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"Die Leute sehen nur den Stock“

Hör- und Sehbehinderung "Die Leute sehen nur den Stock“

Gehörlos oder schwerhörig? Blind oder sehbehindert? Taubblind? Jedes Prozent weniger hören oder sehen stellt eine andere Behinderung dar, sagt die Marburgerin Heike Herrmann-Hofstetter.

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Marburg. Pünktlich um 15 Uhr schließt das Café Lahnblick in Wetzlar am Mittwochnachmittag. Dabei hat die Zeit zum Kaffeetrinken gerade­ erst begonnen. Grund dafür sind aber nicht etwa ausgegangener Kuchen oder defekte Kaffeemaschinen; es sind Menschen, die ein ähnliches Behinderungsbild teilen. „Wenn wir uns treffen, sollen alle alles verstehen“, sagt Heike Herrmann-Hofstetter, und das sei nur möglich, wenn um ihren Tisch herum keine ­Nebengeräusche störten. Denn im Café Lahnblick kommen am Mittwoch vor allem Menschen zusammen, die kaum noch ­etwas sehen oder ganz schwer hören.

Usher-Syndrom: gehörlos und sehbehindert

Herrmann-Hofstetter ( Privatfoto) ist nahe­zu komplett erblindet, Fajaz ­Latifi ist von Geburt an gehörlos und sieht immer weniger, wohingegen es um die Augen und Ohren von Hans Naudit und Hermann Butkewitz noch recht gut steht; sie sind dabei, weil sie jeweils eine erblindete gehörlose Frau begleiten.

Naudit sucht Antworten auf einige Fragen, Butkewitz möchte sich ein Bild von dem alle drei Monate stattfindenden Treffen­ machen und nachsehen, ob seine Bekannte vielleicht beim nächsten Mal selbst teilnehmen könnte: „Sie hatte Angst, herzukommen, weil sie im Rollstuhl sitzt und nur über das Lormen kommunizieren kann.

Lormen: Eine Kommunikationsform, bei der der Sprechende auf die Handinnenfläche des Gehörlosblinden tastet und ihm darüber Buchstaben vermittelt. Am Mittwoch ist keiner der Gäste darauf angewiesen. Solange­ Fajaz Latifi zumindest noch minimal sehen kann, wird er es auch nicht sein. Auf seinem Handy zeigt er ein Foto, in der Mitte ist ein Eis mit einem Kreis rundherum zu sehen, außerhalb des Kreises ist alles schwarz.

Latifi vermittelt den anderen, dass er nur noch so sehen kann, wie es auf dem Foto dargestellt ist. Er leidet unter dem sogenannten Usher-Syndrom, einer Kombination aus Gehörlosigkeit und Sehbehinderung, die bis zur Erblindung führen kann. Der gebürtige Afghane ist von Geburt an gehörlos, mit 15 haben seine Eltern erst bemerkt, dass auch mit seinen ­Augen ­etwas nicht stimmt. Seine ­Geschichte erzählt Latifi über Gebärdensprache.

Begleiterin Susanne Hedrich überträgt es in Worte und teilt es den anderen mit: „Ich bin beim Fußball immer mehr gefallen, Fahrrad fahren wurde zur Gefahr. Tagsüber ging es erst noch, doch bei Dunkelheit fiel es mir immer schwerer, mich zu orientieren“, erzählt Latifi.

Eine Brille hätte er damals tragen sollen, doch die habe er in den Müll geworfen. Zu groß sei der Frust gewesen; auch deshalb, weil er von seinen Mitmenschen gehänselt worden sei, von seiner Behinderung hätten sie nichts gewusst. Inzwischen hat sich Latifi mit seiner Erkrankung arrangiert, er lacht viel, erfreut sich vor allem an der Unterhaltung mit Begleiterin Susanne Hedrich. Auch sie hat ein Handicap - und trägt es mit Fassung: „Ich bin gehörlos und kann trotzdem hören“, sagt sie. Wie das geht? Vor einigen Jahren wurden ihr sogenannte­ Cochlea-Implantate eingesetzt, erst am einen Ohr, Jahre später am anderen. Mit dem Ergebnis ist sie zufrieden: „Ich kann inzwischen sogar Vogelstimmen unterscheiden“, sagt sie. Ein echtes Erlebnis, schließlich ist Hedrich seit ihrem zweiten Lebensjahr schwerhörig. Susanne Hedrich ist die einzige Gehörlosblinden-Assistentin in Hessen, 120 davon gibt es in Deutschland - bei mehr als 6000 Gehörlosblinden. Ein Missstand - darüber herrscht in der Runde ­Einigkeit.

Taubblindheit ist erst seit drei Monaten anerkannt

Erst seit Dezember 2016 ist Gehörlosblindheit als Krankheitsbild anerkannt, „die Ausbildung zum Gehörlosblinden-Assistenten ist in Hessen kein anerkannter Beruf“, schildert Hedrich. ­Ihre Forderung: „Jeder Gehörlosblinde braucht einen Assistenten, der von der Krankenkasse bezahlt wird.“

Im „Prozess der Erblindung“, wie sie es selbst nennt, ist auch Heike Herrmann-Hof-stetter: „Ich wundere mich oft, wie viel weniger es immer noch werden kann“, sagt sie. Inzwischen habe sie einen Blindenstock als ihren regelmäßigen Begleiter akzeptiert, doch dafür brauchte sie sechs Jahre: „Die Menschen sehen nur den Stock; ich wünschte, sie würden uns einfach als ganz normale Mitbürger ­wahrnehmen.“

Herrmann-Hofstetter ist Referentin für Hörsehbehinderte­ und hat das Treffen des Blindenbundes in Wetzlar organisiert. Dass sie tatsächlich nahezu blind ist, ist ihr nicht anzusehen: „Das Problem liegt nicht an den Augen, sondern am Augenhintergrund“, schildert sie. Auch in Marburg hat die Referentin für Hörsehbehinderten- und Taubblindenarbeit ein regelmäßiges Treffen von Betroffenen und Angehörigen ihres „Nischenthemas“ auf den Weg gebracht. „Wir treffen uns jeden ersten Dienstag im Monat zwischen 15 Uhr und 18 Uhr“, sagt Herrmann-Hofstetter. Ein Café im Südviertel stellt dafür Platz zur Verfügung. Darüber ist Hermann-Hofstetter dankbar, aber dennoch sucht sie weiter eine Räumlichkeit, „wo wir auch die Türen schließen können“, sagt sie. Denn Ruhe sei wichtig. Besonders für Menschen die Hörgeräte­ tragen, erklärt sie: „Diese Geräte verstärken eben alle ­Geräusche“. Je mehr Sinnesbehinderungen bestehen, desto schwieriger ist eben auch die Kommunikation“.

Kontakt zu Heike Herrmann-Hofstetter: ­Telefonnummer 06421/166734, Email-Adresse: heike.monika@t-online.de

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