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Die Neugotik hinterließ viele Spuren in Marburg

Ausstellung Die Neugotik hinterließ viele Spuren in Marburg

Bedeutende Baumeister prägten das architektonische Gesicht Marburgs. Eine Ausstellung über die Neugotik in Hessen im Staatsarchiv zeigt eindrucksvolle, an die Architektur des Mittelalters angelehnte Baukunst.

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Archivoberrat Dr. Karl Murk beim Rundgang mit Ausstellungsmacherin Dr. Jutta Schuchard.Foto: Ina Tannert

Marburg. Die Alte Universität, das Grimm-Haus oder die ehemalige Frauenklinik: viele Marburger wissen gar nicht, welch bedeutende Architekten der Neugotik ihr Erbe in der Universitätsstadt hinterließen, weiß Kunsthistorikerin Dr. Jutta Schuchard vom Museum für Sepulkralkultur in Kassel. „Architektur ist prägend, sie umgibt uns überall, vor allem in Marburg“, so die ehemalige Kustodin.

Ihre neue Ausstellung im Marburger Staatsarchiv über die kurhessische Neugotik zeigt eindrucksvolle Bauwerke jener Zeit. Die Neugotik oder Neogotik orientiert sich als historischer Kunst- und Architekturstil des 19. Jahrhunderts an mittelalterlichen Konstruktions- und Formenlehren und gilt als Zeit der Wiederbelebung alter gotischer Formen. „Viele berühmte Köpfe der Neugotik haben gerade in Marburg ihre Spuren hinterlassen“, freute sich Archivoberrat Dr. Karl Murk vom Hessischen Staatsarchiv über die frisch eröffnete Ausstellung.

Den Anfang macht der Architekt Georg Gottlob Ungewitter (1820 bis 1864), einer der ersten Baumeister, welche den neuen archäologischen Stil in ganze Deutschland verbreiteten. Für Ungewitter bildete die mittelalterliche Architektur das Ideal konstruktiver und funktioneller Bauweise. Er arbeitete ab 1852 als Dozent an der Höheren Gewerbeschule in Kassel und gab sein Wissen an viele bekannte Nachfolger weiter. Ungewitters Lehren erhielten internationale Anerkennung, seine Schüler waren in zahlreichen Ländern der Welt gefragt.

Auch in Marburg hinterließ der Stil seine Spuren: So wurde das erste Gymnasium Philippinum von den Ungewitter-Schülern Louis Theodor Scheele und Wilhelm Lotz entworfen. Zeitgleich entstand der frühe neugotische Klinikbau der ehemaligen Marburger Frauenklinik und Hebammenlehranstalt neben der Elisabethkirche, ebenfalls von Scheele zwischen 1865 und 1868 erbaut.

Einer der bekanntesten Vertreter der Neugotik und ebenfalls Ungewitter-Schüler war der Architekt Dr. Carl Schäfer (1844-1908). Der Marburger Stadtbaumeister, Glasmalerei- und Fachwerkforscher galt zu seiner Zeit als einer der besten Kenner mittelalterlicher Bauart, beeinflusste zahlreiche spätere Architekten und gilt heute als Wegbereiter der späteren Neugotik. Marburg war dabei der wichtigste Wirkungsort Schäfers, nirgendwo sonst stehen derart viele Bauten, die auf Wirken und Lehre des Hochschullehrers zurück zu führen sind, weswegen die Universitätsstadt von seinen Schülern gerne als „Schäferstadt“ bezeichnet wurde.

„Schäfer hat Marburger Baukunst geprägt“, betonte Schuchard. Das Erbe der SchäferSchule sieht man bis heute an zahlreichen Marburger Gebäuden. Sein Hauptwerk ist die Alte Universität, auch der später entstandene Aula-Flügel trägt die Handschrift des Baumeisters. Ebenfalls entwarf er das ehemalige, heute nicht mehr erhaltene Maßwerkfenster der Elisabethkirche und restaurierte Anfang der 1870er Jahre das Marburger Schloss. Für seine rekonstruktive Neufassung wurde er von bekannten Kunsthistorikern heftig kritisiert. Daneben entwarf er unter anderem das Schloss in ­Rauischholzhausen.

Ebenfalls nach seinen Entwürfen wurde das Grimmsche Haus in der Ritterstraße als Bürogebäude für Carl Grimm errichtet. Mit seinem massiven Erdgeschoss, der oberen Etage mit Sichtfachwerk und Kratzputz-Dekoration gilt das Haus heute als repräsentativer Initialbau historischer Fachwerkarchitektur. Schäfer erstellte 1874 außerdem einen ersten Entwurf des Aussichtsturms Spiegelslust.

Die Ausstellung zur Neugotik in Hessen ist bis zum 6. Februar 2015 im Foyer des Staatsarchivs am Friedrichsplatz zu sehen.

von Ina Tannert

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