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Die Perücke hilft, die Krankheit mit Würde zu tragen

Leben mit Krebs Die Perücke hilft, die Krankheit mit Würde zu tragen

Tränen gehören zum Arbeitsalltag von Beate Kujus. Mal vor Freude, mal aus Verzweiflung. Als Betreiberin eines Perücken-Geschäftes gehört die Diagnose "Krebs" zu ihrem Arbeitsalltag. Daran gewöhnt hat sie sich trotzdem nicht.

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Jede Perücke wird individuell von Beate Kujus an die Kopfform angepasst. Durch ein spezielles Haarnetz ist fast nicht erkennbar, dass es sich nicht um Eigenhaar handelt.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Das erste, was Beate Kujus serviert, ist ein Glas Wasser und eine Portion Realität. Die gibt es in ihrem Laden gratis dazu. Schonungslos. Unerbittlich. Knüppelhart. Es laufen Tränen, es fallen Haare und viele Worte. Tröstende. Aufklärende. Manchmal ganz beiläufig. Beate Kujus betreibt seit sieben Jahren ein Perückengeschäft am Uniklinikum. Zu ihr kommen die Menschen, denen die Diagnose Krebs gestellt wurde. Die durch die Chemo-Therapie ihre Haare verlieren werden.

98 Prozent ihrer Kunden sind Frauen. Nur zwei Prozent Männer. Junge Patienten und alte. Manche ohne Illusion, andere voller Hoffnung. Und sie alle wollen schön aussehen. Wollen nicht, dass auf den ersten Blick zu erkennen ist, dass sie eine Perücke tragen. Auf den zweiten, dritten und vierten Blick übrigens auch nicht. Sie wollen einfach weiterleben. Mit Haaren. Notfalls auch mit unechten.

Kujus Kunden haben echte Sorgen

Sieben Jahre ist es nun her, dass Beate Kujus ihren Frisörladen in der Barfüßerstraße verkaufte und sich komplett auf das Geschäft mit den Perücken konzentrierte. Nach 20 Jahren in der Modebranche. „Ich habe einfach gemerkt, dass mich der modische Bereich nicht mehr so berührt“, erklärt die 56-Jährige. Sich mit einer Kundin über die Sorge vor dem ersten grauen Haar zu unterhalten, während die nächste kein einziges Haar mehr am Körper hat - ein extremer Spagat. Einer, den sie auf Dauer nicht leisten konnte und wollte.

Der kleine Laden am Klinikum bietet wenig Platz - für Schönrederei sowieso nicht. Kujus spricht ehrlich mit ihren Kunden. „Sie werden sehr wahrscheinlich all ihre Haare verlieren“ - ein Satz, den sie schon unzählige Male gesagt hat. Routine? Nein, sagt Beate Kujus energisch. Routine kann es bei der Arbeit mit schwer kranken Menschen nicht geben. Die Geschichten, die auf ihrem Frisierstuhl erzählt werden, ähneln sich.

Voll im Leben gestanden, immer auf die Gesundheit geachtet - und dann das. Krankheit. Krankenhaus. Ungewissheit. Die meisten, die über die Schwelle des Ladens treten, haben erst vor wenigen Tagen die Diagnose Krebs gestellt bekommen. Die Krankheit ist häufig noch nicht sichtbar. Der Körper noch nicht gezeichnet. „Die Patienten kommen zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Die hatten noch keine Möglichkeit das zu verarbeiten. Hier wird die Krankheit für sie zum ersten Mal greifbar.“

Perücke ist bereit, wenn die Haare ausfallen

Die Perücke soll dann fertig sein, wenn die Chemo-Therapie beginnt. Soll schon griffbereit zu Hause liegen, wenn die ersten Haare ausfallen. Dann, wenn die Krankheit voll zuschlägt, soll die Sorge um die Haare nur noch Nebensache sein. „Die Patienten sollen sich trotz der Krankheit schön fühlen. Sie sollen ihre Kraft sammeln und nicht für die Sorge um ihr Haar verbrauchen.“

Bis aus der „Standard-Perücke“ der eigene, persönliche Haarschmuck wird, ist es ein weiter Weg. Drei Termine - dreimal Emotion pur. Beim ersten Termin versucht die Friseurmeisterin die Patienten besser kennenzulernen. „Es geht selten um Haare“, erzählt Beate Kujus. Das Erstgespräch hilft ihr herauszufinden, welche Perücke zu welchem Kunden passt. Die Perücken, meist aus Synthetikhaar, kommen mit verschiedenen Grundschnitten und Grundfarben. Kujus passt sie auf Wunsch an. Hier ein neuer Schnitt, da ein neuer Farbton. Dabei, so sagt sie, sei es nicht das Ziel, die eigene Frisur zu kopieren. „Manchmal gehen wir extreme Veränderungen ein - ohne den Typ zu verändern.“

In der Krankheit werden die Frauen oft mutiger. „Es soll nie aussehen, als tragen sie eine Perücke. Einfach, als wären sie beim Frisör gewesen“. Mut - das werden die Patienten ohnehin lernen, hat nichts mit einer neuen Frisur zu tun. Mut ist, sich einer schweren Krankheit zu stellen. Tag für Tag.

Trotz Traurigkeit Freue am Frisörtermin

„Ich kann es trotz der Traurigkeit so gestalten, dass die Frauen Freude an dem Termin haben“, ist sich Kujus sicher. Ist die Perücke ausgesucht - beginnt die Arbeit für die Frisörin. Erste Anpassungen. Kleine Veränderung. Beate Kujus ist Perfektionistin. Schließlich wird die Kopfbedeckung die Patienten mindestens in den nächsten zehn Monaten begleiten.

Beim zweiten Termin wird angepasst und aufgehübscht - und eine schwere Entscheidung getroffen: wann genau sollen die Haare komplett abgeschnitten werden? Nach sieben Jahren in dem Beruf kann Kujus abschätzen, wann der Haarausfall beginnt. Sie will ihre Kunden in diesem schweren Moment nicht allein lassen. „Wenn die Haare runter kommen, ist es oft ein trauriger Termin.“ Sie kommen mit Eigenhaar - sie gehen mit Fremdhaar. Dazwischen liegt die Erkenntnis, dass der Kampf gegen die Krankheit jetzt erst richtig begonnen hat. Die Krankenkassen zahlen - mal mehr, mal weniger. Eine Minimalversorgung ist gesichert - für alles weitere müssen die Patienten selbst in die Tasche greifen. Bei 350 Euro fängt es an - nach oben sind keine Grenzen gesetzt.

Beate Kujus liebt ihre Arbeit Sie ist zufriedener im Leben, seitdem sie so oft mit dem Tod konfrontiert wird. Immer wieder öffnet sich die Tür zu ihrem kleinen Laden. Immer wieder stecken Kunden den Kopf herein. Manche nur, um „Hallo“ zu sagen. Manche, um stolz das erste eigene Haar nach einer Chemo-Therapie zu präsentieren. Manche, um sich für immer zu verabschieden. Denn - so viel hat Kujus in den vergangenen Jahren gelernt - eine gut sitzende Perücke kann helfen die Krankheit mit Würde zu tragen - nicht aber, sie zu heilen.

von Marie Lisa Schulz

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