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„Die Lügen Hitlers entlarven“

"Mein Kampf" in kommentierter Edition „Die Lügen Hitlers entlarven“

Ab dem 1. Januar ist die Verbreitung von Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“  in Deutschland urheberrechtlich wieder frei möglich. Historiker bringen daher eine kommentierte Ausgabe heraus.

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Der Marburger Historiker Professor Eckart Conze begrüßt die Verbreitung einer kommentierten Edition der Hetzschrift „Mein Kampf“.

Quelle: dpa

Marburg. Es ist ein Buch das wie kaum ein zweites eine gewisse Faszination ausstrahlt. Um Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ ranken sich viele historische Mythen. „Für den Nationalsozialismus ist es einfach eine zentrale Quelle – daran führt kein Weg vorbei“, sagt Eckart Conze, Professor der Neueren Geschichte an der Philipps-Universität Marburg. In Deutschland war das Buch bisher verboten. Doch wer es lesen wollte, der konnte es auch beziehen, ist sich Conze sicher. Sei es über das Internet, über einen Kauf im Ausland oder auch über Antiquariate. Schließlich habe die Schrift in der Zeit des Nationalsozialismus eine „enorme Auflage“ gehabt und die Ausgaben seien nicht alle mit Kriegsende verschwunden.

Bis 1945 erreichte „Mein Kampf“ in Deutschland eine Auflage von 9,8 Millionen Exemplaren. Aber darf ein hetzerisches Propaganda-Werk wie „Mein Kampf“ tatsächlich wieder verkauft werden – so, als sei es ein normales Buch? Zuletzt warnte unter anderem der Zentralrat der Juden vor einer unkommentierten Verbreitung von Hitlers abscheulichem Gedankengut. Ab dem 1. Januar 2016 ist der Druck und Verkauf des Buches jedoch urheberrechtlich gesehen möglich.
Bisher war es der Freistaat Bayern, der eine Neuauflage der Propaganda-Schrift verhinderte. Als Rechtsnachfolger des nationalsozialistischen Franz-Eher-Verlages war das Bundesland im Besitz der Urheberrechte. Ende 2015, 70 Jahre nach dem Tod des Diktators, laufen diese jedoch aus. Wie bei allen Werken üblich, kann auch „Mein Kampf“ nun von jedermann neu aufgelegt werden.

Straftat Volksverhetzung soll Verbreitung stoppen

Die Justizminister der Länder berieten aus diesem Anlass über ein neues Gesetz, welches die Verbreitung des „Führer“-Buches weiterhin verbieten sollte. Ergebnis: Ein Sondergesetz für ein einzelnes Buch sei nicht sinnvoll. Stattdessen sollen die bestehenden Gesetze – etwa der Tatbestand der Volksverhetzung – angewendet werden, um den Nachdruck zu unterbinden. Wie effektiv dieser Ansatz tatsächlich ist, wird möglicherweise vor Gericht entschieden.

Historiker des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München bringen jedoch eine kommentierte Version heraus, welche die ideologisierte Weltsicht, die verdrehten Wahrheiten und falschen Aussagen Hitlers in seinem Buch entlarven sollen.

Auf rund 2 000 Seiten in zwei Bänden, von denen 780 aus dem Original stammen, soll die abstruse Weltanschauung, die der spätere Diktator während seiner Festungshaft 1924 zu Papier gebracht hatte, in die historische Wirklichkeit eingeordnet werden. In etwa 5 000 wissenschaftlichen Kommentaren werden die Behauptungen aus einzelnen Textpassagen auf ihre Herkunft und ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft. Das IfZ arbeitet schon seit 2012 an der wissenschaftlichen Einordnung der Hetzschrift und hatte dafür zunächst die Zusage des Landes Bayern für eine Förderung über 500 000 Euro erhalten. Ministerpräsident Horst Seehofer zog diese Zusage jedoch später zurück. Nichts­destotrotz hat das IfZ die Veröffentlichung im Januar 2016 angekündigt.

„Ich kann diese Entwicklung nur begrüßen“, sagt Conze. Gerade vor dem Hintergrund der möglichen unkommentierten Verbreitung sei es „ganz wichtig, dass eine kritische Version existiert“. Der enorme Seitenumfang sei „natürlich eine große Hürde“, die Münchener Edition zu lesen, ohnehin aber sei auch das Original Hitlers „in einer fürchterlichen, kaum lesbaren Sprache geschrieben“. Die kommentierte Ausgabe richte sich daher nicht primär an ein Massenpublikum, sondern diene vor allem wissenschaftlichen Zwecken. Gesellschaftliche Aufklärung sei jedoch ein wünschenswerter ­Nebeneffekt, denn „Unterdrückung funktioniert nicht“, so Conze. Wenn sich jemand mit dem Werk befassen wolle, sei es gut, dass die kommentierte Fassung existiere. Einwände, die Neuauflage verletze die Gefühle der Holocaust-Opfer, teilt aber Conze nicht. Gerade in Israel sei das Interesse an der kritischen Edition sehr groß.

Conze: „Keine Entwürdigung der Opfer“

Zudem handele es sich um eine Form der Aufarbeitung, die keine Entwürdigung der Opfer darstelle. Vielmehr liege es auch in deren Interesse, die Faszination an dem Buch „ein Stück weit zu brechen“ und „die Lügen und Verdrehungen Hitlers zu entlarven“. Durch die Arbeit der Münchener Kollegen gebe es in der Hetzschrift „keinen Stein mehr, der nicht umgedreht wird“.

Auch dass die Verfügbarkeit des Werkes Rechtsradikalen eine Möglichkeit böte, sich auf darin getroffene Aussagen zu berufen, glaubt der Historiker nicht. „Für heutige Rechtsradikale ist ,Mein Kampf‘ keine Handlungsanweisung mehr. Man ist vielleicht stolz darauf, ein Exemplar zu besitzen, aber im 21. Jahrhundert gibt es in der Szene ganz andere Leitschriften.“ Eine Ansicht, die auch der Marburger Rechtsextremismus-Experte Professor Benno Hafen­eger teilt: „Man sollte keine Angst haben, dass da ein neues Verführungswerk auf den Markt kommt. Die Rechte braucht darauf keinen Zugriff, um ideologisch gefestigt zu sein“.

Conze erhofft sich durch die kommentierte Ausgabe weiterführende neue Erkenntnisse über die NS-Zeit. „Mein Kampf ist sicherlich ein autobiografisches Dokument bezogen auf Hitler. Dieser sammelte aber eigentlich nur viele Gedanken und Positionen, die seit der Zeit des Kaiserreiches in Deutschland weit verbreitet waren, und brachte sie zwischen zwei Buchdeckel.“ Auch der häufig gehörte Satz, „Mein Kampf“ habe bei vielen nur im Regal gestanden und sei nicht gelesen worden, sei nicht einfach als Wahrheit zu akzeptieren. Dies sei vielmehr Teil einer „deutschen Entlastungslegende“ nach dem Krieg. Nicht zuletzt, weil Hitlers Ansichten auch in der Bevölkerung weit verbreitet gewesen seien, sei der Quellenwert von „Mein Kampf“ sehr hoch.

von Peter Gassner

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