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Die Maschen der Sex-Mafia

Prostitution Die Maschen der Sex-Mafia

Die deutsche Sex-Industrie setzt jährlich rund 15 Milliarden Euro um. Täglich besuchen bis zu 1,2 Millionen Freier die Bordelle. Menschenhändler sorgen systematisch für Nachschub an jungen Frauen. Woher stammen sie? Die OP auf Spurensuche.

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Vor allem in ländlichen und armen Regionen Rumäniens gehen die Menschenhändler auf Streifzug, um Mädchen in die Prostitution zu führen. Hauptziel: die deutsche Rotlichtszene.

Quelle: Boris Roessler

Marburg / Galati. Cosmin Ginculescu ist Unternehmer. Er handelt mit Menschen, mit jungen Frauen. Bis zu jenem Tag im April 2011, als er in das Gefängnis Jilava nahe Bukarest gesperrt wurde. Die Anklage wirft ihm damals neunfachen Menschenhandel vor. Der 38-Jährige spricht bis heute von zwei Fällen, der Richter sah vier als bewiesen an. Er, so der Menschenhändler, habe doch nur „Bekannten einen Arbeitsplatz im Ausland besorgt“. Das Ausland, von dem er spricht, ist Deutschland. Für den dortigen Sex-Markt, der stets nach neuen, jungen Körpern verlangt, war er einer von Dutzenden Rohstofflieferanten.

„Die Preise für Mädchen sind niedrig: Sie liegen zwischen 500 und 2000 Euro“, sagt Dan Popescu von der Bukarester Anti-Aids-Vereinigung „Aras“ im Gespräch mit der OP. „Das trägt dazu bei, dass die Mädchen sehr oft die ‚Besitzer‘ wechseln und sich ihre Spur rasch verliert. Heute können sie noch in Bahnhofsnähe, zwei Tage später bereits nach Deutschland verkauft worden sein.“

Wunsch: Etwas von der Welt sehen

18 bis maximal 20 Jahre alt ist die Ware Ginculescus gewesen. Sie stammt aus Dörfern in Ost-Rumänien, nahe der ukrainischen und moldawischen Grenze. Aus Gegenden, in denen wilde Hunde im Müll wühlen und tote Pferde am Straßenrand liegen. Wo Eselskarren häufiger anzutreffen sind als Autos. Dort, in der Provinz Dobruschda, rund um die Hafenstadt Galati, gingen Ginculescus willige Helfer auf Streifzug. Cristian und Vlad klapperten Bars, Parks und Dorfläden ab, auf der Suche nach geeigneten Kandidatinnen. Junge Verkäuferinnen in ländlichen, von jeder Form des Aufschwungs abgehängten Gegenden, die sich zu Tode langweilen und pro Monat 80, 90 Euro Lohn erhalten. Die sich nach dem sehnen, wonach sich alle Mädchen sehnen: Komplimente bekommen, schöne Kleidung tragen, Schmuck besitzen, Geld verdienen– und etwas von der Welt sehen.

Jenica hat von der Welt einiges gesehen. Vor allem ihre dunklen Seiten. Die heute 27-Jährige schaffte ab 2008 unter dem Namen Nathalia auch in Hessen als Sex-Arbeiterin an  – in Marburg, Gießen und Frankfurt, dann in Hannover, später Berlin. „Ich wollte raus aus der Einöde, raus aus dem Dreck, raus aus meinem Leben“, sagt sie. Und Florin – ihr damaliger Freund – spürte das. Ein Onkel, sagte er, könne Jenica Arbeit in seinem Restaurant an der deutsch-tschechischen Grenze verschaffen. Er komme später nach. Die damals 19-Jährige – vernarrt in Florin, „er war anders als die anderen“ – witterte ihre Chance. Sie stieg in den Bus nach Bukarest, in den Zug nach Prag, in den Bus nach Teplice, in den Klein-Transporter nach Chlumec im Norden des Landes, eine knappe Autostunde südlich von Dresden. Ihren Pass hatte sie da schon nicht mehr. Florin bewahrt ihn auf, zur Sicherheit.

