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Die Lieblings-Bücher des Literaturpapstes

LIterarischer Nachlass von Reich-Ranicki Die Lieblings-Bücher des Literaturpapstes

Ein großer Teil der Privatbibliothek des deutschen Literaturpapstes Marcel Reich-Ranicki liegt noch in Kartons verpackt in der Germanistischen Bibliothek der Universität.

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Kurz vor seinem Tod war Marcel Reich-Ranicki in Marburg. Professor Thomas Anz verwaltet seinen literarischen Nachlass.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die guten Kontakte des mittlerweile emeritierten Marburger Germanistik-Professors Thomas Anz zu Marcel Reich-Ranicki machten es möglich, dass die Privatbibliothek des im September 2012 verstorbenen Kritikers zu großen Teilen an die Universität Marburg kam. Bereits im Jahr 2010 spendete Reich-Ranicki einen Großteil der Bücher aus seiner Bibliothek, besonders Doubletten, an die Universität, wo von Professor Anz 2011 die Arbeitsstelle Reich-Ranicki gegründet wurde. Nach Reich-Ranickis Tod kamen noch 120 Kartons mit Büchern und einige Bücherträger nach Marburg, vor allem mit Büchern von Reich-Ranickis Lieblingsautoren wie Thomas Mann, Theodor Fontane oder Goethe.

Mittlerweile ist klar, dass Anz nicht nur diesen Teil des Nachlasses betreut, sondern auch als „Teil-Testamentsvollstrecker“ in Kooperation mit dem Sohn des Literaturkritikers und den Erben für die literatische Nachlass-Verwaltung zuständig ist. Dazu zählt beispielsweise die Aufgabe, Verhandlungen mit Verlagen zu führen und sich um die Honorarabrechnungen zu kümmern, erläuterte Anz im Gespräch mit der OP. Er übernimmt gewissermaßen alle Aufgaben eines Literatur-Agenten für den Verstorbenen.

Ein Problem liegt darin, dass der literarische Nachlass gespalten ist. In Marburg befindet sich das Rezensionsarchiv mit den Rezensionen Reich-Ranickis. Der Briefwechsel des Kritikers wird zu großen Teilen im Literatur-Archiv in Marbach aufbewahrt. Dorthin wandern auch spezielle Bücher aus der Privatbibliothek Reich-Ranickis, in denen sich spezielle Widmungen für ihn befinden oder in die er besondere Anmerkungen hineingeschrieben hat.

Mit der Auswertung der nach Reich-Ranickis Tod nach Marburg gebrachten Bücher ist derzeit Dr. Lydia Kaiser, die Leiterin der Germanistischen Bibliothek der Uni Marburg, befasst. Dazu sichtet sie in den Kartons jedes einzelne Buch.

Von der „neuen Lieferung“ aus dem vergangenen Jahr sind bereits knapp 450 Bücher - ungefähr ein Drittel - gesichtet und archiviert worden, die nun auch im Bestand der Bibliothek aufgenommen worden sind. All diese Bücher bekommen einen speziell angefertigten „Ex Libris“-Aufkleber, der auf die Herkunft aus der Privatbibliothek von Marcel Reich-Ranicki hinweist. Welches diese Bücher sind, lässt sich auch elektronisch über das „Opac“-System der Uni-Bibliothek unter dem Stichwort „Privatbibliothek Reich-Ranicki“ recherchieren.

Kein Hollywood-Film des Literaturpapstes

Bei der Durchsicht erlebte Kaiser bisher einige Überraschungen. Denn sie fand nicht nur Bücher, sondern beispielsweise auch Hörbuch-CD‘s oder Verfilmungen von Literatur-Klassikern wie Goethes „Faust“.

Besonders gespannt war Kaiser, was für eine DVD sich in einer Hülle mit der Aufschrift „Property of Warner Brothers/Marcel Reich-Ranicki“ befand. War dieser Film mit dem Titel „Russischer Sommer“ etwa ein bisher unveröffentlichter Hollywood-Film des Literaturpapstes? Die Hoffnung, einer kulturhistorischen Sensation auf der Spur zu sein, zerschlug sich jedoch bei Sichtung des Films in der Bibliothek. Es handelte sich um einen Film über das Leben des russischen Schriftstellers Leo Tolstois, der auch ausweislich des Abspanns ohne jegliche Beteiligung Reich-Ranickis gedreht worden war.

Neben den Büchern von Thomas Mann oder Goethe entdeckte Kaiser in den „neuen Kartons“ auch viele Werke von Wolfang Koeppen, aber auch viele Bücher von berühmten deutschen Literaturkritikern wie Friedrich Schlegel, Alfred Kerr oder Karl Kraus.

Für künftige Forschungsprojekte bietet das Verzeichnis der Bücher jede Menge Anhaltspunkte über das Lese- und Sammelverhalten des Literaturpapstes. Doch die Bücher alle gemeinsam wie in der Gelehrtenbibliothek des Kritikers aufzustellen und dort zugänglich zu machen, das scheitert wohl zunächst ganz schlicht an Platz-Problemen. Zumindest ein Teil des Nachlasses inklusive der Rezensionsordner ist derzeit in der Arbeitsstelle Reich-Ranicki in er Bunsenstraße aufgestellt. „Die Aufarbeitung und der Vergleich der verschiedenen Fassungen der Rezensionen ist ein Riesenforschungsprojekt“, weiß Professor Anz. Und das lohnt sich aus seiner Sicht auf jeden Fall. „Reich-Ranicki hat das literarische Leben in Deutschlands schließlich 50 Jahre lang nachhaltig geprägt“, sagt Anz.

von Manfred Hitzeroth

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