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Die High-End-Medizin und der Blinddarm-Patient

UKGM Die High-End-Medizin und der Blinddarm-Patient

Stabwechsel am UKGM: Professor Harald Renz, der bisherige Leiter der Klinik für Labormedizin, wurde gestern Abend als neuer Ärztlicher Direktor vorgestellt. Die OP sprach mit dem neuen und dem alten Ärztlichen Direktor über Stärken und Schwächen des Universitätsklinikums und des Standorts Marburg.

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Amtsantritt: Professor Harald Renz will die Stärken des Universitsklinikums Marburg weiter entwickeln. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. OP: Was sind die dringendsten Probleme des UKGM in Marburg?

Professor Harald Renz: Das UKGM ist mit seinen rund 2 200 Betten in Marburg und Gießen und mit international anerkannten Ärzten in vielen medizinischen Fächern zweifellos eines der fünf größten Klinika in Deutschland, ein Ort internationaler Spitzenmedizin. Gleichzeitig füllen wir in Marburg, anders als etwa in Gießen, die Funktion eines Grund- und Regelversorgers mit aus. Wir helfen damit bei der stationären Basisversorgung von Landkreispatienten. Diese beiden Dinge zusammenzubringen – die High-End-Medizin und den Patienten, dem ein Blinddarm entfernt werden muss, ist eine Aufgabe, die andere Universitätsklinika, vielleicht mit wenigen Ausnahmen, so nicht haben. Leider hat sich die Identifikation der Bevölkerung, aber auch der Ärzte, mit dem UKGM verändert. Früher hieß es immer „Unser Klinikum“ – das hört man heute leider seltener. Die Gründe sind vielschichtig und wir müssen deshalb gemeinsam nach vorne schauen und neue, innovative Lösungen suchen. In den vergangenen Jahren haben wir unsere Effizienz schon erheblich gesteigert. Wir müssen uns überlegen, wie wir der Nachfrage nach weiterer Versorgung unserer Patienten im Landkreis und darüber hinaus gerecht werden können. Dies geht aber nur mit allen Ärztegruppen im Landkreis zusammen.

OP: Wo sehen Sie die Stärken des UKGM-Standorts Marburg?

Professor Renz: Unsere Stärke ist die enge Verbindung von klinischer Forschung und Patientenversorgung. Wir haben in Marburg zahlreiche Spitzenärzte, die zugleich Spitzenforscher sind, das betrifft die Onkologie, geht aber weit darüber hinaus. Ich kann hier nur Beispiele nennen wie die Infektions- und Entzündungserkrankungen, die Neurowissenschaften, das Zentrum für unerkannte und seltene
Krankheiten, die Gynäkologie und die operative Medizin. Deren Forschungsergebnisse kommen direkt dem Patienten zugute. Unser Kompetenzzentrum für klinische Studien ist bundesweit und international beispielgebend.

OP: Welche Entwicklungen wollen Sie als Ärztlicher Direktor im UKGM vorrangig anstoßen?

Professor Renz: Zunächst wollen wir unsere Stärken weiter entwickeln. Zudem befinden wir uns gesamtgesellschaftlich in einer Umbruchphase der medizinischen Versorgung. Es wird immer schwieriger, die Versorgung der Patienten auch im ländlichen Bereich und in der Fläche sicherzustellen. Dies hat mit der Überalterung der Gesellschaft, aber auch mit der Tatsache zu tun, dass es offensichtlich immer unattraktiver wird für Fachärzte, ihre Praxen im ländlichen Bereich zu eröffnen. Hier sind wir in der Universitätsmedizin besonders gefordert zusammen mit unseren niedergelassenen Kollegen. Eine weitere große Kompetenz ist die Ausbildung von Medizinstudenten und die Weiterbildung von Fachärzten. Wenn es uns gemeinsam gelingt, eine stärkere Identifikation mit dem Standort zu entwickeln, hilft das der ganzen Region.

OP: War die Privatisierung des UKGM vor zehn Jahren ein Fehler?

Professor Renz: Ich war zunächst begeistert von der Idee, dann kamen die Konflikte, die wir aus den vergangenen Jahren alle kennen. Diese Konflikte haben und hatten aber nur bedingt mit der Privatisierung zu tun, sondern beruhen im ganz Wesentlichen auf den landes-, bundes- und gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen, vorgegeben durch den Gesetzgeber. Ich bin fest davon überzeugt, dass mit der neuen Rhön AG das UKGM eine ganz neue Perspektive hat. Wir können uns nun im Rhön-Verbund besser einbringen, wir können im Konzern eine Vorreiter-Rolle einnehmen. Da hat Marburg noch viel Luft nach oben.

Professor Jochen A. Werner: Fehler bei Privatisierung

OP: Was sind die dringendsten Probleme des UKGM in Marburg?

