler heran und lädt ohne langes Verhandeln eine Palette mit Karotten auf. Es sind Futterkarotten für Tiere. Die erste Tonne ist also schon an Bord, bezahlt wird später - und weiter geht es zu Fuß. Obwohl der Eingang so groß ist, dass Knöppel auch mit dem Lastwagen hindurch käme.

In der Markthalle verbreiten Neonröhren ihr grelles Tageslichtimitat. Ungefähr so muss sich eine Blattlaus fühlen, die auf einem Salat in den Kühlschrank geraten ist.

Tiere gibt es hier wirklich: Eidechsen heißen die Elektrofahrzeuge, die mit Gemüse beladen durch die Gänge flitzen. Sie haben keine Lenkräder, sondern Lenkbretter, auf denen die Packer stehen und sich lässig in die Kurve lehnen, um zu steuern. Wer nachts um zwei verschlafen auf die „Erzeuger-Straße“ tritt, gerät da schnell unter die Räder.

An der „Erzeuger-Straße“ verkaufen Landwirte wie Peter Ludwig ihre Ernte. Sein Stand ist heute der Treffpunkt. Sylvia Ludwig feiert ihren 50. Geburtstag und die Händler kommen zum Gratulieren vorbei. Die Ludwigs haben die Markt-Arbeit unter sich aufgeteilt: Sylvia und ihre Tochter Kathrin regieren mit Charme an der Kasse, Ludwig und sein Filius fahren die Ware aus.

Kistenweise Feldsalat, grüne Bohnen, Spinat, Tomaten, Radieschen und Blumenkohl. dazu eine Fuhre mit Kräutern - Knöppel arbeitet seine Liste ab, und was er bei den Ludwigs nicht (gut) findet, das holt er sich nebenan.

„Du brauchst den Instinkt, um gut einzukaufen. Ich muss meine Betriebskosten aufschlagen und mich in die Kunden hineinversetzen. Ich muss mich fragen, ob ich das Produkt mit der Qualität als Markt-Kunde zu dem Preis kaufen würde“, erklärt Knöppel sein Vorgehen.

Knöppels analysieren ihre Verkäufe aus der Vergangenheit, um abschätzen zu können, wie viel sie einkaufen müssen. Wenn sie gut kalkuliert haben, ist ihr Stand um 13 Uhr leer. Wenn sie vorher ausverkauft haben, entgeht ihnen ein Geschäft, wenn frische Ware übrig bleibt, wird sie schlecht und unverkäuflich.

Der Oktober, so Knöppel, ist traditionell ein schwieriger Monat für die Marktverkäufer. „Viele Kunden haben selber Gärten. Die tauschen ihre Ernte aus. Wenn der Kohl in den Gärten reif ist, verkaufen wir weniger.“

Australische Kirschen an Weihnachten: 40 Euro / kg

Diese Sorgen kennt Jan nicht. Er spricht wie ein Hamburger, kommt aber aus dem Münsterland - oder der Gegend, in der „die Pferde schöner sind als die Frauen“. Nach der Schönheit der Münsteranerinnen hat ihn keiner gefragt, aber das ist ihm egal. Der Mann mit dem losen Mundwerk arbeitet bei einem Importeur. Seine Spezialität sind exotische Früchte oder solche, die gerade keine Saison haben. Ein Beispiel? „An Weihnachten kommt einer mit seinem Maserati aus Königstein vorbeigefahren und will Kirschen kaufen. Im Dezember müssen wir Kirschen aus Australien holen. Da kostet das Kilo locker 40 Euro. Aber das ist dem Typen egal: ‚Ist gut‘, sagt der, ‚Hauptsache, sie sind schön dick!‘.“

Jan ist der Gegenpol zum ökoaffinen Marktverkäufer. Er ist Händler: „Als die Industrie Logistik noch nicht kannte, wussten wir schon, wie das geht“, verkündet er stolz. Wenn eine Kiste mit Pitahayas in Frankfurt am Flughafen ankommt und er sie später von einem Großhändler aus Rotterdam geliefert bekommt, ist es für Jan ein Gag. Aber kein Grund, am System zu zweifeln.

Kaffee und Kuchen nachts um vier Uhr

Knöppel inspiziert die Pfifferlinge des Importgeschäfts und beginnt zum ersten Mal in dieser Nacht zu feilschen: „5 Euro“. Jan ist der Richtige für dieses Spiel: „Was? 5 Euro für Pfifferlinge? Ölf kosten die! Kannst ja im Wald welche sammeln gehn, wenn‘s Dir zu teuer ist!“

Woher genau die Früchte kommen und wie sie behandelt wurden, ist nicht Jans größte Sorge - dazu steht auch nichts auf den Kisten.

Bei den Importeuren gibt es oft gute Angebote. Wenn zum Beispiel eine große Ladung reifer Mangos kommt, muss der Importeur sie schnell loswerden. Wer das erkennt, macht einen guten Deal.

Hans Knöppel hat ein paar Import-Chilis gekauft, nach Melonen und den ersten Orangen gefragt. Jetzt hat er seine Liste durch. Es ist kurz nach vier und bis Ingelheim zur Obst-Genossenschaft wird er nicht länger als eine Stunde fahren. „Normale“ Menschen würden sich jetzt noch eine Stunde in den Beifahrersitz fläzen, aber Marktmenschen sind anders. Hans Knöppel nutzt die Zeit, um noch einmal zur Geburtstagsparty zurückzukehren, noch einen Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Dann fährt er weiter - dahin, wo Äpfel und Birnen wachsen.

von Thomas Strothjohann

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