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Die Kunst, Durchatmen zu lernen

Burnout-Prophylaxe Die Kunst, Durchatmen zu lernen

24 Stunden unter Strom. Sieben Tage die Woche. Abschalten? Ausspannen? Für manch einen unmöglich. Im Burnout-Prophylaxe-Kurs soll genau das wieder gelernt werden: Pausen einzuhalten, Ruhe zuzulassen.

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Marburg. Die strafenden Blicke, wenn er zu seinem Handy greift, sieht er schon lange nicht mehr. Beim Feierabendbier mit Freunden checkt er zwischen Bestellung und Flachwitz schnell noch seinen Terminkalender. Den entspannten Fernsehabend mit der Freundin unterbricht er, um die Arbeitsmails abzurufen. Spazierengehen mit dem Hund - und schnell eine Antwort an den Chef getippt. Feierabend? Das Wort kennt er. Seine Bedeutung jedoch nicht mehr. Irgendwann ist in ihm das Gefühl, Feierabend machen zu dürfen, verloren gegangen. Immer erreichbar, immer abrufbar, immer unter Strom. Er ist motiviert, ja. Vielleicht übermotiviert. Krank sein? Für solche Scherze hat er keine Zeit. Weiter. Weiter. Immer weiter. Und irgendwann, zwischen Mails abrufen und Termindruck kam sie, diese bleierne Müdigkeit. Die Frage: Kann ich das alles überhaupt noch? Will ich das noch? Renne ich gerade meinem Leben hinterher?

An diesem Punkt kommt Reinhild Wawzin ins Spiel. Die 43-Jährige ist Psycho- und Physiotherapeutin und Körperpsychotherapeutin nach dem Heilpraktikergesetz. Sie hat im Laufe ihrer Berufsjahre zahlreiche Menschen gesehen, denen das eigene Lebenstempo irgendwann die Energie geraubt hat. Menschen, die versäumt haben, sich eine Pause zu gönnen, als sie es am dringendsten nötig hatten. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Marburg bietet Reinhild Wawzin Burn­out-Prophylaxe-Kurse an. Wobei sie mit der Kurzbezeichnung „Burn­out“ selbst ein wenig zu hadern scheint. „Die Bezeichnung Burnout ist in den letzten Jahren in aller Munde. Dabei handelt es sich bei Burnout um ein Gefährdungspotenzial. Es ist nicht als Krankheit anerkannt. Ärzte müssen sich immer überlegen, wie sie es überhaupt greifen können, damit es behandelt und auch abgerechnet werden darf.“

Ob anerkannt oder nicht. Wawzin beobachtet eine auffallende Entwicklung in der Gesellschaft: „Es gibt eine Bewegung, dass Menschen zum Arzt gehen und sagen, dass sie nicht mehr können“, erklärt Wawzin. „Die Arbeitsbelastung hat sich verändert. Das Tempo ist in den vergangenen Jahren enorm hoch gegangen. Viele müssen am Tag hunderte Mails beantworten. Die Trennung zwischen Beruf und Privatem wird nicht ernst genommen. Außerdem ist eine Dokumentationspflicht hinzugekommen“, nennt Wawzin nur einige der Faktoren. „Manche Menschen, die gern mit Technik umgehen und die neuen Entwicklungen auffangen können, die können mit dem Strom mitschwimmen. Andere, die vielleicht ein anderes Tempo, andere Talente haben, fallen hinten über“, so die Kursleiterin. „Und die, die da raus fallen, werden als leistungsschwach bewertet.

Den Stress aus dem Alltag verbannen - das kann Reinhild Wawzin nicht. Sie kann aber Pausen einfordern. Kurze Auszeiten im Alltag, in denen neue Energie getankt, einmal durchgeatmet werden kann.

„In dem Kurs geht es darum, selbst Verantwortung für sich zu übernehmen.“ Die Warnzeichen des eigenen Körpers zu erkennen und richtig zu deuten“, so die 43-Jährige. „Ich möchte Aufklärungsarbeit leisten und Hilfe an die Hand geben.“ Hilfe, die nicht nur auf trockener Theorie basiert. „Ich gebe den Kursteilnehmern viele Übungsbeispiele mit an die Hand, die sie über den Tag verteilt machen können.“ Übungen, die Muskelverspannungen lösen können. Aber auch solche, die die Augen entspannen oder aber die Atmung in Richtung Wohlgefühl beeinflussen. „Man muss lernen, sich auch mal eine Minute nicht mit der Arbeit zu beschäftigen, sondern mit sich selbst. Raucher nehmen sich auch ihre Pausen.“

Die Überforderung, das typische „ich kann nicht mehr-Gefühl“, es ist nicht berufs-, nicht alters- und erst recht nicht geschlechtsabhängig. Warnzeichen, so Reinhild Wawzin, dass der Stress gesenkt werden solle, sende der Körper schon frühzeitig. Schlafstörungen, Muskelverspannungen, vermehrtes Schwitzen, Harndrang, Tinitus. Nur ein Auszug aus einer schier endlos langen Liste. „Vielen geht es am Wochenende körperlich und seelisch besser. Vorerst zumindest. Ab dem Sonntagmittag beginnt das Druckgefühl, ausgelöst durch die bevorstehende Arbeitswoche.“

Der Burnout-Prophylaxe-Kurs soll wachrütteln. Bewusstsein schaffen. Eine Stütze im Alltag sein. Bisher macht Reinhild Wawzin eine besondere Beobachtung: „Das Angebot nutzen überwiegend Frauen. Männer brauchen noch mehr die Einladung und die Erlaubnis, sich um sich zu kümmern. Auch sie dürfen sensibel sein.“

Die Psycho- und Physiotherapeutin geht einen Schritt weiter: „Manchmal denke ich, es wäre schön, wenn solche Kurse für alle verpflichtend wären. Es sollte schließlich zum guten Ton gehören, sich um sich selbst zu kümmern.“

von Marie Lisa Schulz

Hintergrund

  • Der nächste Burnout-Prophylaxe-Kurs findet am Sonntag, 21. April, von 10 bis 17.30 Uhr statt. 
  • Anmeldungen nimmt die Volkshochschule Marburg unter : 06421/201246 entgegen.
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