In Deutschland gibt es laut Behörden 44 Prostituierte

Jenica sagt, sie sei nicht skeptisch gewesen. Denn ins Ausland zu gehen, um dort Geld zu verdienen, ist in dem osteuropäischen Land nichts Ungewöhnliches: Rund zwei Millionen Rumänen arbeiten irgendwo in Europa, schicken Geld an die daheimgebliebene Familie. Viele Wanderarbeiter, viele Wanderhuren?

Lobbygruppen wie der  Bundesverband für sexuelle Dienstleister und auch Frauen-Organisationen pflegen  das Bild von Prostituierten, die selbstbestimmt einem gewöhnlichen Job nachgehen, Lohn einstreichen, sich bessere Arbeitsbedingungen einklagen, sexuelle Fantasien ausleben können. Es ist das Bild der Escortdame, die  500 bis 1000 Euro pro Nacht kassiert. Mehrheit oder Minderheit? Im Kern dreht sich der Sex-Streit um die Frage, wie viele Frauen freiwillig anschaffen. Die meisten, sagt die Sexindustrie-Lobby. Keine, sagen Prostitutions-Kritiker.

Fakt ist: Als sozialversicherungspflichtig beschäftigt gemeldet haben sich bundesweit 44 Prostituierte, darunter vier Männer. Weniger offizielle Statistiken, wie etwa das Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA), gehen von deutschlandweit 600 bis 800 Frauen und Männern aus, die jährlich von Menschenhändlern sexuell ausgebeutet,  also zu Sex gezwungen werden. Aus dem BKA heißt es: „Im Bereich des Menschenhandels müssen wir von einem hohen Dunkelfeld ausgehen.“

Ab wann spricht man von Gewalt?

An einer Frage bricht sich die Debatte um Zwangsprostitution oder Freiwilligkeit: Ist es bereits Gewalt zu wissen, wie die Folgen einer Weigerung, einer Flucht –  Vergewaltigung, Schläge, Drohungen gegen Kinder, Familie und Freunde – aussehen? Ermittlern gilt für die Unterscheidung als Indiz, wie viel Geld, das Freier zahlen, die Sex-Arbeiterinnen behalten dürfen. Sind es weniger als 50, eher 60 Prozent der Einnahmen, schrillen bei den Szene-Kennern die Alarmglocken.

„Zeigen Sie mir eine 16-, 17- oder 18-Jährige, die täglich mit unzähligen Fremden Sex haben will“, sagt Ana Nicu, Sozialarbeiterin in  Bukarest. Vielmehr seien Teenager für die Sexarbeit dressiert worden. Die Gewöhnung, der Drill mache Sex irgendwann selbstverständlich. Und selbst dann betäuben sich viele mit Drogen. Die Gewalt gegen Opfer, so dass sie mental gebrochen sind, sei subtiler als Schläge. „Dann wird ein Handybild von der kleinen Schwester auf dem Schulweg gezeigt, rhetorisch gefragt, ob sie wissen wolle, wie es ihr gehe“, sagt sie.

Hälfte der Frauen im Erotic Island aus Rumänien

Die Psychologin Iana Matei (kleines Bild)  bestätigt das. Sie ist Gründerin des ersten Frauenhauses für Zwangsprostituierte in Rumänien. „Kinder und Jugendliche werden von ihren Familien häufig sogar verkauft – aus schierer Not.“ Kinder von im Ausland arbeitenden Eltern bleiben in den Dörfern bei Verwandten zurück und seien leichte Beute von Kriminellen, die ihnen von einer besseren Zukunft im Ausland vorschwärmen. Oft suchen sich die Frauenhändler gezielt Mädchen aus, die aus schwierigen Familien­verhältnissen kommen und froh seien, „einen Beschützer gefunden zu haben“. Jemanden, der sie schätzt, liebt, beschenkt.

