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Die Philosophie des Schenkens

Weihnachten Die Philosophie des Schenkens

Alle Jahre wieder schwanken wir zwischen der Vorfreude auf das Frohe Fest und dem Stress, bis dahin alle Geschenke für unsere Lieben zu besorgen. Warum schenken wir eigentlich? Eine philosophische Erklärung.

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Einkaufsstress in der Weihnachtszeit: Szenen wie diese in einem Magdeburger Einkaufszentrum sind im Advent nicht selten.

Quelle: dpa

Marburg. Vom Kaufhaus über den kleinen Laden an der Ecke bis hin zum heimischen Wohnzimmer und der über den Computer erreichbaren schier unendlichen Welt des Online-Handels wird gesucht, gezweifelt und gekauft. Dabei hat das Wort Geschenk im ursprünglichen Sinne eigentlich gar nichts mit materiellen Dingen zu tun. Es stammt vom Mundschenk, was so viel bedeutet wie „jemandem etwas zur Begrüßung einschenken“.

Darauf und auf andere überraschende Ansichten rund ums Schenken machte der Marburger Philosoph Dr. Dr. Joachim Kahl bei einem Vortrag im Café
Vetter zum Thema „Geschenke“ aufmerksam. Wie es sich für einen Philosophen gehört, ging er auch der Frage nach, was eigentlich ein Geschenk ist – schließlich beginnt in der Philosophie alle Erkenntnis mit der Frage, was das Wesen dessen ist, nach dem man strebt.
Kahl wies darauf hin, dass es zunächst einmal wichtig ist, ohne List oder Strategie zu schenken. Denn Geschenke dieser Art sind gerade wegen ihres zweifelhaften Ruhms uns allen als geflügelte Worte geläufig.

So ist das trojanische Pferd das wahrscheinlich berühmteste Geschenk der Geschichte, wegen der List, die ihm innewohnte. Auch das Geschenk, das zur Gewährung eines Vorteils, also als Bestechung übergeben wird, ist ein solches listiges Geschenk. Dem Schenker solcher Geschenke wird mit Sicherheit kein Dank zuteil, und so schreibt schon Joachim Ringelnatz in seinem Gedicht „Schenken“: „Schenke mit Geist und ohne List! Sei eingedenk, dass dein Geschenk du selber bist!“.

Das Beste am Schenken: Die Freude des Beschenkten

Doch ganz ohne Absicht lässt sich nicht schenken, da ist der Philosoph sich sicher. Denn wie schon die alten Römer sagten: „Do ut des“ – Ich gebe, damit du gibst. Damit wolle er eine „Entmystifizierung des Geschenks“ betreiben, denn den vergeblichen Versuch, selbstlos zu schenken, sieht er gefährlich nah an der Schwelle zur Selbstausbeutung. Ob es so weit geht, sei dahingestellt, doch eine gewisse Vorfreude auf die Reaktion des Beschenkten steckt wohl in jedem Geschenk. Große Kinderaugen, frohlockendes Geschrei und Dankbarkeit sind jede Mühe wert, das richtige Geschenk zu finden. Bertolt Brecht schrieb dazu in seinem Gedicht „Vom Glück des Gebens“: „Schöner ist doch keine Rose, als das Antlitz des Beschenkten“. Und er hat recht.

Kahl mahnt aber auch, dass es im Recht bei der Schenkung in Form einer „unentgeltlichen Zuwendung, durch die jemand aus seinem Vermögen einen anderen bereichert“, auch zu einer Rückforderung eines Geschenks kommen kann. Der Grundsatz „Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen“ gilt dort nicht. Denn wer sich des „groben Undanks“ gegenüber dem Schenker schuldig macht, dem kann der Schenker das Geschenk wieder entziehen. Somit ist die Erwartung an die Dankbarkeit des Beschenkten auch im Recht vorgesehen.

Kahl zitiert Goethe: „Wenn du nehmen willst, so gib“

Die einzigen Geschenke, die sich nach Kahls Ansicht der Erwartung an den Beschenkten entziehen, sind die, die wir leider nur zu selten zu schätzen wissen. So schenkt uns die Natur nicht nur ihre Pracht, sondern auch ihre Früchte. Auch Gesundheit und Liebe – die für Kahl „höchste Steigerungsstufe der menschlichen Zugeneigtheit“ – sind Geschenke, die nicht käuflich sind und selbst wenn sie es wären, mit Geld nicht aufzuwiegen. Daher rät er, dass „gut lebt, wer die Geschenke im Leben erfasst“.

Zum Abschluss liest er noch ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe, mit dem er den über den ganzen Vortrag gespannt lauschenden Anwesenden noch einen Rat auf den Weg mitgeben will: Nämlich dass es nicht schlimm ist, sollte man mit einer Erwartung schenken; denn die Güte, mit der man schenkt, fällt auch wieder auf einen selbst zurück. Oder wie Goethe es ausdrückte: „Mann mit zugeknöpften Taschen, Dir tut niemand was zulieb: Hand wird nur von Hand gewaschen; Wenn du nehmen willst, so gib!“

von Michael Noll

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