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Die NS-Zeit wirft noch ihre Schatten

Die Philipps-Universität im Nationalsozialismus Die NS-Zeit wirft noch ihre Schatten

Der Marburger Historiker Professor Eckart Conze fordert, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Marburger Universität nicht beendet werden solle.

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Die Uni-Archivare Dr. Katharina Schaal und Dr. Carsten Lind vor einer Vitrine mit Archivalien zur Geschichte des Marburger Uni-Archivs im ersten Stock des Staatsarchivs.

Quelle: Manfred Hitzeroth

Marburg. Die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands wirft nach Ansicht von Professor Eckart Conze immer noch lange Schatten in allen Bereichen der Gesellschaft – auch der Uni. Conze forderte bei einer Festveranstaltung aus Anlass des zehnjährigen Wiederbestehens des Marburger Uni-Archivs, auch die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit der Philipps-Universität nicht ruhen zu lassen.

Conze hatte sich vor einigen Jahren als Teil einer vierköpfigen Gruppe von Geschichtswissenschaftler intensiv mit der Aufarbeitung der NS-Geschichte des Auswärtigen Amtes beschäftigt, was in der Veröffentlichung mit dem Titel „Das Amt“ mündete.

Aufarbeitung folgt erst nach Jahrzehnten

Der Historiker der Marburger Universität wies in seiner Festrede vor mehr als 200 Zuhörern im vollbesetzten Landgrafensaal des Staatsarchivs darauf hin, dass nicht nur die Zeit zwischen 1933 und 1945, sondern auch die Vorgeschichte in den Jahren davor sowie die Nachkriegszeit bei der Aufarbeitung in den Blick kommen müsse.

Conze (Foto: Hitzeroth) erinnerte daran, dass es an der Marburger Universität wie auch an anderen Orten der Gesellschaft jahrzehntelang zu keiner Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gekommen sei. So habe es 55 Jahre lang gedauert, bevor im Jahr 2002 eine erste wissenschaftliche Publikation der Marburger Uni in der NS-Zeit erschienen sei und hielt ein energisches Plädoyer für eine vertiefte Auseinandersetzung.

Im Vorfeld der 500-Jahr-Feier der Marburger Hochschule im Jahr 2027 seien bereits im letzten Jahr weitere Studien wie die Beschäftigung von Dr. Harald Maier-Metz mit dem Leben und Werk des 1933 von den Nationalsozialisten der Uni verwiesenen und bald darauf in die USA emigrierten Altorientalisten Albrecht Götze erschienen.

Weitere biographische Studien oder Aufarbeitungen der Geschichte von Uni-Instituten seien wünschenswert und in Vorbereitung, sagte Conze. Dabei könnten die Wissenschaftler auf umfangreiche Bestände des Universitäts-Archivs zurückgreifen.

Conze plädiert für differenzierten Umgang

Die Beschäftigung mit den Jahren 
zwischen 1933 und 1945 sei in den zurückliegenden Jahrzehnten im akademischen 
Milieu nicht immer auf große Begeisterung gestoßen, sagte Conze. „Auch in Marburg hätte 
der eine oder andere Fachbereich gerne seine NS-Akten vernichtet“.

Conze plädierte allerdings auch für einen differenzierten Umgang mit der Vergangenheit. Eine NS-Belastung könne man nicht einfach nur an dem Kriterium „Mitgliedschaft in der NSDAP“ festmachen. Auch gehe es bei der Beurteilung des Handelns von Personen nicht nur darum, ob sie an Gewaltverbrechen beteiligt gewesen seien.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund

Seit zehn Jahren wird das im Staatsarchiv untergebrachte Archiv der Marburger Universität wieder eigenständig von der Uni betreut. Am 13. April 2006 war der dafür verantwortliche Vertrag von Archivleiter Dr. Andreas Hedwig und Uni-Kanzler Dr. Friedhelm Nonne unterzeichnet worden. Die Archivarin Dr. Katharina Schaal baute das „neue Uni-Archiv“ auf und leitet es bis heute.

Auf 2250 Regalmeter ist mittlerweile der Bestand des Uni-Archivs angewachsen. Neben Akten von Instituten, Fachbereichen und der Zentralverwaltung aus knapp 500 Jahren Universitätsgeschichte zählen dazu unter anderem auch Rechnungen oder Promotionsakten. Ein immer größerer Teil der Archivalien ist online verzeichnet. „Wir können für unsere Arbeit auch die Infrastruktur des Staatsarchivs nutzen“, freut sich Schaal über die gute Kooperationen mit dem Staatsarchiv.

 
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