Professor Dr. Jochen A. Werner: Dringende Probleme betreffen zunächst einmal die Finanzierung der Deutschen Universitätsmedizin im Allgemeinen. Hierauf wurde wiederholt auch vom Verband der Deutschen Universitätsklinika hingewiesen. Davon abgesehen hat sich die Rhön-Klinikum AG mit vollzogener Privatisierung der UKGM GmbH dazu verpflichtet, ohne Zuschüsse des Landes auszukommen. In der Rückschau war dies ein Fehler. Ohne Korrektur dieser Entscheidung hat das UKGM einen klaren Wettbewerbsnachteil, nicht nur in der Gruppe der Universitätsklinika, inzwischen sogar in der Krankenhauslandschaft in öffentlicher Trägerschaft. Dies ist umso gravierender, wenn man bedenkt, dass die UKGM GmbH zu den aus wirtschaftlicher Sicht besten Performern deutschlandweit gehört. Ein weiteres immer noch sehr großes Problem der Marburger Universitätsmedizin ist ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Die Formierung verschiedener Gruppen gegen das Klinikum, hat weit mehr Schaden als Nutzen angerichtet.
Die Mitarbeiterschaft wird durch stetige Kritik von außen unzweifelhaft irgendwann demotiviert. Oberschüler und deren Eltern nehmen das über Jahre vielfach negative Erscheinungsbild der Marburger Universitätsmedizin in der Presse kritisch wahr. Wie sollen so die besten Abiturientinnen und Abiturienten für ein Medizinstudium gewonnen werden und um diese geht es im Wettbewerb der Universitätsklinika. Es ist doch einfach nicht verständlich, dass die öffentliche Wahrnehmung über eine Distanz von 35 Kilometern mit positiver Zustimmung in Gießen und konsequenter Ablehnung in Marburg irgendeine sinnhafte
Basis hat. Der eine Standort wollte und der andere wollte eben nicht privatisiert werden.

OP: Wo sehen Sie die Stärken des Standorts in Marburg?

Professor Werner: Die Stärken des Marburger Standortes liegen zum einen im Gebiet der Onkologie. Die Krebsmedizin – und diese ist sehr gut aufgestellt mit dem Anneliese Pohl Krebszentrum – muss zwingend weiter gestärkt werden, will man im bundesweiten Wettbewerb Onkologischer Spitzenzentren sichtbar sein. Der Ausbau dieses Zentrums muss aus meiner Sicht mit aller Konsequenz vorangetrieben werden.
Aber genau da gibt es noch Schwächen. Lassen Sie mich ein Beispiel zur fehlenden Konsequenz in der onkologischen Schwerpunktbildung der mittelhessischen Universitätsmedizin geben. Überflüssige Abstimmungsschwierigkeiten haben dazu geführt, dass die Kinderonkologie von Gießen nicht nach Marburg verlagert wurde. Aus der Außenbetrachtung war und ist dies nicht nachvollziehbar, gibt es in Marburg hervorragende Voraussetzungen zur Knochenmarktransplantation im José‑Carreras-Leukämiezentrum bei Herrn Professor Neubauer.
Hinzu kommt die Kinderonkologie im Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum. Ich habe diesen Ansatz der kinderonkologischen Fokussierung in Marburg mit aller Kraft versucht, jedoch ohne Erfolg. In dieser Diskussion darf nicht unerwähnt bleiben, dass es uns gelungen ist, einen ausgezeichneten Kinderchirurgen mit onkologischem Schwerpunkt nach Marburg zu berufen.
Weitere Stärken sind natürlich die Virologie, die Mikrobiologie und die Immunologie, geprägt durch hervorragende Wissenschaftler. Ebenfalls exzellent strukturiert, aber immer noch zu wenig nach außen kommuniziert, sind die Stärken Marburgs in der Studentischen Lehre.

OP: Welche Entwicklungen soll der neue Ärztliche Direktor im Marburger Universitätsklinikum vorrangig anstoßen?

Professor Werner: Herr Professor Renz wird ohne jeden Zweifel seine Strategie haben und wurde von mir über sämtliche Hintergründe umfänglich informiert. Ihm obliegt es, weiter Ruhe in die Kommunikation vom Klinikum mit niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie den Bürgern der Region zu schaffen. Weitere Ratschläge möchte ich an dieser Stelle nicht erteilen.

OP: War die Privatisierung des UKGM ein Fehler?

Professor Werner: Die Feststellung, dass sich Privatisierung und Universitätsmedizin einander ausschließen, ist viel zu häufig und dies nicht selten auch in Unwissenheit getroffen worden. Man kann Universitätsmedizin ökonomisch führen, das Primat von Lehre und Forschung darf allerdings nicht tangiert werden. Beim „Projekt UKGM“ kam allerdings einiges zusammen, was in der Gesamtschau genau für dieses Beispiel die Schlussfolgerung „die Privatisierung des UKGM vor 10 Jahren war ein Fehler“ zulässt. Der größte Fehler bestand dabei in der Konzeption durch die Politik und nicht durch den Krankenhausbetreiber. Hätte man sich nur und ausschließlich auf Gießen konzentriert, wäre das Ergebnis aus meiner Sicht ein vollkommen anderes. Zwei traditionell konkurrierende Universitätskliniken zu einem zu fusionieren, dies dann auch noch bei Erhalt der Eigenständigkeit beider Kliniken im Krankenhausplan und darüber hinaus die Medizinischen Fachbereiche beider Universitäten zu bewahren, eigenständig, das konnte nur begrenzt funktionieren. Diese Vorgabe der Politik hatte die Rhön Klinikum AG umzusetzen und konnte auf diverse Entscheidungen der Fachbereiche keinen Einfluss nehmen. 

von Till Conrad

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