„Loverboymasche“ nennen Polizisten diese Methode. Es ist die Taktik, mit der auch Jenica in das Rotlichtmilieu gelockt wurde. Hinter der Masche steht meist ein ganzes Netzwerk: ein Anwerber, der Loverboy, der für beständigen Nachschub an Mädchen sorgt; einer, der den Transport organisiert und einer, der dann in Deutschland darüber wacht, dass das Mädchen nicht abspringt. Er ist es, der die Frau dazu zwingt, regelmäßig zu Hause anzurufen, zu behaupten, wie gut es ihr gehe, von der schönen Arbeit in einem Restaurant zu berichten, Geld zu schicken.

Fluktuation unter den Sex-Arbeitern ist hoch

Von den Schätzungen zufolge zwischen 200 000 und 400 000 Prostituierten in Deutschland sind Experten zufolge 80 Prozent Ausländer. Wie sehr vor allem Rumänien zum Prostitutions-Pool geworden ist, belegt eine BKA-Statistik: Mehr als 150 der 600 erfassten Menschenhandels-Opfer und 105 von 700 ermittelten Tätern kamen demnach aus Rumänien – nur Bulgarien ist vergleichbar stark betroffen. Eine Liste der Rufnamen der Prostituierten, die im Marburger Erotic Island arbeiten und welche der OP vorliegt, bestätigt den Rumänien-Boom: 18 – fast die Hälfte aller im Großbordell beschäftigten Frauen – stammen aus dem Land, das seit 2007 EU-Mitgliedsstaat ist.

Nicht eine im Großbordell ist bei den zuständigen Marburger Ämtern als Prostituierte registriert (für das Gewerbe gibt es keine Meldepflicht). Hingegen finden sich in Registern Anmeldungen als Tänzerinnen und Masseurinnen.  Kurz: Niemand weiß, wie viele Prostituierte es tatsächlich gibt – weder in der Universitätsstadt noch in einer anderen deutschen Kommune.  Polizisten sprechen von mehr als 50 Frauen in Marburgs Rotlichtszene – alleine im Erotic Island arbeiten OP-Informationen zufolge 40 in Laufhaus, Wellness-Bereich, Bar und Table-Dance. Wenige sind schon mehrere Jahre dort, die Fluktuation unter den Sex-Arbeiterinnen ist hoch.

Das Geschäft geht weiter – wegen mächtiger Banden

Unklar ist auch die Zahl jener, die aus dem Sex-Gewerbe ausgestiegen sind. Die für Prostituierten-Betreuung in der Universitätsstadt zuständige Streetworker-Organisation „Frauenrecht ist Menschenrecht“ (FiM) aus Frankfurt spricht von vier Aussteigern seit 2007. Der „Bürgerinitiative gegen Bordelle“, die Kontakt zu Szene-Kennern pflegt, zufolge sollen es weniger sein.

Jenica ist eine, die dem Sex-Sumpf entkommen ist. Ein Freund – kein Ex-Freier – habe ihr vor drei Jahren geholfen. Sie arbeite seitdem tatsächlich in einem Restaurant. Der verurteilte Menschenhändler Cosmin Ginculescu gibt sich unterdessen reuig. Zwei Jahre in einem rauen Gefängnis, sagt er, änderten einen Menschen. Aber: „Mächtige Clans haben längst Gebiete und Nachschubrouten unter sich aufgeteilt. Das Geschäft wird weitergehen – auch ohne mich.“

von Björn Wisker

Tagung in Marburg

Am Samstag, 25. April, findet in Marburg (Rathaus) eine internationale Prostitutions-Tagung statt.

 Programm:

  • 10.15 Uhr: Vortrag „Lebensrealität von Prostituierten“
  • 11.30 Uhr: „Auswirkungen legalisierter Prostitution auf die Gesellschaft"
  • 14.00 Uhr: „Analyse zur Geschlechtergerechtigkeit“
  • 15.15 Uhr: „Sexkaufverbot – eine Polizeiperspektive“.
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